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09. November 2014, 09:24 Uhr

DDR-Forscher Jens Reich

"Ich hatte Angst vor den verborgenen Überwachern"

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Vom Wissenschaftler zum Bürgerrechtler: Jens Reich erklärt im SPIEGEL ONLINE-Interview, was Forschen in der DDR bedeutete, welche Repressalien er erlebte - und warum er nach der Wende für das Amt des Bundespräsidenten kandidierte.

SPIEGEL ONLINE: Herr Reich, wären Sie lieber ein paar Jahrzehnte später zur Welt gekommen, um ihre wissenschaftliche Karriere nicht in der DDR beginnen zu müssen?

Reich: Ja. Ich hätte gern für eine Weile in den USA oder Großbritannien gearbeitet, wo die Wissenschaft meines Fachs damals am weitesten war. Mir und meinen Kollegen war immer klar, dass in der DDR große Ideale oder der Wunsch, Ergebnisse von Weltgeltung zu erreichen, nicht erfüllbar waren. Was wir nach dem Mauerbau in der Abschottung bestenfalls erreichen konnten, war solide Wissenschaft, natürlich immer mit Zeitverlust gegenüber der westlichen Welt.

SPIEGEL ONLINE: Was waren die größten Schwierigkeiten für Wissenschaftler in der DDR?

Reich: Für mein Fach, Biochemie und Molekularbiologie, das im Westen gerade in den Jahren der Abschottung während des Kalten Krieges enorme Fortschritte machte, war die fehlende Wirtschaftskraft ein entscheidender Mangelfaktor. Innovative technische Geräte, Computer, Biochemikalien - wir waren in allem, verglichen mit der Bundesrepublik, stets im Rückstand. Hinzu kommt ein besonders für die DDR entscheidender "weicher" Faktor: Die DDR konnte und wollte sich die in der heutigen Wissenschaft unverzichtbare, sich weitgehend spontan organisierende internationale Verflechtung der aktiven Wissenschaftlergeneration nicht leisten. Das war der "Käfigeffekt" nach dem Mauerbau.

"Der Arzt und Molekularbiologe war 1989 im März 50 Jahre alt geworden. Mitte der 1980er Jahre begann Jens Reich, bei oppositionellen Veranstaltungen seine Stimme einzubringen." (Auszüge aus dem Porträt "Gesichter der Wende" von Ilko-Sascha Kowalczuk, Mitarbeiter beim Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR)

SPIEGEL ONLINE: Wie wirkte sich das auf Sie persönlich aus?

Reich: Ich habe mich früh von der besonders vom Stand der Technologie abhängigen experimentellen Forschung abgewandt und bin in die Theorie gegangen: mathematische Analyse von Stoffwechselprozessen in der lebenden Zelle. Das brachte mich nah an die sehr starke, allerdings auch abgeschottete sowjetische Schule, wo Zusammenarbeit aus wissenschaftspolitischen Gründen sehr gefördert wurde, selbst wenn man nicht in die SED eintreten wollte, sich aber politisch ruhig verhielt.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat Wissenschaft in der DDR funktioniert?

Reich: Um die Ausstattung und die Forschungsaufträge kümmerten sich die Chefs im Gerangel mit der Partei- und Ministerialbürokratie. Den Forschungsplan bekam man als Staatsplan von oben. Der war dann starr und zwang einen zur Abarbeitung selbst dann, wenn sich herausstellte, dass er nicht mehr aktuell war, weil die Hypothese widerlegt war oder die Sachlage sich geändert hatte. Es gab eine absurde Tendenz, zur eigenen Absicherung nur solche Fragestellungen vorzuschlagen, die schon beantwortet waren. Dann konnte man etwas freier herumprobieren, lag aber notwendig hinter dem aktuellen Forschungsstand der Außenwelt.

SPIEGEL ONLINE: Sie wollten mehr Freiheit, vor allem in der Wissenschaft. 1970 gründeten Sie den "Freitagskreis", der schnell als systemkritisch eingestuft wurde. Warum?

Reich: Das ging automatisch. Eigentlich waren wir ein paar junge Menschen mit akademischer Ausbildung, wir trafen uns regelmäßig, um kulturelle, philosophische, literarische Themen zu besprechen. Unter DDR-Bedingungen wurde so etwas unvermeidlich politisch und bald systemkritisch. Und so kamen wir früher oder später ins Visier der Sicherheit. Speziell meine Kontakte nach Polen, in die CSSR und die Sowjetunion, die ja auf wissenschaftlicher Zusammenarbeit beruhten, galten als "feindlich-negativ", das kompromittierte zusätzlich in deren Augen.

