Einsames Genie Mathematik-Mönch Grothendieck ist tot

Er legte die Grundlagen für spektakuläre mathematische Beweise, wurde dafür gefeiert und zog sich plötzlich in die Einsamkeit zurück. Jetzt ist Alexander Grothendieck im Alter von 86 Jahren gestorben.

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Auf einen Spazierstock gestützt steht er im Garten, sein Rauschebart und die Kutte lassen ihn wirken wie einen Mönch. Doch es handelt sich um einen der wichtigsten Mathematiker des 20. Jahrhunderts. Die Aufnahme zeigt Alexander Grothendieck, der am 13. November 2014 in Saint-Girons südlich von Bordeaux gestorben ist.

Grothendieck führte ein Leben der Extreme. Sein Vater war russisch-jüdischer Anarchist und wurde in Auschwitz von den Nazis ermordet. Grothendieck, selbst in Berlin geboren, lebte bei Pflegeeltern in Frankreich, in einem Kinderheim, ging kaum zur Schule und musste sich als Tagelöhner bei Weinbauern durchschlagen, um sein Studium zu finanzieren.

1948 landet er in Paris, damals wie heute eine Top-Adresse der modernen Mathematik. Grothendieck entdeckt die algebraische Geometrie für sich - und macht schnell große Fortschritte. In dem Teilgebiet der Mathematik werden geometrische Formen über die Nullstellen von Polynomen definiert. Ein einfaches Beispiel dafür ist die Gleichung x2 + y2 - 1 = 0. Ihre Lösungen bilden in einem zweidimensionalen Koordinatensystem einen Kreis mit dem Radius 1.

"Grothendieck hat die algebraische Geometrie auf eine völlig neue Grundlage gestellt", sagt Winfried Scharlau, emeritierter Professor für Mathematik der Uni Münster. Er habe ganz neue Methoden entwickelt. "Damit konnten viele große Probleme endlich gelöst werden."

Geld vom Verteidigungsministerium führt zum Bruch

Das bekannteste Beispiel dafür ist der Große Satz von Fermat. Er besagt, dass die Gleichung an + bn = cn für positive ganze Zahlen a, b, c, n mit n>2 keine Lösungen besitzt. "Diese Vermutung war seit Hunderten Jahren ungelöst", erklärt Scharlau. "Mit den Methoden Grothendiecks konnte der Satz bewiesen werden." Das gelang 1994 dem Briten Andrew Wiles gemeinsam mit Richard Taylor. Auch die Arbeiten von Gerd Faltings, deutscher Fields-Medaillist im Jahr 1986, wären ohne Grothendieck kaum denkbar.

Grothendieck selbst bekam schon 1966 die Fields-Medaille, die als Nobelpreis für Mathematiker gilt. Aber in den Folgejahren veränderte sich sein Leben grundlegend. Er sympathisierte mit den 68ern in Paris und kritisierte den Vietnamkrieg. Als er mitbekam, dass der Etat seines mathematischen Instituts in Paris zu einem kleinen Teil vom Verteidigungsministerium stammte, kam es zum Bruch. Grothendieck wandte sich ab von der Mathematik und beschäftigte sich fortan mit Meditation, Religion und Philosophie.

1991 schließlich zog er sich zurück. Er lebte seitdem allein in Saint-Girons, einem Dorf in den französischen Pyrenäen. Was hat ihn zum Ausstieg bewogen? "Diese Frage wird wohl niemand abschließend beantworten können", sagt Scharlau, Autor einer Biografie des Mathematikers. "Grothendieck hatte sicher große psychische Probleme. Er litt unter so etwas wie religiösem Wahn." Nur zum Einkaufen und später für Arztbesuche habe er sein Haus verlassen. "Besucher hat er eigentlich alle abgewiesen."

Der Fall sei einzigartig in der Wissenschaftsgeschichte, sagt Scharlau. "Er steht ganz im Rampenlicht und zieht sich dann plötzlich vollständig zurück, um in Einsamkeit zu leben." Am ehesten mit Grothendieck vergleichbar sei der russische Mathematiker Gregorij Perelman. Er machte weltweit Schlagzeilen, indem er die Poincaré-Vermutung bewies - und lebt seitdem zurückgezogen in St. Petersburg.



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insgesamt 60 Beiträge
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Senf-Dazugeberin 14.11.2014
1. Larry
Erinnert mich irgendwie an Larry aus der Serie Numbers.
pauschaltourist 14.11.2014
2.
"Diese Vermutung war seit Hunderten Jahren ungelöst", erklärt Scharlau. "Mit den Methoden Grothendiecks konnte der Satz bewiesen werden." Gott sei Dank. Ich konnte zuvor gar nicht ruhig schlafen.
Pfaffenwinkel 14.11.2014
3. Religiöser Wahn
Das ist mir eine zu schwammige Aussage. Es passt aber durchaus zu einem Genie, dass er in der Einsamkeit Gott suchte.
pfzt 14.11.2014
4.
Es spricht wohl Bände über diese Welt wenn sich die Allerklügsten mit Grausen in die Einsamkeit zurückziehen. Vielen Dank trotz alledem für ihren Beitrag zum Fortschritt der Menschheit, mögen sie in Frieden ruhen.
brut_dargent 14.11.2014
5.
Zitat von PfaffenwinkelDas ist mir eine zu schwammige Aussage. Es passt aber durchaus zu einem Genie, dass er in der Einsamkeit Gott suchte.
Warum?
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