Kaum irgendwo auf der Welt können Raubgräber so ungestört antike Kunst erbeuten wie in den Regenwäldern von Mittelamerika. Aber am Ausverkauf der Maya-Kultur sind auch europäische Sammler schuld. Eine Spurensuche in Guatemala.

Auf der Spur der Raubgräber

Kapitel 1


Nur ein paar Kilometer hinter seinem Dorf biegt José, der Raubgräber, von der staubigen Piste ab in den Urwald. Mit der Machete schlägt er einen alten, kaum erkennbaren Pfad frei, zugewuchert von Zweigen und Ästen. Die Sonne, die das tropische Tiefland des Petén manchmal auf über 40 Grad Celsius aufheizt, lässt sich durch das dichte Blätterdach nur noch erahnen. Im Dämmerlicht der grünen Hölle schwirren Moskitos durch die Luft. Jetzt nur nicht stehenbleiben, dann ist man ein leichtes Opfer.

José hat hier mehr Zeit verbracht, als irgendwo sonst, immer tiefer geht er in den Regenwald. Während die Vögel oben in den Baumwipfeln einen mörderischen Lärm veranstalten, marschiert der kräftige Mann mit den schwarzen Stiefeln und dem Baseball-Cap auf einen kleinen Hügel zu. Dann bleibt José stehen. "Wir sind da", sagt er und schiebt die Machete in die Hülle. Er greift zu seiner Hacke und arbeitet sich Stück für Stück in den uralten Grabhügel.

Im 19. Jahrhundert beschrieben die beiden Forschungsreisenden John Lloyd Stephens und Frederick Catherwood erstmals einer breiteren Öffentlichkeit die archäologischen Schätze der Maya in Mittelamerika. Damals lösten ihre Berichte und Zeichnungen von mächtigen Ruinenstädten unter dichter Dschungelvegetation Entdeckerfieber unter Abenteurern und Forschern aus.

Bald kamen Archäologen und gruben die vor mehr als tausend Jahren untergegangenen Stadtstaaten wie Tikal oder Palenque aus, die heute viele Touristen anziehen. Doch Forscher wissen nicht erst seit der jüngsten Untersuchung mit Luftbildtechnik, dass der Regenwald im Maya-Tiefland viele seiner Geheimnisse noch nicht preisgegeben hat. Die Urwälder von Guatemala, Mexiko oder Belize und Honduras sind heute zwar besser erforscht. Aber viele Gebiete sind fast immer noch so wild und unberührt wie damals.

Die weitläufigen Regenwälder sind von Tausenden archäologischen Stätten durchzogen - frühzeitliche Spuren finden sich nahezu überall in der Region. In vielen Ruinen und kleineren Pyramiden haben die Maya Opfergaben oder Kammern mit Gräbern hinterlassen. Die des ehemaligen Maya-Adels sind reich an wertvollen Grabbeigaben. Vor allem darauf haben es Kriminelle abgesehen. Die schwer zu kontrollierende Region macht die Schätze der verschwundenen Hochkultur seit Jahrzehnten zur leichten Beute.

Huecheros werden sie in Guatemala genannt, Raubgräber. Wann immer Archäologen eine Maya-Stadt neu entdeckten: Die Plünderer waren meist schon vorher da und haben in den überwucherten Pyramiden und Palästen manchmal Tausende Saques hinterlassen - Suchtunnel, durch die sie ins Innere der Bauwerke kriechen. Huecheros geht es nur um Schatzsuche: Sie nehmen prunkvoll bemalte Keramiken oder wertvollen Jadeschmuck mit und verkaufen die Artefakte. Manchmal schneiden sie sogar riesige Stuckmasken aus den Fassaden von Pyramiden oder nehmen zentnerschwere Stelen mit Hieroglyphen darauf mit.

Die Wissenschaft leidet nicht nur unter dem Verlust der geraubten präkolumbischen Kunst und der Informationen darauf. Schlimmer noch wiegt, dass der für Archäologen so wichtige Fundzusammenhang fehlt. Die Grabbeigaben eines Toten, die Knochen, der Ort der Beisetzung, die Erdschicht - nur alles zusammen erzählt den Altertumsforschern eine Geschichte. Fehlt eines dieser Puzzlestücke, geht auch ein Teil dieser Geschichte verloren.

Die Welt der Huecheros ist archaisch. Einiges im Urwald kann töten, anderes beim Überleben helfen. Die Männer kennen den Unterschied. Wochenlang ziehen sie in langen Fußmärschen wie Nomaden durch den Urwald, leben in selbstgebauten Camps ohne Strom, Handynetz, fließendes Wasser - immer auf der Suche nach neuen Fundstätten. Wer hier überleben will, muss sich der Natur anpassen. "Nicht jeder hält das Leben im Urwald aus", sagt José.