"Zum Gründungstreffen des Neuen Forums in Grünheide bei Berlin am 9. und 10. September 1989 kam Jens Reich gut vorbereitet mit einem Textentwurf. Nach einigen Debatten war aus beiden Entwürfen der berühmte Aufruf entstanden. In den folgenden Wochen und Monaten avancierte Jens Reich zu den bekanntesten Gesichtern und Stimmen des revolutionären Aufbruchs."

SPIEGEL ONLINE: 1989 waren Sie einer der Autoren und Erstunterzeichner des Aufrufs "Aufbruch 89 - Neues Forum". Was ließ Sie letztlich rebellieren? Der Gedanke an Ihre Kinder?

Reich: Die Zukunft der Kinder war sicher ein ganz wichtiger Antrieb. Die Jugend strebte in großer Zahl aus dem Land. Viele sammelten sich immer wieder in den westdeutschen Botschaften. Zehntausende wollten auf Antrag ausreisen. Die Wissenschaft, über die wir hier sprechen, bot keine Perspektive mehr. Die allgemeine Protestbewegung gegen die verkrusteten Zustände nahm immer mehr zu. Es wurde viel dringender, sich der allgemeinen gesellschaftlichen Krise anzunehmen, als brav im Forschungslabor weiter zu arbeiten. Es waren die Solidarnosc-Aktivisten in Polen, die mir gesagt haben, dass es nicht mehr reiche, nur meine Arbeit zu machen und in meinem Freitagskreis politisch zu diskutieren und dabei liberale Reformen tatenlos herbeizusehnen.

SPIEGEL ONLINE: Was unternahmen Sie konkret?

Reich: Ich begann, aktiv Kontakt zu oppositionellen Gruppen zu suchen. Ich trat öffentlich bei Protestversammlungen auf, etwa in der Gethsemane-Kirche gegen die ökologische Krise in der DDR und gegen die Militarisierung der Schulerziehung. Ich übersetzte aufregende Enthüllungen und Analysen aus sowjetischen und polnischen Zeitungen und bot sie den Zeitschriften der Oppositionsszene an. Das blieb nicht unbeobachtet.

SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie Angst?

Reich: Durchaus - vor diesen verborgenen, unkalkulierbaren Überwachern. Wenn wir uns freitags trafen, parkte da plötzlich ein rundum abgeschlossener Mini-Van. Aus der ansonsten unbewohnten Wohnung im Haus gegenüber traf einen ein Blitzlicht aus einer Kamera, wenn man heraustrat. Pünktlich eine Stunde vor einer Freitagszusammenkunft bei uns knackte es im Telefon, und gleich danach rief ein Herr namens Müller oder so ähnlich an und entschuldigte sich wegen falscher Verbindung. Und ich bin dann ja auch beruflich herabgesetzt worden. Der Direktor ließ über seinen Adjutanten ausrichten, dass ich nicht länger Leiter meiner Arbeitsgruppe sei.

"Auf der großen Kundgebung am 4. November 1989 auf dem Ostberliner Alexanderplatz sprach er für das Neue Forum, später saß er in der ersten frei gewählten Volkskammer. Er verlieh den Bürgerbewegungen mit seiner besonnenen und ruhigen Art jene Solidität, die viele Menschen den meisten Bürgerbewegten aufgrund ihres eher unbürgerlichen Habitus nicht zutrauten."

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie nicht versucht, in den Westen zu flüchten?

Reich: Das habe ich niemals ernsthaft in Erwägung gezogen. Wir wollten ja Reformen und Erleichterungen innerhalb der DDR. Wir hatten unsere ganze Familie und viele Freunde im Osten. Meine Frau war Ärztin und hatte ihre Patienten. Und wir hatten den Freitagskreis. Nur wenn ich offen als Staatsfeind drangsaliert worden wäre, hätte ich erwogen, in den Westen zu gehen. Aber so weit kam es dann doch nicht.

SPIEGEL ONLINE: Wie reagierten Ihre Kollegen an der Akademie, als Sie öffentlich gegen den SED-Staat protestierten?

