Schulangst Was wirklich gegen Mathe-Phobie hilft

Mathe-Aufgaben können Panik auslösen. Doch Studien zeigen: Die Angst vorm Rechnen lässt sich verringern - etwa mit Einzelunterricht oder spielerischen Übungen am Computer.

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Rechnen mit Fingern: Mathe löst bei Manchem große Ängste aus
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Rechnen mit Fingern: Mathe löst bei Manchem große Ängste aus


"Was ist sieben mal acht?", fragt der Lehrer. Einige Kinder ducken sich weg. Bitte nicht ich, denken sie. Sie fürchten, sich vor den Mitschülern zu blamieren. Sie sind dann wie blockiert. Und bei manchem besteht die Phobie auch noch im Erwachsenenalter.

Psychologen der Standford University berichten nun über einen erfolgreichen Abbau von Mathe-Ängsten. In einem Experiment mit 46 Schülern habe sich gezeigt, das individueller Einzelunterricht tatsächlich hilft. Dies hätte sich auch in Hirnscans gezeigt, berichten die Forscher im Fachblatt "Journal of Neuroscience".

Selbst Kinder mit guten Leistungen in Mathe fürchteten das Fach mitunter, schreiben die Forscher. Manche begleite die Angst das ganze Leben. Sie hätten dann nicht den Mut, anspruchsvolle Mathematik zu erlernen und würden Berufe meiden, in denen Mathematik wichtig sei.

"Das war unterm Radar"

Psychologen glaubten lange, Mathe-Phobien würden sich bei Schülern erst in der Oberstufe entwickeln, wenn der Stoff anspruchsvoller wird. Doch inzwischen scheint klar, dass sie schon in der Grundschule auftreten können.

Ängste vor Mathe seien bislang unterschätzt worden, beklagt Kaustubh Supekar von der School of Medicine. "Das war unterm Radar." Man habe gedacht, das gehe vorbei. "Doch für viele Kinder und Erwachsene stimmt das nicht."

In ihrer Studie arbeiteten die Forscher mit 46 Drittklässlern, die über einen Zeitraum von acht Wochen intensiv gefördert wurden. Der Individualunterricht bestand aus 22 Lektionen, in denen Addition und Subtraktion geübt wurden. Vor und nach der Studie erfassten die Forscher den Leistungsstand der Kinder. Zudem führten sie Hirnscans bei den Kindern vor und nach dem Tutorprogramm durch.

Die Forscher nutzten in ihrer Studie das Konzept der Konfrontationstherapie. Dabei werden Angststörungen therapiert, indem Betroffene den angstauslösenden Reizen ausgesetzt werden. Wichtig ist dabei, dass die Konfrontation mit dem Angstauslöser, zum Beispiel Spinnen, in einer von den Betroffenen als sicher empfundenen Umgebung stattfindet.

Angstfrei Lernen

"Der Unterricht hatte einen standardisierten Ablauf, aber er wurde auch auf die Person zugeschnitten", erklärt Vinod Menon, einer der Autoren. Wenn ein Kind an einer Stelle nicht mehr weiterkam, versuchte der Lehrer das Problem gemeinsam mit dem Kind zu lösen, indem er es immer wieder ermutigte. "Weil das im Zweiergespräch geschieht, kann bei den Kindern nicht die Angst entstehen, vor ihren Mitschülern schlecht dazustehen." Dies könne eine wichtige Rolle spielen und müsse künftig weiter untersucht werden.

Wie wichtig angstfreies Lernen gerade im Fach Mathematik ist, darüber hatten Psychologen der Universität Amsterdam bereits 2013 im Fachblatt "Learning and Individual Differences" berichtet. Brenda Jansen und ihre Kollegen ließen Kinder der Klassenstufen drei bis sechs mehrere Wochen lang mit einer spielerisch angelegten Lernsoftware am Computer üben.

Das von den Kindern praktizierte Training verbesserte ihre Mathe-Performance und minderte die Ängste vor dem Fach - ermittelt über einen Fragebogen. Beim Üben am PC drohe keine Blamage vor Mitschülern, berichteten die Amsterdamer Forscher, und solche negativen Erlebnisse seien es gerade, die Mathe-Phobien offenbar auslösen könnten.

Spezifische Aktivitätsmuster im Gehirn

Die Angst vor Zahlen und Geometrie lässt sich auch im Gehirn nachweisen, wie Forscher der Stanford University bereits 2012 herausgefunden haben. Christina Young und ihre Kollegen hatten bei fMRI-Hirnscans von Grundschülern verstärkte Aktivitäten in der rechten Amygdala beobachtet, wo negative Emotionen verarbeitet werden. Zudem sei eine Mathe-Phobie mit verringerten Aktivitäten im parietalen Assoziationskortex und Bereichen des präfrontalen Kortex verbunden. Die beobachteten Muster seien spezifisch für die Angst vor Mathematik und unterschieden sich von jenen bei Angst generell.

