Massaker an der Tollense Bronzezeit-Gemetzel macht Archäologen ratlos

Es war ein mysteriöses Massensterben mit vermutlich mehr als 200 Toten. In einem Flusstal nahe Neubrandenburg ist es in der Bronzezeit zu einer Tragödie gekommen. Mehr als 3000 Jahre später wollen Forscher das Geschehen nun aufklären.

Spiegel Online

Aus dem Tollensetal berichtet


Das Navigationssystem hat schon vor einiger Zeit aufgegeben. In dem Kistchen zieht ein kleines grünes Auto hilflos auf gelbem Grund seine Bahn, abseits der eingezeichneten Wege. Die von Sand überwehte Kopfsteinpflasterstraße ist zum Feldweg geworden, nun geht es auf einem Pfad kurze Zeit durch einen dichten Mischwald bergab. Unten angekommen, öffnet sich ein weites, eiszeitliches Tal. In der Herbstsonne schlängelt sich ein Flüsschen durch die Landschaft, mit sanft ansteigenden Weiden auf beiden Seiten des klaren Wassers. Kühe grasen in einiger Entfernung.

"Vor mehr als 3000 Jahren hat es hier anders ausgesehen", sagt Sebastian Lorenz und zeigt über die Uferwiesen. "Damals standen Schilf und Sauergras auf einem sehr nassen Untergrund, dazwischen immer wieder Büsche." Der Geologe ist Mitglied eines Teams, das im idyllischen Tollensetal in Mecklenburg-Vorpommern die Geschichte eines lange zurückliegenden Massenmords aufklären möchte. Gerade hat er zusammen mit seinem Kollegen Hinrich Meyer eine Bohrung in den Untergrund getrieben. Die ans Tageslicht geförderten Sedimente zeigen, dass der mäandernde Fluss im Prinzip noch immer an derselben Stelle fließt wie damals.

Überreste mit martialischen Verletzungen

Zwar deutet heute auf den ersten Blick nichts auf ein Verbrechen hin, doch die friedliche Gegend nahe der Kleinstadt Altentreptow muss blutige Zeiten erlebt haben. Wichtigstes Indiz für das mörderische Geschehen sind menschliche Überreste mit martialischen Verletzungen, die Wissenschaftler über mehrere hundert Meter entlang des Flusses gefunden haben: eingeschlagene Schädel, pfeildurchbohrte Armknochen, gebrochene Wirbel. Um 1250 vor Christus hat sich hier ein Gemetzel zugetragen, so viel scheint sicher. Die Forscher haben, unterstützt von Studenten und Freiwilligen, am Flüsschen schon mehr als 2000 Knochen aus der Bronzezeit eingesammelt.

"30 Individuen lassen sich derzeit nachweisen", sagt Mecklenburg-Vorpommerns Landesarchäologe Detlef Jantzen. "Weil die Funde aber über ein solch weites Areal verstreut sind, denken wir, dass es insgesamt um die 200 gewesen sein müssen." Bei einer vermuteten Bevölkerungsdichte von vier oder fünf Menschen pro Quadratkilometer waren die Morde an der Tollense also ein schauriges Großereignis von überregionalem Ausmaß.

Für den schlaksig wirkenden Bronzezeit-Spezialisten Jantzen sind die Funde, so makaber das auch klingen mag, ein Glücksfall. Nach dem Skandal um vergammelte Einbäume könnten die Toten aus dem Tal den Archäologen in Mecklenburg-Vorpommern endlich wieder zu positiven Schlagzeilen verhelfen. Gerade mal fünfeinhalb Archäologenstellen gibt es in dem Land. Nicht einmal ein archäologisches Landesmuseum, in dem er die Funde präsentieren könnte, hat Jantzen.

Erst einmal brauchen er und seine Kollegen Geld, um die Gebeine überhaupt weiter bergen und untersuchen zu können. "Der Torf zu beiden Seiten des Flusses hat die Knochen bewahrt", sagt der Geologe Lorenz. Bis zu drei Meter dicke Lagen des organischen Sediments bildeten sich, als der steigende Meeresspiegel der rund 80 Kilometer entfernten Ostsee die Tollense zurückstaute. Nun gibt der Boden die Knochen langsam frei, zum Beispiel wenn grasende Kühe die Böschung zum Wasser herunter trampeln. Entwässerungsprojekte in der DDR haben den Grund austrocknen lassen. An der Luft aber droht den Knochen Gefahr.

Der Hobbyarchäologe Hans-Dietrich Borgwardt und sein Sohn Ronald hatten bereits in den neunziger Jahren erste Überbleibsel der bronzezeitlichen Auseinandersetzung gefunden. Sie verständigten die zuständigen Landesbehörden - und kaum etwas passierte. Erst seit vergangenem Jahr wird der Fundplatz systematisch untersucht. Die beiden enthusiastischen Freizeitforscher arbeiten an der Bergung und Sicherung der Funde mit und dokumentieren die Arbeiten mit der Videokamera und in einem eigenen Fotoalbum.

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.