Reich: Ab September 1989, als ich weithin wahrnehmbar auftrat, Interviews für die Westmedien gab, machten viele Kollegen auf dem Campus Berlin-Buch einen Bogen um mich. Der wird wohl bald von der Szene verschwinden, munkelte man. Ich war unberührbar geworden.

SPIEGEL ONLINE: Wie schwer war es für Wissenschaftler aus dem Osten, nach 1989 weiterzumachen?

Reich: Das kam sehr drauf an, was man vorher gemacht hatte. Wer an Dopingforschung oder an militärischer Forschung beteiligt war, der war zunächst raus - es sei denn, er hatte ganz besondere Qualifikationen. Gleiches gilt für die Forscher, die in Betrieben gearbeitet haben - die wurden alle mehr oder weniger schnell abgewickelt. Solche Forschung passte nicht ins West-System. Wer an Unis geforscht hatte, hatte Chancen, wenn er nicht wegen hoher Parteifunktion oder IM-Tätigkeit als "belastet" galt.

SPIEGEL ONLINE: Was war mit den Forschern an der Akademie der Wissenschaften?

Reich: Die Akademie mit ihren Zehntausenden von Forschern wurde per Dekret im Einigungsvertrag einfach aufgelöst. Es kam zu einem gigantischen Personalwechsel. Vor allem die älteren Forscher waren tief frustriert, weil sie plötzlich ohne Job waren. Wer aber ein bisschen Glück hatte und nicht belastet war, der hatte eine Chance. Gerade jüngere Kollegen gingen in den Westen, vor allem in die USA.

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie sagen, Sie haben Glück gehabt?

Reich: Ich hatte Glück, ich hatte auch das richtige Thema, schon zu Ostzeiten hatte ich an DNA-Sequenzanalysen gearbeitet. Das passte, und ich war nicht so weit vom internationalen Standard entfernt. Wenn man 50 ist, kann man nicht mehr in den Himmel fahren, aber ich konnte in Berlin-Buch wieder eine Arbeitsgruppe aufbauen. Und auch sonst ging es dann weiter. Viele Institute wurden neu gegründet. Unter modernen Bedingungen wurde plötzlich wieder hochkonzentriert gearbeitet. Und ich bekam die Chance, für einige Zeit in Heidelberg und in den USA arbeiten zu können.

"Jens Reich zählt neben Richard Schröder zu den ganz wenigen ostdeutschen Intellektuellen, die zwar keine Partei- oder Wahlämter bekleiden, die aber seit über 20 Jahren gesamtdeutsch gehört werden. Zahlreiche Ehrungen und Auszeichnungen zeugen davon, nicht zuletzt Reichs Berufung in den Nationalen Ethikrat, dem er ab 2001 angehört."

SPIEGEL ONLINE: 1994 kandidierten Sie für das Amt des Bundespräsidenten. Wie kam es dazu?

SPIEGEL ONLINE: Dazu bin ich überredet worden, von einer privaten Initiative von Akademikern, Politikern, Publizisten, Journalisten und Juristen zumeist aus Frankfurt am Main, mit generell parteienkritischer Position. Ich arbeitete damals in Heidelberg am Deutschen Krebsforschungszentrum. Sie sagten, dass ich nächstes Jahr kandidieren müsse. Es könne angesichts der ernsten Vereinigungskrise nicht mehr so weitergehen, dass alle politischen Positionen, nun auch noch die Nachfolge Weizsäckers, nur unter Politikern aus dem Westen ausgekungelt würden. Diese Gegenkandidatur wurde von einer sehr aktiven Gruppe junger Menschen aus verschiedenen Parteien und Richtungen unterstützt. Schließlich stimmte auch noch Bündnis 90/Die Grünen für die Kandidatur.

SPIEGEL ONLINE: Das wurde dann aber nichts. Roman Herzog setzte sich durch.

Reich: Das tat mir nicht weh. Wir wussten, meine Chancen sind gleich null, aber es brauchte ein Symbol der Wiedervereinigung. Ich fand das gut und wichtig. Es musste ja tatsächlich auch mal der Osten vorkommen im Westen - in der Politik und in der Forschung. Neuerdings ist das anders. Virtuell sieht es heute aus, als hätten Ostdeutsche die Kommandobrücke erobert.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, Ilko-Sascha Kowalczuk sei Bundesbeauftragter für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR. Dies ist nicht richtig. Kowalczuk ist in der Behörde Projektleiter in der Abteilung Bildung und Forschung. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

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