Mathe-Stiftung gegründet: "Wer rechnen kann, ist tüchtiger im Leben"

Spaß am großen Einmaleins und öfters Pi mal Daumen - die Stiftung Rechnen hat sich viel vorgenommen. Vorstand Johannes Friedemann will nicht Büffeln fördern, sondern Freude an der Mathematik. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt er, warum Banker trotz Finanzkrise ausgefuchste Rechner sind.

Erlebniswerkstatt der Technischen Sammlungen Dresden (Archivbild): "Was denken wir über Menschen, die sich als guter Rechner outen?" Zur Großansicht
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Erlebniswerkstatt der Technischen Sammlungen Dresden (Archivbild): "Was denken wir über Menschen, die sich als guter Rechner outen?"

SPIEGEL ONLINE: Ihre Stiftung will die Rechenfähigkeit der Deutschen verbessern. Wird in der Schule nicht schon genug gerechnet?

Johannes Friedemann: Ich hoffe, ja. Allerdings zeigen Studien, dass der Rückstand deutscher Schüler zur internationalen Spitze ein Jahr beträgt. Zudem haben wir in eigenen Befragungen herausgefunden, dass jeder Dritte die eigene Rechenfähigkeit für mittelmäßig bis schlecht hält. Gleichzeitig halten 96 Prozent der Deutschen Rechnen für eine wichtige Kompetenz. Da ist doch Raum für Verbesserungen.

SPIEGEL ONLINE: Warum der Name Stiftung Rechnen? Rechnen klingt sehr nach Drill, nach Büffeln des Einmaleins.

Friedemann: Rechnen ist eine elementare Kulturtechnik. Es ist nützlich, wenn man es kann. Kopfrechnen, Schnellrechnen, Nachrechnen, Durchrechnen - das hilft Menschen im Beruf, in der Schule, an der Supermarktkasse, bei der privaten Haushaltsführung. Wir denken, dass alle, die rechnen können, in vielen Belangen des Lebens die tüchtigeren Menschen sind.

SPIEGEL ONLINE: Weshalb legen Sie so großen Wert auf Rechnen? Das können Computerchips doch viel besser.

Friedemann: Es geht uns nicht allein ums Rechnen, sondern auch um mathematische Grundkompetenzen. Wir sprechen über Dreisatz, Geometrie, Zinseszins und über alles, wo Mathematik drin steckt.

SPIEGEL ONLINE: Viele sagen: Alles, was in Mathematik ab der neunten Klasse kam, habe ich später nie in meinem Leben gebraucht. Wie wollen Sie die überzeugen, sich weiter mit dem Thema zu beschäftigen?

Friedemann: Wir haben in unserer Befragung herausgefunden, dass viele Menschen die Ziele der Stiftung Rechnen unterstützen. Rund 60 Prozent der Befragten halten es für wichtig oder sehr wichtig, dass sich Unternehmen für die Verbesserung der mathematischen Fähigkeiten in der Gesellschaft engagieren. Interessanterweise sagen die Älteren zu unserem Projekt: Ganz toll, muss gefördert werden, aber setzt doch lieber bei den Kindern und Jugendlichen an. Sie wollen selbst nicht unbedingt ihre Rechenkünste und Mathekenntnisse verbessern, obwohl sie ihre eigenen Fähigkeiten als eher bescheiden einschätzen.

SPIEGEL ONLINE: Man kann auch mit überschaubaren Mathekenntnissen Karriere machen. Mancher kokettiert sogar damit.

Friedemann: Es geht nicht, dass man mit solchen Sprüchen mitunter immer noch Sympathiepunkte sammeln kann. Das hängt natürlich mit dem Image von Mathematik zusammen. Wie wird Rechnen, rechnen Können wahrgenommen? Was denken wir über Menschen, die sich als guter Rechner outen? Tatsache ist, das ergab zumindest unsere Umfrage: Gute Rechner werden als sympathisch, lebenstüchtig und erfolgreich wahrgenommen.

SPIEGEL ONLINE: Wie wollen Sie das Image der Mathematik denn verbessern?

