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Masern-Epidemie: Impfangst - Arzt wird der Prozess gemacht

Viele Eltern lassen ihre Kinder nicht gegen Masern, Mumps und Röteln impfen - aus Furcht vor Autismus. Die ist aber unbegründet, belegt eine aktuelle Studie aus Kanada. Mitverursacht hat die Impf-Angst ein britischer Arzt, dem nun der Verlust der Zulassung droht.

Die Studie habe mehr Schaden angerichtet, als jede andere wissenschaftliche Veröffentlichung, schrieb die Londoner Zeitung "The Independent". Und ein einziger Mann soll diesen Schaden verursacht haben. Der Brite Andrew Wakefield hatte die kombinierte Maser-Mumps-Röteln-Schutzimpfung (MMR) als Ursache von Autismus gebrandmarkt. Im Februar 1998 veröffentlichte er zusammen mit zwölf anderen Medizinern in der renommierten Fachzeitschrift "The Lancet" eine entsprechende Studie. Auf einer anschließenden Pressekonferenz warnte Wakefield eindringlich vor dem Vakzin - und trieb so Zehntausende Eltern in die Arme der Schutzimpfungs-Verweigerer.

Schutzimpfung: Spritzen gegen Masern, Mumps und Röteln verursachen keinen Autismus
DPA

Schutzimpfung: Spritzen gegen Masern, Mumps und Röteln verursachen keinen Autismus

Nun soll Wakefield der Prozess gemacht werden. Mitte Juni berichtete "The Independent", dass das General Medical Council (GMC) - die britische Ärztekammer - eine Anklage gegen Wakefield vorbereite. Im Herbst wollen die Anwälte des GMC diese vorstellen, Anfang nächsten Jahres soll eine öffentliche Anhörung folgen.

Denn der angebliche Zusammenhang zwischen MMR und Autismus ist ein Schwindel, gelinde gesagt. Im Februar 2004 musste "The Lancet" Wakefields Studie teilweise zurückziehen. Sie habe erhebliche Fehler, räumte der Herausgeber der Fachzeitschrift, Richard Horton, ein. Während der folgenden Monate nahmen zehn der zwölf Co-Autoren von den Ergebnissen Abstand.

Doch Wakefield wird nicht nur schlechte Forschung vorgeworfen. Offenbar hat er sich auch noch dafür bezahlen lassen: ausgerechnet von einer Gruppe Anwälten, die Eltern autistischer Kinder vertraten - und die Material für Schadenersatzklagen benötigten. 55.000 Britische Pfund hat Wakefield erhalten. Wird er des schweren professionellen Fehlverhaltens für schuldig befunden, droht dem 50-jährigen Wakefield die Streichung aus dem Ärzteregister.

Kein Zusammenhang zwischen MMR und Autismus

Medizinische Legenden sind nur schwer wieder aus der Welt zu schaffen. Und so stand - trotz anderslautender Befunde - die MMR-Kombinationsimpfung jahrelang unter Verdacht: Sie sollten für tiefgreifende Entwicklungsstörungen wie Autismus oder das geheimnisvolle Asperger-Syndrom verantwortlich sein. Auch anderen, quecksilberhaltigen Impfstoffen wurde die drastische Nebenwirkung zugeschrieben. Dem widerspricht jetzt Eric Fombonne vom Kinderkrankenhaus der McGill University in Montreal in einem Beitrag für die Fachzeitschrift "Pediatrics". Es ist die aktuellste Studie zu diesem Thema - und eine der größten.

Fombonne hat in der kanadischen Provinz Quebec 28.000 Kinder auf einen Zusammenhang zwischen Impfung und Autismus untersucht. Sein Fazit: "Es gibt keinen Zusammenhang." Der zur Hälfte aus Quecksilber bestehende Konservierungsstoff Thimerosal (auch Thiomersal genannt) wurde bis 1996 in Kanada eingesetzt, um sogenannte Totvakzine zu desinfizieren. "Nach unseren Daten sind Autismusfälle aber bei Kindern häufiger, die geimpft wurden, nachdem Thimerosal aus der Rezeptur gestrichen wurde", sagte Fombonne. Auch die MMR-Impfungen seien im Untersuchungszeitraum leicht zurückgegangen, während der Anstieg der Autismis-Fälle zugenommen habe.

Das entspricht dem Ergebnis früherer Studien über einen möglichen Zusammenhang: Im März konnten japanische Forscher bei 30.000 Kindern aus dem Distrikt Yokohama keine Verbindung zwischen Autismus und MMR finden, wie sie in der Fachzeitschrift "Journal of Child Psychology and Psychiatry" berichteten. Eine Metastudie der Cochrane Library aus dem britischen Oxford vom Oktober 2005 verglich 31 wissenschaftliche Studien zu diesem Thema und fasste zusammen: "Es gibt keinen glaubwürdigen Beweis hinter den Behauptungen der Schadhaftigkeit des MMR-Impfstoffs."

