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Mathe intuitiv: Zweijährige beherrschen Wahrscheinlichkeitsrechnung

Zweijährige beim Experiment: Prinzip durchschaut auch ohne Bruchrechnung Zur Großansicht
I-LABS/ University of Washington

Zweijährige beim Experiment: Prinzip durchschaut auch ohne Bruchrechnung

Kinder besitzen bereits mit zwei Jahren ein Verständnis für Wahrscheinlichkeiten - das zeigen Experimente mit Bauklötzen. Ihr Wissen könnte sich sogar im Matheunterricht nutzen lassen.

Hamburg - Am Roulette-Tisch, beim Würfeln, beim Lotto-Spielen - immer wieder haben wir es mit Wahrscheinlichkeiten zu tun. Und nicht jeder weiß, wie man diese berechnet. Neue Experimente mit Kindern belegen nun, dass sie bereits im Alter von zwei Jahren ein intuitives Verständnis für Wahrscheinlichkeiten besitzen. Frühere Studien hatten gezeigt, dass bereits Babys einen elemantaren Zahlensinn besitzen und Vierjährige abstrakte Geometrierätsel lösen können.

"Im Alltag gibt es immer mehrere Möglichkeiten, ein Problem zu lösen", sagt Anna Waismeyer von der University of Washington. "Wie lernen wir, die Bestmögliche zu finden?" In ihrer Studie wollten die Forscher herausfinden, ob Kleinkinder den Unterschied zwischen zwei Spielstrategien erkennen, die beide nicht perfekt sind, weil sie nicht in jedem Fall zum Erfolg führen.

Waismeyer und ihre Kollegen nutzten dabei den Spieltrieb von Kleinkindern gezielt aus. Sie legten mehrfach hintereinander zwei verschiedene Bausteine einzeln auf eine kleine Kiste. Nach dem Auflegen spuckte eine neben der Kiste stehende Maschine eine Murmel aus - aber nicht immer (siehe Video). Beim blauen Baustein geschah dies häufiger als beim roten. Würden die Kinder dies erkennen?

20 Minuten lang schauten die Kinder Erwachsenen beim Spielen zu - dann durften sie selbst ran. Und in der Tat durchschauten die Zweijährigen das Ganze. 23 der 32 zweijährigen Probanden, also 72 Prozent, griffen intuitiv zum blauen Baustein mit der erhöhten Wahrscheinlichkeit für das Auftreten von Murmeln.

In einem zweiten Test untersuchten die Forscher, ob womöglich einfach die größere Anzahl geglückter Versuche beim blauen Baustein den Ausschlag gegeben hatte. Diesmal war die Zahl geglückter Versuche (eine Murmel erscheint nach dem Auflegen des Steins) bei beiden Bausteinen gleich. Dafür gab es mit dem roten Baustein mehr Versuche, bei denen keine Murmel kam.

Ergebnis: Auch hier erkannten die Kinder die erhöhte Wahrscheinlichkeit. 22 der 32 Kinder griffen sofort zum Stein mit den erhöhten Gewinnchancen. "Unsere Beobachtungen helfen dabei zu verstehen, warum Kleinkinder selbst in einer ungewissen und nicht perfekten Welt so schnell lernen", sagt Waismeyers Kollege Andrew Meltzer. Kinder könnten durch bloße Beobachtung lernen, schreiben die Forscher im Fachblatt "Developmental Science". Dank ihrer Intuition müssten sie sich das Phänomen auch nicht mehr durch Ausprobieren erschließen.

Die Forscher glauben, dass ihre Erkenntnisse auch im Schulunterricht genutzt werden könnten. "Die derzeitige Lehrmethode beruht auf Brüchen und Nachkommastellen", sagt Waismeyer. Viele Kinder hätten Schwierigkeiten, dieses Konzept zu verstehen. "Vielleicht wäre es leichter, wenn man die mathematischen Prinzipien früher einführt und dabei auch auf die intuitive Denkweise der Kinder setzt."

hda

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