Auktion gestoppt Krimi um 500 Jahre alte Karte

Vor 500 Jahren schrieb Martin Waldseemüller seine berühmten Weltkarten, nur wenige sind erhalten. Kürzlich wurde eine weitere entdeckt - eine Sensation. Doch Experten wurden misstrauisch.

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Gewissermaßen ist Christoph Kolumbus selbst schuld, dass die neue Welt heute nicht seinen Namen trägt. Der Italiener starb in dem Glauben, dass das von ihm 1492 entdeckte Land zu Indien gehöre. Sein Landsmann Amerigo Vespucci dagegen erreichte die neue Welt später, war sich aber nach einigen Forschungsreisen sicher, dass es sich um einen neuen Kontinent handelte. Also benannte der deutsche Kartograph Martin Waldseemüller die Landmassen auf seiner berühmten Karte lieber nach ihm - und ignorierte Kolumbus.

"Es ist nicht einzusehen, warum jemand es verbieten sollte, das neue Land Amerige, Land des Americus, zu nennen, nach seinem Entdecker Americus... oder America, da sowohl Europa als auch Asien ihre Namen von Frauen haben", schrieb der aus Freiburg stammende Mathematiker und Geograf zusammen mit seinem Partner Matthias Ringmann Anfang des 16. Jahrhunderts.

Heute ist nur noch ein einziges Exemplar von der berühmten großen Waldseemüller-Karte übrig, auf der der neue Kontinent erstmals Amerika genannt wird. Das deutsche Adelsgeschlecht Waldburg-Wolfegg verkaufte es vor einigen Jahren an die USA, wo die Karte in Washington in der Library of Congress hängt. Mit einem Kaufpreis von zehn Millionen Euro gilt sie als das wertvollste kartografische Werk der Welt.

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Kartograf Waldseemüller: Die faszinierende Welt der Karten

Doch Waldseemüller hatte neben einem Begleitwerk von seiner Karte auch kleinere Varianten veröffentlicht - sogenannte Segmentkarten. Dabei handelte es sich gewissermaßen um ein Bastelset: Die zwölf keilförmigen Teile der Karte ließen sich ausschneiden und über einer Holzkugel zu einem Globus falten. Sie gelten als die ersten Globussegmentkarten überhaupt, nur noch fünf dieser Waldseemüller-Stücke sind erhalten - drei liegen in Deutschland (zwei in München, eine in Offenburg), eins in den USA und ein weiteres hat ein privater Sammler aus London ersteigert.

"Diese Dokumente haben das Weltbild der damaligen Zeit revolutioniert, sagt Sven Kuttner von der Universitätsbibliothek der Ludwig-Maximilian Universität in München, wo eine der beiden Münchner Karten liegt. Waldseemüller und Ringmann seien die ersten gewesen, die die Tragweite der Entdeckungen erkannt und verbreitet hätten.

Umso freudiger war für ihn und weitere Experten die Nachricht, dass vor einiger Zeit plötzlich eine weitere Segmentkarte entdeckt worden sei. Sie war dem Auktionshaus Christie's anonym zum Verkauf angeboten worden. Die Versteigerungsexperten schwärmten von der "Geburtsurkunde für Amerika". Julian Wilson, der Christie's-Fachmann für alte Manuskripte in London, erzählte der Presse im November, seine Beine hätten gezittert, als ein Mann mit der Karte in sein Büro marschiert sei. "Ich schaute auf den Fund meines Lebens."

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Dokumente berühmter Forscher: Skizzen, Tagebücher, Karten

Nachdem das Werk von Experten geprüft worden war, wurde eine Versteigerung angekündigt. Man war sich offenbar sicher, dass das Werk echt ist. Der geschätzte Preis lag bei über einer Million Euro. Doch handelt es sich bei der Karte wirklich um ein Original? Inzwischen gibt es daran erhebliche Zweifel.

Mittlerweile haben weitere Experten das Werk überprüft. Michal Peichl aus Houston, Texas ist ein Fachmann für die Restauration von alten Manuskripten. Er hält das Papier, das an einigen Stellen Reste von später aufgetragenem Kleber aufweist, für authentisch. Doch an einer Stelle wurde er misstrauisch. Dort war die Druckfarbe offensichtlich über dem Kleber platziert, sagte er der New York Times.