Friedemann: Wir möchten Freude am Rechnen und an der Mathematik vermitteln. Es geht nicht um Drill, sondern um einen entspannten Umgang damit, etwa bei langen Autobahnfahrten, auf denen Kinder Rechenspiele machen, weil sie Spaß daran haben. Wir wollen als Stiftung Projekte fördern, die Menschen zur Mathematik bringen, den Umgang mit Zahlen erleichtern. Die Stiftung wird auch selbst aktiv werden, etwa in der Öffentlichkeitsarbeit. Wir wollen den Menschen klar machen, dass man mit schlechten Mathenoten nicht prahlen sollte.

SPIEGEL ONLINE: Die Comdirect Bank fördert die Stiftung Rechnen. Hat die Finanzkrise nicht gezeigt, dass gerade in Banken Defizite beim Rechnen bestehen? Schließlich beschäftigen Kreditinstitute Versicherungsmathematiker, um Risiken von Finanzanlagen zu kalkulieren. Den Crash haben sie nicht verhindern können.

Friedemann: Wenn man sich anschaut, wer mit welchem Verhalten die Finanzkrise verursacht hat, dann könnte man auf diesen Gedanken kommen. Mein Verdacht ist, dass hier der eine oder andere dabei ist, der ein besonders ausgefuchster Rechner ist. Gleichzeitig stellt sich aber die Frage, mit welchen Wertvorstellungen diese Menschen unterwegs sind. Man könnte auch fragen, wie wirkungsvoll diese Kameraden beaufsichtigt wurden.

SPIEGEL ONLINE: Aber dann hätten diese schlauen Rechner ja merken müssen, dass die Risiken immer größer und größer werden und ein gewaltiger Crash droht…

Friedemann: Das sehen nicht nur Sie so. Wahrscheinlich wird das Thema Risikomanagement heute anders gesehen als vor der Krise. Aber: Es gibt Menschen und Unternehmen, die jahrelang viel Geld verdient haben. Und das erklärt doch vieles. Die Neuerfindung der Finanzindustrie weltweit ist jedoch nicht Teil des Stiftungszwecks der Stiftung Rechnen. Für uns zählt die Freude am Rechnen und die Verbesserung der mathematischen Fähigkeiten.

SPIEGEL ONLINE: Sie betonen, wie wichtig Mathe im Alltag ist. Was nützt es, wenn Sie die Leute immer wieder daran erinnern, wo überall Mathe drinsteckt?

Friedemann: Wer die Google-Formel verstehen will oder die nächstgrößere Primzahl herausfindet, gehört sicher zu denen, die mehr wissen wollen. In allen Disziplinen - im Sport, in der Musik oder in der Mathematik - gibt es die, die ganz vorn mitspielen. Eliten sind uns lieb und teuer, aber sie stehen nicht im Mittelpunkt unserer Stiftungsidee. Für uns findet Mathematik im täglichen Leben statt: in der Schule, an der Uni, im Beruf und in der privaten Haushaltsführung. Und in diesem täglichen Leben ist es durchaus hilfreich, wenn man mit Wahrscheinlichkeiten und Prozenten umgehen kann oder auch mal in der Lage ist, eine etwas komplexere Rechnung im Kopf zu überschlagen.

Das Interview führte Holger Dambeck.

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Zur Person
Johannes Friedemann, Jahrgang 1964, ist Diplom-Kaufmann und Journalist. Er leitet die Unternehmenskommuni­kation der comdirect bank AG und ist seit 2009 geschäftsführender Vorstand der Stiftung Rechnen.

Stiftung Rechnen
Die im Oktober 2009 gegründete Stiftung Rechnen möchte die Rechenkompetenz in Deutschland verbessern und den Menschen mehr Freude an Zahlen und am Lösen mathematischer Aufgaben vermitteln. Die Stiftung ist gemeinnützig und wird unter anderem von den Unternehmen bettermarks, comdirect bank AG, Ernst Klett Verlag, forsa, Scout24 und der Universität Münster unterstützt.
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