Mathematiker Devlin über Trump "Er folgt dem Weg eines Diktators"

Keith Devlin lehrt Mathematik an der Stanford University und sieht in Trump eine Gefahr für die Demokratie. Er kritisiert den US-Präsidenten, wann immer er kann - Repressionen gegen Forscher hält er für möglich.

Stanford-Mathematiker Devlin
Juan Farías/ La Tercera

Stanford-Mathematiker Devlin

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Der US-Präsident hat sein ganz eigenes Verhältnis zu Fakten, leugnet den Klimawandel und sieht Umweltschutz vor allem als Industriehemmnis. Donald Trumps Politik macht vielen Wissenschaftlern in den USA Angst. Sie fürchten Kahlschläge an den Unis, manche sogar eine Abkehr von der Rationalität. Fünf Wissenschaftler schildern, wie sie die Ära Trump erleben. Unter dem folgenden Text des Mathematikers Keith Devlin finden Sie Links zu den Berichten vier weiterer Forscher.

"Ich bin seit den Snowden-Enthüllungen politisch aktiv. Denn sie haben gezeigt, dass einige meiner mathematischen Forschungsarbeiten von Geheimdiensten für die illegale Überwachung eingesetzt wurden. Uns wurde erzählt, es ginge darum, die demokratische Freiheit zu verteidigen.

Aber die von uns entwickelten Methoden haben das Internet unsicherer gemacht, weil damit zum Beispiel Verschlüsselungssysteme geschwächt wurden. Und sie haben den Schutz der Privatsphäre untergraben, weil Geheimdienste damit Bürger ausspionieren können.

Zur Person
    Keith Devlin, 70, in den USA kennt man ihn als "The Math Guy". Der Mathematiker hat Dutzende populärwissenschaftliche Bücher über sein Fachgebiet veröffentlicht. Seit einigen Jahren entwickelt er auch neue Lehrmethoden, zum Beispiel Apps, die Kindern spielerisch das Rechnen beibringen. In Donald Trump sieht der Professor an der Stanford University eine große Gefahr für die Demokratie. Entsprechend forsch und nachdrücklich kommentiert Devlin die Politik des US-Präsidenten.

Seit der Wahl von Trump zum US-Präsidenten äußere ich mich noch viel häufiger - vor allem auf Twitter unter meinem Account @profkeithdevlin. Zum Beispiel habe ich mich für das SPIEGEL-Cover bedankt, das Trump mit einem Messer und dem Kopf der Freiheitsstatue zeigt. Ich betrachte es als eine späte Frucht des Marshall-Plans, mit dem Amerika nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa Wirtschaft und Demokratie gefördert hat.

Gemeinsam mit den ebenfalls politisch sehr aktiven Mathematikern Ed Frenkel, John Allen Paulos und Jordan Ellenberg versuche ich, Trump zu stoppen. Wir sagen offen unsere Meinung, und zwar bewusst so aggressiv, dass es böse für uns enden könnte.

Mathematik ist sehr wichtig für unsere Wirtschaft und für die nationale Sicherheit. Ich finde, wir Mathematiker sollten uns genauso klar und offen äußern, wie dies einst die Physiker Otto Hahn, Max Born und Werner Heisenberg getan haben, als sie 1957 gegen die atomare Aufrüstung protestierten. Wenn wir es nicht schaffen, Trump aufzuhalten, wird er die von uns entwickelten Technologien nutzen, um die Bevölkerung zu unterdrücken.

"Die Menschen sind im Grunde die gleichen geblieben"

Das ist eine ganz andere Situation als damals unter George W. Bush. Er hat zwar schreckliche Bildungsziele propagiert und Wissenschaft politisch beeinflusst, etwa in Fragen des Klimawandels. Aber er war keine existenzielle Bedrohung für unsere Demokratie. Trump hingegen folgt bei allem, was er bislang getan hat, dem Weg eines Diktators.

Trump-Kritiker Devlin

Trump-Kritiker Devlin

Ich mache mir Sorgen um unsere Gesellschaft. Natürlich leben wir heute in anderen Zeiten als in den Dreißigerjahren in Europa. Viele Dinge haben sich geändert, etwa die Kommunikation und die Möglichkeiten zu reisen. Doch die Menschen lassen sich heute wie damals manipulieren, sie sind im Grunde die gleichen geblieben. Wenn wir nicht aufpassen, könnten wir enden wie Russland unter Putin.

Erst kürzlich haben sieben US-Bundesstaaten Gesetze angekündigt, die Demonstrationen kriminalisieren sollen. Auch wenn diese Gesetze beim Obersten Gerichtshof kaum durchgehen dürften, zeigen sie doch, dass es genug Menschen gibt, welche die Bevölkerung unterdrücken wollen.

Meine Stelle als Professor an der Stanford University ist sicher, da mache ich mir keine Sorgen. Ich bin aber auch an einem Start-up beteiligt, das Apps für den Bildungsbereich entwickelt. Dafür bekommen wir auch eine Förderung aus Steuergeldern. Diese Gelder könnten, das fürchte ich zumindest, gestrichen werden. Deshalb wird unser Start-up nicht scheitern, aber es könnte unsere Entwicklung bremsen. Wenn alle Stricke reißen, und ich nicht mehr an der Uni arbeiten kann, habe ich immer noch viele Ideen für neue Bücher über Mathematik oder über Mathematiker."

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