Massenopferungen in Peru Warum die Chimú-Kinder sterben mussten

Im Norden von Peru fanden Archäologen ein Massengrab. Hier wurden vor über 500 Jahren fast 140 Kinder und mehr als 200 Tiere geopfert. Forscher berichten nun über die Hintergründe des blutigen Rituals.

Kinder in dem Massengrab bei Trujillo
John Verano / DPA

Kinder in dem Massengrab bei Trujillo


Nur rund 350 Meter vom Pazifik entfernt liegen die Körper: Mehr als 140 Kinder und etwa 200 junge Lamas oder Alpakas sind in der riesigen Grabstätte zur Ruhe gebettet. Dieses Massengrab haben Archäologen im vergangenen Jahr in Nordperu nahe der heutigen Stadt Trujillo entdeckt. Die Körper aus der Zeit der Chimú-Kultur liegen in einer strengen, bizarren Ordnung: Die Kinder schauen nach Westen aufs Meer, die Tiere dagegen nach Osten aufs Land.

Im Fachmagazin "PLoS One" enthüllen die Forscher um Gabriel Prieto von der Universität Trujillo nun die Umstände der Menschenopfer - und auch den mutmaßlichen Grund.

Das Chimú-Reich erstreckte sich zu seiner Blütezeit im 15. Jahrhundert vom heutigen Lima etwa 1000 Kilometer entlang der Pazifikküste nach Norden bis zur heutigen Grenze Perus mit Ecuador. Die Menschen verarbeiteten Metall, betrieben Landwirtschaft mit ausgeklügelten Bewässerungssystemen - die nahe Trujillo gelegene Hauptstadt Chan Chan war eine der größten Städte Amerikas. In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts wurde das Reich von den Inkas erobert.

Dass es in der Chimú-Kultur Menschenopfer gab, war bereits bekannt. So fanden Archäologen in Chan Chan in den Siebzigerjahren die Überreste Hunderter junger Frauen, die offenbar bei Bestattungen von Königen geopfert worden waren. Die jetzige Fundstätte Huanchaquito-Las Llamas lag knapp außerhalb von Chan Chan an der Pazifikküste. Über sie war im vergangenen Jahr bereits berichtet worden, nun folgt die wissenschaftliche Aufarbeitung.

Die Sache hatte mit einem Zufallsfund begonnen: Im Jahr 2011 hatten Anwohner Dutzende Knochen bemerkt, die aus den Dünen der Gegend ragten. Auf einer 50 mal 14 Meter großen Fläche fanden Archäologen dann die Überreste von 137 Kindern, drei Erwachsenen und mehr als 200 jungen Lamas oder Alpakas.

Die Kinder waren Jungen und Mädchen im Alter von fünf bis 14 Jahren, die Tiere waren sämtlich jünger als 18 Monate, die meisten sogar jünger als neun Monate. Die Analysen deuten darauf hin, dass die Kinder gesund und gut ernährt waren - mithin also nicht aus ärmeren Verhältnissen stammten.

Kinder aus verschiedenen Teilen des Chimú-Reiches

Durch die Analyse von eingelagerten Stickstoff- und Kohlenstoff-Isotopen fanden die Forscher heraus, dass die Opfer aus verschiedenen Teilen des Chimú-Reiches stammten. Die Skelette deuten darauf hin, dass den Kindern und auch den Tieren der Brustkorb geöffnet wurde, vermutlich um das Herz zu entnehmen. Bei den Erwachsenen - zwei Frauen und ein Mann - war das nicht der Fall.

Kinder des Chimú-Reiches - gestorben vor rund 500 Jahren
John Verano / DPA

Kinder des Chimú-Reiches - gestorben vor rund 500 Jahren

Die Forscher gehen davon aus, dass alle Opfer bei einem einzelnen, von Priestern oder anderen Amtsträgern organisierten Ritual getötet wurden. Sie datieren das Grab auf die erste Hälfte des 15. Jahrhunderts und damit auf die späte Phase des Chimú-Reichs, das um 1470 erobert wurde.

El Niño könnte für Überflutungen gesorgt haben

Details der Fundstelle enthüllen nach Ansicht der Forscher auch den möglichen Grund für das Ritual: Sie ist von einer dicken Schlammschicht überzogen, in die das Massengrab eingelassen war. Fuß- und Hufabdrücke belegen, dass der Schlamm zur Zeit der Opferung noch feucht war.

Die Forscher vermuten, dass der eigentlich sehr trockene Ort damals von heftigen Niederschlägen und Überflutungen heimgesucht wurde. Dies führen sie auf das Klimaphänomen El Niño zurück, das der Küstenregion bis heute regelmäßig Überflutungen beschert.

"Die Opferung einer so großen Zahl von Kindern und Kamelen war für den Chimú-Staat eine bedeutende Investition von Ressourcen", schreiben sie. "Die Versuchung für die Annahme ist groß, dass die Massenopferung von Kindern und Kamelen ein Versuch war, die Götter zu besänftigen und die Auswirkungen eines größeren El Niño-Ereignisses zu mildern, das um die Zeit von 1400 bis 1450 geschah."

Berichte über Kinderopfer gibt es aus diversen Kulturen, viele davon seien aber umstritten, schreibt das Team. Ein Beispiel dafür sind etwa die angeblichen Kinderopfer der Karthager in Nordafrika, die aber auch eine römische Erfindung sein könnten. Hinweise auf Kinderopfer gibt es auch aus Europa, etwa im Ringheiligtum von Pömmelte in Sachsen-Anhalt, das am Übergang von der Stein- zur Bronzezeit entstand. Die Forscher blicken jedoch vor allem auf Belege aus der Neuen Welt: Auch aus Tenochtitlan, der Azteken-Hauptstadt, dem heutigen Mexiko-Stadt, und von den Inkas im heutigen Peru weiß man von Opferungen von Kindern - und eben auch von der Chimú-Kultur.

Walter Willems, dpa/chs



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