Dünne Historie für 500 Jahre altes Dokument

Außerdem wurde die Karte mit einigen der anderen verglichen - auch hier fielen Unterschiede auf: Im 16. Jahrhundert wurden aufwendig geschnitzte Holzblöcke als Druckvorlage verwendet. Doch die Blöcke nutzen sich mit der Zeit ab, dadurch werden Details nicht mehr so gut auf das Papier aufgebracht. Auf einigen der anderen Karten sind solche unsauberen Stellen auch zu sehen, doch nicht auf der Christie´s-Karte, die diese Stellen sehr genau zeigt.

Was die Experten zudem misstrauisch machte, war die dünne Historie des Dokuments. Bekannt war nur, dass sie im Besitz eines britischen Restaurators gewesen sein soll. Auch das wäre ungewöhnlich für ein 500 Jahre altes Dokument von solcher Relevanz.

Inzwischen hat auch Julian Wilson von Christie´s Zweifel und spricht von Hinweisen, die auf die Verwendung von fotografischer Reproduktionstechnik hindeuten. Zwar hatten Presseagenturen die Versteigerung der Waldseemüller-Karte für Mittwoch angekündigt. Doch auf Anfrage des SPIEGEL teilte Christie's nur mit, dass der Verkauf der Karte vorerst zurückgezogen wird, um weitere Nachforschungen vorzunehmen.

Münchner Karte möglicherweise auch gefälscht?

Die müssen nun auch andere anstellen. Denn noch etwas hat die Christie's-Karte gezeigt: An einer Position ist eine weiße Linie zu sehen. Den Ursprung dieser Linie glaubt ein weiterer Experte gefunden zu haben. An einer weiteren der Waldseemüller-Karten, die in der James Ford Bell Bibliothek an der Universität von Minnesota liegt, ist an dieser Stelle anscheinend später zusätzliches Papier hinzugefügt worden, um eine defekte Stelle zu reparieren.

Doch warum ist hier auf der Christie's-Karte nur ein weißer Strich? Wurde mit einer Kopie gearbeitet? Möglicherweise ist die Bell-Karte die Vorlage für die Christie's-Karte. Und nicht nur die: Denn auch in der Bayerischen Staatsbibliothek in München liegt ein Exemplar, auch hier findet sich die verdächtige weiße Linie an derselben Stelle. Deshalb prüfen auch die Münchner ihre Karte noch einmal auf Authentizität.

Derzeit werde sie im Institut für Bestandserhaltung und Restaurierung materialwissenschaftlich untersucht, voraussichtlich bis Ende Januar 2018, teilt die Staatsbibliothek mit. Weitere Angaben wolle man derzeit nicht machen. Doch sei der Kaufvorgang für etwa eine Million Euro 1990 nach bestem Wissen und Gewissen durchgeführt worden.

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Alte Weltkarte: Konfetti in der Plastiktüte

Die Zweifel der Kollegen an der Christie´s-Karte hält Sven Kuttner von der Münchner Unibibliothek für schlüssig. Doch die Verifizierung solcher Dokumente ist eine schwierige Angelegenheit, sagt der Leiter der Abteilung Altes Buch. Zunächst durchleuchte man die Karte, um das Wasserzeichen zu erkennen. Damit lassen sich bereits Hinweise auf Alter und Standort der Papiermühle der damaligen Zeit machen. "Unsere Karte können wir einer Mühle aus dem Elsässer Raum zuordnen". Dann suche man nach Spuren der Herstellung. "Beim Druck mit Holzschnitten bleiben typische Spuren auf dem Papier", sagt er.

Die Arbeit sei ein bisschen wie die eines Detektivs. Man trage möglichst viele Indizien zusammen, um sich ein umfassendes Bild machen zu können, berichtet Kuttner. Dabei erkennt man offenbar häufiger Dinge, die vorher übersehen wurden. Auch Christie's-Fachmann Wilson gestand der "New York Times: "In diesem Geschäft hört man niemals auf zu lernen."