In den Dörfern des Petén ranken sich Dutzende Legenden um die Raubgräber. Giftschlangen oder Schießereien mit Konkurrenten haben so manches Leben im Urwald beendet. Archäologen aus Bonn fanden bei ihrer Grabung in Uxul in Mexiko etwa Knochen von Raubgräbern - sie waren offenbar in einem eingestürzten Suchtunnel umgekommen.

Auf der Jagd nach dem ganz großen Fund sind Huecheros aber nur das kleinste Glied einer Kette. Das große Geld wird am anderen Ende verdient. Schon Zwischenhändler und Exporteure streichen hohe Gewinne ein, ehe die Stücke auf dem internationalen Kunstmarkt landen. Von dort gelangten einige sogar in Museen, doch Sammler zahlen manchmal Hunderttausende Dollar für besondere Stücke wie große Jademasken oder mit Glyphen bemalte Keramiken. Dann versickern die Kunstschätze in der eingeschworenen Welt der Sammler. Und bleiben vor der Öffentlichkeit verborgen.

Auf der Spur der Raubgräber

Kapitel 2


Um das Anwesen von Doña Rosa (Name von der Redaktion geändert) verläuft eine hohe Mauer, von der Straße deutet nichts auf den Prunk in der riesigen Kolonialstil-Villa. Schwerbewaffnete öffnen das Tor und gewähren mit misstrauischen Blicken Einlass. So stellt man sich den Sitz eines mächtigen Drogenkartells vor. Doch an der Tür des Haupthauses wartet eine alte, freundliche Frau. Bisher haben nur sehr wenige Menschen ihre Sammlung gesehen, sie gehört zu den eindrucksvollsten in Guatemala. Nach einer halben Stunde Führung durch Räume, vollgestopft mit Antiquitäten und moderner Kunst, ist der Flügel mit den präkolumbischen Stücken erreicht. So manches öffentliche Museum würde von dem, was jetzt kommt, eine eigene Ausstellung bestreiten.

An den Wänden stehen Vitrinen, in denen sich bunte Maya-Vasen aneinanderreihen. Die jahrhundertealten Glyphen darauf erzählen von Priestern und mächtigen Königen. Ohrpflöcken aus Jade oder Perlen von schimmernden Colliers hat Doña Rosa eine eigene Truhe gewidmet. Auch die Glaskästen für Obsidianartefakte sind beeindruckend, aus dem Vulkanglas stellten die Maya Klingen so scharf wie Rasiermesser her. Zudem stehen riesige, weit über einen Meter hohe Gefäße im Teotihuacán-Stil in den Ecken - nahezu unversehrt haben sie die Zeit überdauert.

Rosa habe zusammen mit ihrem Mann als junge Frau angefangen zu sammeln, erzählt sie. Er hat als Anwalt für die Regierung gearbeitet und ist reich geworden. Selten konnten die beiden Nein sagen, wenn ihnen ein schönes Stück Maya-Kunst angeboten wurde. "Wenn Sie es nicht kaufen, Señora, dann eben jemand im Ausland", habe man ihr immer gesagt. Doch sie wollte die Stücke in Guatemala halten. So wuchs ihre Sammlung.

Innenhof der Kolonialstil-Villa


Unter den Anwälten, Ärzten oder Architekten der guatemaltekischen Oberschicht war es lange Mode, eine eigene Sammlung zu haben. Einige der größten Sammler waren zugleich selbst Exporteure und sind so reich geworden.

Rosas Mann ist vor einiger Zeit verstorben, ihre Kinder haben kein Interesse an den Stücken. Deshalb will sie ihre Sammlung bald der Öffentlichkeit zugänglich machen. Sie geht durch ihren Garten hin zu einem mächtigen Rohbau. Hier entsteht gerade ein zweistöckiges Museum, für dessen Entstehung sie eine Stiftung gegründet hat. 15 Millionen Dollar hat sie bereits hineingesteckt, sagt sie.

Eine solche Sammlung wie die von Doña Rosa ist legal, wenn man die Stücke bei der Kulturbehörde registrieren lässt, das hat sie längst getan. Die Beamten schickten einen Experten vorbei, er machte von jedem Stück Fotos und schrieb eine winzige Nummer auf die Artefakte. Woher die Stücke kommen, lässt sich leicht verschleiern. Mehr als 800 registrierte Privatsammlungen gibt es in Guatemala inzwischen. Doch es dürfte weit mehr Kollektionen geben, von deren Schätzen die Fachwelt nichts weiß. Für die Gemeinde der Maya-Forscher ist jede eine kleine Katastrophe.

