Erfolgreiche Teamarbeit Diesen Typ braucht jede Gruppe

Die US-Weltraumbehörde untersucht für ihre bemannte Marsmission das Zusammenspiel in Gruppen. Die Erkenntnis: Soll ein Team erfolgreich sein, muss ein bestimmter Charakter auf jeden Fall vertreten sein.

Crewmitglieder der Testmission "Hera" der Nasa
NASA

Crewmitglieder der Testmission "Hera" der Nasa

Aus Washington berichtet


Oft lässt sich der Nutzen der Raumfahrt für den Menschen auf der Erde nicht sofort erkennen. Doch als Forscher am Sonntag auf der Wissenschaftskonferenz AAAS in Washington neue Erkenntnisse zur Marsmission der Nasa vorstellten, wurde schnell klar, dass diese den Alltag von uns allen verbessern könnten.

Die Nasa will 2033 erstmals Raumfahrer auf die ungefähr 400 Millionen Kilometer lange Reise zum Mars schicken. Eine der größten Herausforderungen dabei ist der Faktor Mensch. Denn für die Mission müssen die Astronauten mindestens drei Jahre lang, Tag und Nacht auf engstem Raum zusammenleben und -arbeiten. Damit das klappt, erforscht die Nasa nicht nur das Weltall, sondern auch die Psyche des Menschen.

Jede Gruppe braucht einen Clown

Über zehn Jahre hat der Anthropologe Jeffrey Johnson von der University of Florida in Gainesville die Dynamik in kleinen Gruppen von 10 bis 28 Personen auf Forschungsstationen in der Antarktis untersucht und alte Dokumente von Südpolexpeditionen ausgewertet.

Die Nasa testet die Marsmission mit Menschen im Simulator
NASA

Die Nasa testet die Marsmission mit Menschen im Simulator

"Was in den Teams passiert, kennt jeder: Die Gruppe schreibt einigen Mitgliedern inoffiziell Rollen zu, einer ist der Anführer, einer Partykönig und einer der Clown", erklärt Johnson. Seine Forschung zeigt: Wie diese inoffiziellen Ämter besetzt werden, entscheidet über den Erfolg der gesamten Gruppe.

Eine besonders große Rolle spielen dabei die Clowns, die Geschichtenerzähler und Komiker, berichtet Johnson. Das sei schon vor hundert Jahren entscheidend gewesen - Roald Amundsen, der erste Mann, der es je zum Südpol geschafft hat, wäre wohl nie angekommen, wenn er nicht seinen humorvollen Koch dabei gehabt hätte.

"Adolf Lindstrøm war ein robuster Typ, kindisch und unvoreingenommen, er hat viel gelacht und gut gekocht", erklärt Johnson. "Jeder mochte ihn." Wann immer es auf der Expedition ins ewige Eis ein Problem gab, Crewmitglieder stritten oder Amundsen die Geduld verlor, habe Lindstrøm die Spannungen auflösen und die Gruppe zum Weiterziehen bewegen können. "Er hat mehr zur norwegischen Polarexpedition beigetragen als jeder andere", schrieb Amundsen 1911 in sein Tagebuch.

Die Mischung macht's

Wie wichtig eine Person mit Humor für eine positive Gruppendynamik ist, zeigt sich auch bei heutigen Südpolexpeditionen. Über Jahre hat Johnson auf Forschungsstationen in der Antarktis Daten von 15 verschiedenen Teams unterschiedlicher Nationalitäten gesammelt. Die Gruppe, die die Isolation am besten wegsteckte, hatte gleich vier Leute in für den Zusammenhalt wichtigen inoffiziellen Ämtern.

"Drei Frauen kümmerten sich um Veranstaltungen - organisierten gemeinsame Abendessen oder Sportkurse", sagt Johnson. Im Zentrum der Gruppe stand aber auch hier ein "lustiger, sehr kluger Typ, der gern Geschichten erzählt." Diesmal war es ein Handwerker, der die Mannschaft zusammenhielt (siehe Grafik unten). "Er fungierte als Bindeglied zwischen den Forschern und dem Rest der Gruppe."

Netzwerk der erfolgreichsten Antarktisgruppe
Jeffrey C Johnson / University of Florida

Netzwerk der erfolgreichsten Antarktisgruppe

Den Expeditionsteams mit geringem Zusammenhalt fehlte dagegen genau diese Funktion, berichtet Johnson. Das Problem dabei ist, dass Gruppen dazu neigen, sich in möglichst homogene Untergruppen aufzuspalten. Nach dem Motto "gleich und gleich gesellt sich gern" hängen Forscher mit anderen Forschern herum, Russen mit Russen, Amerikaner mit Amerikanern. "Deshalb braucht es die Clowns und Geschichtenerzähler - sie schaffen es mit Humor, die Untergruppen zu einem großen Team zu vereinen."