Zusammengefasst: Eine kürzlich aufgetauchte Weltkarte aus dem 16. Jahrhundert soll von dem berühmten deutschen Kartographen Martin Waldseemüller stammen - von den wertvollen Stücken gibt es nur noch wenige Exemplare. Doch nun hat das Auktionshaus Christie´s in London die Versteigerung zurückgezogen - Experten hatten Hinweise auf eine Fälschung gefunden. Die Entdeckung hat Folgen: Auch eine weitere der Globus-Segmentkarten könnte gefälscht sein. Sie liegt in der Bayerischen Staatsbibliothek in München, die das eine Million Euro teure Stück nun prüft.



insgesamt 8 Beiträge
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Emderfriese 14.12.2017
1. Money
"In diesem Geschäft hört man niemals auf zu lernen." Kein Wunder. Verbessern sich doch auch Fälscher und andere "Experten" ständig, lesen die einschlägige Literatur und wenden vor allem immer bessere Techniken an. Bei den Summen, mit denen die Altertümer und Kunstwerke gehandelt werden, liegt das in der Natur der Sache.
hegoat 14.12.2017
2.
alles, was mit einigermaßen rentablem Aufwand gefälscht werden kann, wird auch gefälscht. Geldscheine, Schmuck, Medikamente, Elektrogeräte, Kleidung und eben auch Antiquitäten. Mittlerweile ist man selbst bei renommierten Händlern wie Amazon nicht mehr vor Fälschungen sicher.
noalk 14.12.2017
3. Wirklich so kompliziert?
Es gibt mittlerweile ausgefuchste physikalische und chemische Methoden zur Überprüfung der Echtheit solcher Stücke. Datierung mit Radiocarbon dürfte bei dem Papier nicht schwierig sein, ebenso spektroskopische Verfahren in allen möglichen Wellenlängen zur Bestimmung bspw. der Farbzusammensetzung. Oder werden die Kosten dafür gescheut?
wunderfisch 15.12.2017
4. so tief kann man sinken?
am Thema vor zu Beitrag 2 von hegoat: Wenn Sie den von Ihnen erwähnten "Händler" als rennommiert bezeichnen sind Sie den/dem Fälscher schon auf den Leim gegangen. Da versucht sich jemand als seriös aus zu geben und ist alles andere als das. Zum Thema: #3, noalk, ja, es ist so schwer. Die Fälscher wissen auch um die Tinte und ihre Zusammensetzung und die alten Herstellungsmethoden. Und ja, auch die Fälscher können altes Papier beschaffen (alte, unwichtige Stücke) und dieses dann umarbeiten - ganz so wie es ein Restaurator auch machen würde wenn er ein defektes Stück vor sich haben würde. Und von so einem "soll" die Karte ja nun als letztem Besitzer kommen. Sie sehen es bleibt schwierig - teuer ist es auch - aber das Stück ist es allemal wert.
noalk 15.12.2017
5.
Zitat von wunderfischam Thema vor zu Beitrag 2 von hegoat: Wenn Sie den von Ihnen erwähnten "Händler" als rennommiert bezeichnen sind Sie den/dem Fälscher schon auf den Leim gegangen. Da versucht sich jemand als seriös aus zu geben und ist alles andere als das. Zum Thema: #3, noalk, ja, es ist so schwer. Die Fälscher wissen auch um die Tinte und ihre Zusammensetzung und die alten Herstellungsmethoden. Und ja, auch die Fälscher können altes Papier beschaffen (alte, unwichtige Stücke) und dieses dann umarbeiten - ganz so wie es ein Restaurator auch machen würde wenn er ein defektes Stück vor sich haben würde. Und von so einem "soll" die Karte ja nun als letztem Besitzer kommen. Sie sehen es bleibt schwierig - teuer ist es auch - aber das Stück ist es allemal wert.
In diesem Fall handelt es sich nicht um ein Einzelstück. Es gibt ja immerhin ein Exemplar der großen Karte, deren Echtheit als sicher gelten kann, und mehrere kleine. Wenn man ALLE mit denselben Verfahren prüft, sollte durch Vergleich der Ergebnisse eine vernünftige Unterscheidung zwischen echt und falsch möglich sein.
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