Zunahme von Autismus allgemeiner Trend

Dass indes in den Industriestaaten mehr frühkindlicher Autismus als in vergangenen Jahrzehnten diagnostiziert wird, ist ebenso unbestritten wie unerklärt. Forscher weisen aber auch auf statistische Gründe hin: Die Definition der Krankheit wurde ausgeweitet. Außerdem gingen Eltern heute früher und häufiger mit ihren Kindern zum Arzt, wenn sie wegen deren Entwicklung beunruhigt seien. Wenigstens zum Teil nehmen die Autismus-Zahlen also zu, weil die Krankheit stärker wahrgenommen wird als früher.

"Wir hoffen, dass unsere Studie abschließend dem weit verbreiteten Glauben ein Ende macht, Impfstoffe stünden mit Entwicklungskrankheiten in Zusammenhang", sagte Eric Fombonne. Bedingt durch Impfverweigerung habe die Rückkehr der Masern in Europa mehrere Kinder das Leben gekostet.

Dabei hatte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schon 1984 die Parole ausgegeben, dass bis zur Jahrtausendwende die Masern ausgerottet sein sollten. In Europa musste die Uno-Unterorganisation dieses ambitionierte Ziel verschieben - zunächst um zehn Jahre. Denn wenigstens 95 Prozent der Kinder und Jugendlichen eines Landes müssen geimpft sein, damit der Erreger sich nicht ausbreiten kann. In Deutschland erhalten derzeit 93,5 Prozent der Kleinkinder eine MMR-Spritze. Zur vier bis sechs Wochen später notwendigen zweiten Impfung erscheinen aber nur noch 65,7 Prozent.

Masern-Warnung an WM-Besucher

Das ist mehr als nur ein medizinischer Image-Schaden. Im Vorfeld der Fußball-WM haben Seuchenexperten sowohl Fußballer als auch WM-Besucher eindringlich vor den Gefahren in der Alten Welt gewarnt. "Es gibt eine reelle Chance, dass Amerikaner auf der Reise dem Masern-Virus ausgesetzt werden", sagte der Epidemiologe Jon Andrus, Chef des Impfprogramms bei der Pan American Health Organization (PAHO).

Von Ausbrüchen in Dänemark und Griechenland wusste Andrus zu berichten, ebenso wie in Spanien, Schweden und der Ukraine. Und natürlich in Germany, wo gerade die Welt zu Gast ist. Alleine drei der WM-Spielorte liegen im Masern-Epidemieherd Nordrhein-Westfalen. Dort waren zwischen Neujahr und Ende Mai 1350 Neuerkrankungen aufgetreten, 206 Betroffene mussten ins Krankenhaus.

Zwar stirbt ein Großteil der jährlichen Masernopfer - die WHO spricht von 450.000 Toten alleine im Jahr 2004 - in Entwicklungsländern. Doch auch in Deutschland führt jede fünfte Erkrankung zu Komplikationen. Daher votierte der Deutsche Ärztetag bei seinem Jahrestreffen im Juni in Magdeburg erstmals für eine Impfpflicht in der Bundesrepublik - ähnlich wie sie in der DDR bestanden hat. Außerdem regten die versammelten Mediziner an, dass die Ärztekammern berufsrechtlich gegen solche Kollegen vorgehen sollen, die sich "wiederholt gegen empfohlene Schutzimpfungen aussprechen".

Gefahr für Kranke und Kleinkinder

Impfverweigerung gilt als der Hauptgrund für Masernepidemien wie jene an Rhein und Ruhr. Und Eltern, die ihren Kindern den Impfschutz vorenthalten, begründen das - häufig garniert mit viel Esoterik und antiautoritärer Rhetorik - mit den vermeintlichen Gefahren der MMR-Spritze. Auch wenn diese Furcht wissenschaftlich als widerlegt gelten kann.

Im April dieses Jahres starb ein 13-jähriger englischer Junge an den Folgen einer Masern-Infektion. Er war nicht mit MMR geimpft worden. In Duisburg ist im Mai dieses Jahres ein zweijähriger Junge an einer Gehirnentzündung in Folge einer Maserninfektion erkrankt. Das Kind hatte wegen eines angeborenen Immundefekts nicht geimpft werden können. Solche Menschen werden, ebenso wie Säuglinge und Kleinkinder vor dem Impf-Alter, durch die sogenannte Herdimmunität geschützt - die möglichst große Zahl immuner Mitmenschen, die einer Ausbreitung des Erregers entgegenwirken.

stx

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