Mit derartigen Hirnscans hatten nun auch Vinod Menon und seine Kollegen von der Stanford University den Effekt des Tutorprogramms nachgewiesen. "Unsere spannendste Erkenntnis war, dass der individuelle Förderunterricht nicht nur die Leistung verbesserte, sondern auch Ängste reduzierte", sagte Menon. Dies sei überraschend gewesen. Im Anschluss an den achtwöchigen Förderunterricht seien die Aktivitäten der Amygdala reduziert gewesen, dies habe der Vergleich von fMRI-Scans vorher und nachher gezeigt.

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f_bauer 22.09.2015
1. Das kenne ich nur zu gut
Ich habe lange Zeit Nachhilfe gegeben (auch in Instituten). Der erste Schritt dabei war immer zunächst die Ursachenforschung, und in den meisten Fällen gab es Defizite bei den "einfachsten" Themen - wie eben bei der Frage "Was ist sieben mal acht?" Wenn ein Siebtklässler das kleine Einmaleins nicht beherrscht, dann wird er auch mit allen anderen Themen Probleme haben, und wenn er an die Tafel gerufen wird, bekommt er Schweißausbrüche. Also hab ich sehr oft mit 13-jährigen das kleine Einmaleins geübt, auch wenn die Eltern sich darüber meistens sehr gewundert haben. Der Erfolg stellte sich fast immer sofort ein. Woran aber liegt das? Mathematik ist ein Fach, in dem man nicht einfach mal ein paar Wochen verpassen kann. Beim Deutschunterricht ist das kein Problem. Verpasst man mal zwei Wochen lang den Englischunterricht, dann fehlen einem halt ein paar Vokabeln oder ein bestimmtes grammatisches Konstrukt. Das geht alles im Grundrauschen unter. Bei der Mathematik aber baut alles aufeinander auf. Wer da mal etwas verpasst oder verpennt oder nicht versteht, läuft dem sein ganzes Schulleben lang nach. Da muss man eben den Mut haben, mit einem Teenager die Grundlagen aus der zweiten Klasse nachzuholen.
wanderer777 22.09.2015
2. Raumschiffe und Aliens
In der Schule hasste ich Mathe, hatte keinerlei Bezug dazu. Heute entwickle ich Computerspiele und die Mathematik lässt meine Raumschiffe durchs All fliegen, oder meine Charaktere elegant von Platform zu Platform hüpfen. Mathematik muss einen praktischen Bezug zum Leben haben - und darf nicht wie trocken Brot serviert werden. Und genau das tun die meisten Mathelehrer leider, so wie auch die meisten Deutschlehrer den Schülern durch langweilige Zwangslektüren den Spass an Büchern für den Rest des Lebens austreiben. Das Schulsystem steckt in vielen Punkten noch im Mittelalter.
Sibylle1969 22.09.2015
3. Ich habe lange Zeit Mathenachhilfe gegeben
Phobie würde ich es nicht nennen, aber Angst vor Mathe hatten einige meiner Nachhilfeschüler/innen. Geholfen hat bei diesen meist sehr geduldiges, mehrmaliges Erklären des Stoffs (wozu die Lehrer oft nicht genug Zeit haben), viel Üben, Erfolgserlebnisse vermitteln ("Ich kann Mathe ja doch!") und damit Selbstvertrauen aufbauen. Mit dieser Methode habe ich etlichen Schüler/innen helfen können, Notenverbesserung meist um zwei Noten (von fünf auf drei oder von vier auf zwei).
it--fachmann 22.09.2015
4. Da ist was dran
Als Student habe ich Kindern Nachhilfe in Mathematik gegeben. Da waren viele Grundschüler dabei, die auf's Gymnasium sollten. Das Gefühl, dass jemand da ist, der ihnen bei diesem ungeliebten Fach hilft, verringert die Ängste der Kinder ungemein und führt zu besseren Schulnoten. Intuitiv verstand ich, dass man das ärgerliche Fach Mathematik für die Kinder in einem angenehmen Zusammenhang präsentieren musste. So ging ich öfters mit ihnen in den Wald und die Geometrie wurde mit einem Stock in den Sand gezeichnet - ganz wie bei den alten Griechen. Das kam gut an, und von ein paar notorischen Faulpelzen abgesehen, haben alle die Schulziele ihrer Eltern erreicht. Also liebe Lehrer bitte etwas mehr Kreativität beim Mathmatikunterricht! Motivation ist auch sehr wichtig. Man muss den Kindern zeigen, dass sie einen persönlichen Nutzen haben, wenn sie bestimmte Sachen berechnen können. Und daran fehlt es meistens im Mathematikunterricht an den Schulen. Da wird der Stoff nur formal trocken durchgezogen.
JocMet1967 22.09.2015
5. kompetente Mathelehrer...
... dabei könnten didaktisch kompetente Mathelehrer das Problem schon von vorneherein mindern oder gar nicht erst aufkommen lassen. Ich war auch nie eine Leuchte in Mathe. Dass Mathe zu meinen Schulzeiten kompetent vermittelt worden wäre, daran kann ich mich nicht erinnern. Ich hatte eine Aversion dagegen, weil viele eben besser waren. Dabei ist das Fach hochinteressant. Das Problem sind Mathemathiklehrer, die sich nicht vorstellen können, dass es Menschen gibt, denen das eben nicht so leicht von der Hand geht.
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