Offizieller und inoffizieller Chef sollten übereinstimmen

Unklar war bislang allerdings, ob Clowns auch auf Marsflügen mit vier bis sechs Besatzungsmitgliedern die Stimmung retten können. Im Johnson Space Center in Houston beobachtet die Nasa derzeit Gruppen in einem Simulator, der die Bedingungen auf dem Mars nachstellt. Bis zu 45 Tage müssen die Testkandidaten mit Schlafmangel, Gewackel und verzögerter Kommunikation zur Außenwelt klarkommen - und miteinander. Nun bestätigen die ersten Datensätze aus Houston die Beobachtungen vom Südpol, erzählt Johnson.

Hera-Simulator, in dem eine Crew der Nasa zu Testzwecken lebt
NASA

Hera-Simulator, in dem eine Crew der Nasa zu Testzwecken lebt

Ein weiteres Erfolgskriterium, das für alle Gruppengrößen gilt: "Die inoffizielle Rollenverteilung muss zur offiziellen Funktion der Leute passen", so Johnson. "Der offizielle Chef sollte auch inoffiziell von der Gruppe als Anführer anerkannt werden. Gelingt es ihm nicht, die Rolle auszufüllen, führt das zwangsläufig zu Auseinandersetzungen."

Im Nasa-Versuch wich die inoffizielle Rollenverteilung bei zwei Gruppen von der offiziellen ab. Am Ende des Versuchs gaben die Mitglieder dann auch an, nicht freiwillig für drei Jahre gemeinsam zum Mars fliegen zu wollen.



insgesamt 26 Beiträge
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Seite 1
HerrSchulte 19.02.2019
1. Was für eine Erkenntnis
Irgendwie bin ich schon über den ersten Satz gestolpert. "Oft lässt sich der Nutzen der Raumfahrt für den Menschen auf der Erde nicht sofort erkennen". Satellitennavigation, Wettervorhersage, Satellitenfernsehen, globale Kommunikation, Erdbeobachtung, Klimadaten? Alles wertlos, aber die Erkenntnis, dass jede Gruppe einen Clown braucht ist endlich mal was Konkretes für unseren Alltag. So wie ich es auf der NASA Seite gelesen habe, untersucht der Hera Simulator neben den psychischen Auswirkungen auf Astronauten auch viel neue Technologie und Ausrüstung. Und von allen wichtigen Forschungen, die dort gemacht werden, erscheint mir die Erkenntnis, dass Humor in Stresssituationen hilft, wirklich am wenigsten überraschend.
stefan.hemmer 19.02.2019
2. Neue Erkenntnisse?
Inwieweit sollen diese Erkenntnisse die Menschheit voranbringen? Wann und wo leben überhaupt kleine Gruppen von Menschen über Jahre auf engstem Raum zusammen? Muss man für solche "Forschungen" wirklich hunderte Milliarden ausgeben? Kann man die Leute, wenn's denn sein muss, nicht auch auf der Erde in eine kleine Röhre sperren? Was soll neu daran sein, dass eine Gruppe einen Anführer und einen "Clown" braucht, der für gute Stimmung sorgt (ich sag nur: Nationalmannschaft, Schweini und Poldi)? Fragen über Fragen.
stef_ma 19.02.2019
3. An die zwei ersten Kommentatoren.
Es ist immer ein Unterschied ob man etwas nur ahnt und man es doch schon irgendwie immer wusste oder ob es wissenschaftlich untersucht und bestätigt wird. Klar kennt das jeder, dass diese Person aber für den Erfolg einer Gruppe so entscheidend ist, bisher aber nicht. Und natürlich lässt sich so etwas auch auf viele andere Projekte übertragen in denen Menschen zusammenarbeiten. Ich denke das lässt sich auch auf das normale Arbeitsleben übertragen.
Luchs 49 19.02.2019
4. ... die Grupe arbeitet dann gut zusammen
In der letzten Zeit scheint sich das autoritäre Führen wieder zu etablieren. "Wir haben uns ja alle so lieb und sind so kumpelhaft..." - aber es wird wieder autoritärer. Damit wird schlecht zusammengearbeitet, Probleme nicht gelöst - ein Chef macht das ja..... Der Zusammenhalt in Gruppen sorgt für Problemlösungen - es geht nicht um Palaver und nichts passiert. Wer so führt, wiederholt die Fehler der Militärs und der großen Firmen unserer Zeit. Eine Gruppe die die Probleme löst und sich gegenseitig ergänzt.- das ist das Erfolgsrezept. Aber es fehlen dann eben auch die Positionen "Ich bin der Größte". Inzwischen sprechen wir ja schon wieder anerkennend von Alphatieren (früher Männchen, aber wir haben Gleichberechtigung, Fehler dürfen auch Frauen machen.)
mlarsen 19.02.2019
5.
Es war weder die Rede von Notsituationen, in denen es um Leben und Tod geht, noch um Heere von hunderttausenden Soldaten, sondern um überschaubare Gruppen, die eine Aufgabe haben, ein Projekt. Es war auch nur die Rede von EINEM Mitglied im Team als Clown, nicht 3 von 5, ebenso war auch nur die Rede von EINEM Teamleiter. Die Verzögerung beim BER sind eindeutig der Politik zuzuordnen, und deren wirren Vorgabe, und nicht den ausführenden Handwerkern. Ich muss fragen: haben Sie den Artikel überhaupt gelesen ?
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