Auf der Spur der Raubgräber

Kapitel 3


Wer in Guatemala, Mexiko oder anderswo das Geschäft mit der Raubgräberei eindämmen will, muss verhindern, dass die Stücke das Land verlassen, so sehen es einige Experten. Solange im Ausland hohe Beträge gezahlt werden, ist der Anreiz da, sie illegal aus dem Boden zu holen. Andere glauben, dass man zuerst bei den Huecheros im Urwald ein Bewusstsein für das eigene kulturelle Erbe schaffen sollte.

Das sieht auch Doña Neria so. Sie lebt im Norden Guatemalas im winzigen Dörfchen Uaxactún (Aussprache "Uaschaktun"), mitten zwischen Maya-Ruinen, freilaufenden Truthühnern und Pferden. Die einzige Piste hierher hört kurz hinter dem Dorf einfach auf. Der Urwald der Region gehört zum Maya-Biosphärenreservat. Er reicht weit bis nach Mexiko hinein, darin leben Jaguare, Brüllaffen und Lanzenottern, an deren Gift schon so mancher Raubgräber starb. Es ist das größte Regenwaldgebiet nördlich des Amazonas-Regenwaldes auf dem Doppelkontinent.

Was sind Raubgräber?
Eddie Gerald/ Getty Images

Raubgräber suchen gezielt nach archäologischen Hinterlassenschaften, sogenannten Bodendenkmälern. Dabei missachten sie wissenschaftliche Standards und zerstören archäologische Quellen. Die gefundenen Objekte werden an Hehler verkauft oder selbst behalten. Beides ist illegal, in Guatemala wie auch in Deutschland.

Verwirrung herrscht oft um die Unterschiede zwischen den Begriffen Raubgräber und Grabräuber: Während Grabräuber es vor allem auf die kostbaren Begräbnisbeigaben abgesehen haben, plündern Raubgräber nicht nur Gräber, sondern alle Stellen, an denen sie antike oder fossile Fundstücke vermuten. Raubgräber sind also nur dann Grabräuber, wenn sie Gräber plündern.

In Deutschland sehen Archäologen einen Zusammenhang mit der Verbreitung von Metalldetektoren und illegalen Grabungen. Die Geräte sind inzwischen günstig zu kaufen. Schatzsucher verwenden sie dort, wo sie kulturelle Hinterlassenschaften aus Gold, Silber oder anderen Metallen vermuten.

Wer nach Uaxactún kommt, sollte das einfache Leben mögen. Strom gibt es nur tagsüber vom Generator, Handynetz gar nicht: Telefonieren lässt sich nur über einen der beiden einzigen öffentlichen Apparate im Ort. Wenn man Neria freundlich fragt und vielleicht ein wenig Geld in ihre Spendenbüchse stopft, dann schließt sie eine türkise Hütte mit klapprigem Wellblechdach auf. Mehr als 500 Stücke Maya-Kunst hat sie hier gesammelt - keines davon stammt aus einer offiziellen Ausgrabung.

Die freundliche Frau, die einst die Kinder im Dorf unterrichtete, hatte früher einen aufregenden Nebenjob - sie schmuggelte heiße Ware für die Raubgräber aus dem mit Checkpoints kontrollierten Schutzgebiet. "Jade-Colliers habe ich mir einfach umgehängt und sie so zu den Zwischenhändlern nach Flores oder Guatemala City gebracht", erzählt sie. Stets war sie der Polizei einen Schritt voraus, doch der Eifer der Sicherheitskräfte war eh vorgeschoben, es ging nicht darum, die Hehlerei zu stoppen. "Sie wollten nur ein Stück abhaben vom Kuchen und haben die Teile selbst illegal weiterverkauft", sagt sie.

Manchmal sind die Hehler lieber gleich selbst nach Uaxactún gekommen. "Nachts haben wir Feuer an unserer Straße angezündet, sie kamen per Flugzeug und landeten auf der schnurgeraden Piste mitten im Ort", erinnert sich Neria. Fast jeder Mann im Dorf habe damals illegal gegraben, sie haben Vasen, Jademasken oder Obsidian angeboten, die Hehler suchten sich die besten Stücke aus. Was keiner haben wollte, landete bei Neria, ihre Vorliebe für das alte Kunsthandwerk hatte sich rumgesprochen. Zudem tauschten die Huecheros ihre Beute manchmal bei ihr gegen Schnaps und Zigaretten ein.

