Mathematisches Modell Mundpropaganda entscheidet über Kinoerfolg

Ob ein Film ein Blockbuster wird oder ein Flop, hängt vor allem davon ab, was die Besucher der ersten Vorstellungen über ihn erzählen. Diese These konnten US-Forscher mit einem mathematischen Modell der Kinobesucherzahlen bestätigen.


Macht der Cineasten: Geh da bloß nicht rein!
SPIEGEL ONLINE

Macht der Cineasten: Geh da bloß nicht rein!

Wenn es um die Künste geht, strecken Naturwissenschaftler normalerweise ihre Waffen. Dem unpräzisen Gewusel der Emotionen ist mit mathematischen Mitteln eben nur schwer beizukommen. Nur vereinzelt versuchen Mathematiker und Physiker, das Geheimnis von Literatur, Musik oder Film mit ihren Mitteln zu ergründen.

Zuletzt entwickelten britische Mathematiker eine Formel für den perfekten Horrorfilm. Sie identifizierten jene Zutaten des Schreckens, die letztlich dafür sorgen sollen, dass es den Zuschauern besonders kalt den Rücken herunter läuft. Eine große Portion Spannung, ein ordentlicher Schuss Realismus, etwas Blut, eine schaurige Umgebung und überraschende Charaktere - so strickt man angeblich erfolgreich Horrorfilme.

Ein amerikanischer Physiker hat nun eine Formel entwickelt, mit der sich der Erfolg von Filmen an der Kinokasse berechnen lässt. César Hidalgo von der University of Notre Dame im US-Bundesstaat Indiana beschränkte sich dabei auf drei Faktoren:

  • die Größe des Publikums, an das sich der Streifen richtet,
  • den stark vom Marketing beeinflussten Wunsch des Publikums, den Film anzuschauen,
  • die Resonanz bei den Zuschauern, die das Werk schon gesehen haben.
Laut Hidalgo spielt vor allem der letzte Punkt, die Reaktion der Zuschauer, eine entscheidende Rolle. Per Mundpropaganda würden Leute, die sich einen neuen Streifen angesehen haben, für Erfolg beziehungsweise Misserfolg sorgen. Ein mit großem Werbeetat gepushter Film erreiche zwar in den ersten Tagen ein großes Publikum. Wie sich die Besucherzahlen danach entwickelten, hänge jedoch vor allem davon ab, was über den Film erzählt werde.

Horror-Gemetzel "Blade II": Laut Wissenschaft ein schlechter Film
AP

Horror-Gemetzel "Blade II": Laut Wissenschaft ein schlechter Film

Als Beispiel nannte Hidalgo das Horror-Gemetzel "Blade II". Auf anfänglich hohe Besucherzahlen folgte der schnelle Absturz. Genau umgedreht sei die Entwicklung bei der Komödie "Kissing Jessica Stein" gewesen, sagte Hidalgo dem Online-Newsdienst des Fachblatts "Nature". Von Woche zu Woche sei die Zahl der verkauften Tickets dank guter Kritiken gestiegen.

Hidalgo nutzte für sein mathematisches Modell Besuchstatistiken von 44 Filmen der letzten Zeit. Die einfache Gleichung mit den drei Faktoren Publikumsgröße, Werbeaufwand und Akzeptanz lieferte Kurvenverläufe, die den real beobachteten erstaunlich ähnelten, und zwar nicht nur bei einer Handvoll der 44 Streifen.

Kassen-Statistik: "Kissing Jessica Stein" (links) vs. "Blade II"
César Hidalgo/University of Notre Dame

Kassen-Statistik: "Kissing Jessica Stein" (links) vs. "Blade II"

"Das ist eine lustige Studie", sagte Gerben Bakker, ein Experte für Kinomarketing an der britischen University of Essex, dem Onlinedienst von "Nature". Aber das Modell sei sehr einfach gehalten und werde der Komplexität der Sache nicht gerecht. Bakker schlug vor, in einem verbesserten Modell auch die Anzahl der Kinos zu berücksichtigen, in denen ein neuer Streifen gleichzeitig anläuft. Vor allem Low-Budget-Produktionen könnten meist nur in wenigen kleineren Filmtheatern angeschaut werden.

Das, was Zuschauer über einen Film erzählen, beeinflusst nicht nur die Besuchstatistiken. Auch der DVD-Verkauf hänge entscheidend davon ab, sagte Hidalgo, zumal mittlerweile das Geschäft mit DVDs bei immer mehr Filmen die Einnahmen an der Kasse übertreffe.



© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.