Doch irgendwann kamen die Archäologen nach Uaxactún, das Dorf, das für seine Raubgräber berüchtigt war. Sie haben Neria erklärt, welchen großen Schaden das Geschäft mit Maya-Kunst für die Wissenschaft anrichtet. Und dass es wichtig ist, das kulturelle Erbe der Maya nicht an reiche Privatsammler im Ausland zu verschachern. Seitdem freut sie sich über jedes Stück, das in ihrem kleinen Museum landet, längst sind alle registriert.

Neulich kam ein Sammler und wollte ihr eine schwarze Vase abkaufen. Die Keramik mit aufwendigen Verzierungen war vermutlich ein Kakao-Gefäß, es steht im Regal gleich neben einem menschlichen Schädel. Rund 10.000 Quetzales bot er ihr, etwas mehr als 1000 Euro - das ist in Uaxactún ein kleines Vermögen. Neria hat ihn weggeschickt.

Auf der Spur der Raubgräber

Kapitel 4


Die Hehler kennen genügend Wege, Maya-Kunst außer Landes zu schmuggeln. Dabei helfen nicht selten auch Grenz- und Regierungsbeamte und sogar Diplomaten mit. Manchmal fließen dabei Bestechungsgelder, manchmal verdienen die Beamten am Verkauf und Schmuggel der Ware mit.

Die Erlöse von geplünderter präkolumbischer Kunst waren vor allem in der Vergangenheit derart lukrativ, dass selbst höchste Kreise darin involviert waren. In Guatemala sollen in den Siebziger- und Achtzigerjahren Regierungsbeamte per Helikopter zu einigen Maya-Ruinen geflogen sein, um die schönsten Stücke zu bergen und abzutransportieren. Namen von den größten Sammlern, Raubgräbern und Händlern waren den Behörden oft bekannt, doch es wurde nur selten etwas unternommen. Bis heute hält sich das Gerücht, dass Plünderungen sogar auf Anweisung eines ehemaligen Präsidenten des Landes erfolgten.

"Auf dem Raubgräber-Geld liegt der Fluch der Maya"

SPIEGEL ONLINE: Frau Paredes, Sie haben vor einigen Jahren undercover zu Raubgräbern recherchiert, sind mit ihnen als Biologin getarnt durch den Urwald gezogen. War das nicht gefährlich?

Paredes: Ja schon. Wenn ich aufgeflogen wäre, hätte es sehr unangenehm werden können. Damals herrschte Goldgräberstimmung in der Branche, Maya-Kunst wurde massenhaft ins Ausland geschafft. Gut organisierte Banden zogen durch den Urwald, auf der Suche nach unberührten Stätten der Maya. Für die Exporteure, oft mächtige Männer aus der Oberschicht von Guatemala, ging es um viel Geld.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist die Situation heute?

Paredes: Noch vor einigen Jahren wurde präkolumbische Kunst teilweise offen gehandelt. Als Tourist war es nichts Besonderes, wenn Sie am Rande von Ruinenstätten wie Tikal bunt bemalte Vasen zum Kauf angeboten bekamen. Das ist heute eher die Ausnahme. Sammler aus Europa lassen inzwischen gezielt nach sehr hochwertigen Stücken suchen. Das Geschäft findet noch stärker im Verborgenen statt.

SPIEGEL ONLINE: Was hat Sie bei Ihrer Recherche damals am meisten überrascht?

Paredes: Der Aberglaube der Raubgräber. Viele Männer sind arm geblieben, sie haben ihr Geld mit Absicht ausgegeben. Denn sie glauben, dass darauf der Fluch der Maya liegt. Hätten sie davon etwa ein Haus gebaut, wäre das eingestürzt oder etwas anderes Schlimmes wäre passiert. Deshalb muss es verprasst werden, denn es ist schmutziges Geld – geraubt aus den Gräbern der Toten.

SPIEGEL ONLINE: Inzwischen arbeiten Sie für die Stiftung La Ruta Maya. Was tun Sie dort?

Paredes: Wir wollen das kulturelle Erbe von Guatemala erhalten und schützen. Deshalb kümmern wir uns um Privatsammlungen und probieren, die Eigentürmer zu überzeugen, uns Zugang zu ihren Kollektionen zu gewähren. Einige Sammlungen konnten wir sogar ins Land zurückholen.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist das gelungen?

Paredes: Wir kennen die Sammler oft viele Jahre, sind mit Ihnen regelmäßig in Kontakt. Dadurch konnten wir über 3000 Artefakte registrieren und sie für die Belange der Wissenschaft sensibilisieren. Manchmal werden uns größere Kollektionen überlassen, viele geben auch nur zwei, drei Stücke ab. Inzwischen haben wir eine eigene Sammlung und organisieren Ausstellungen.

SPIEGEL ONLINE: Bezahlen Sie Sammlern dafür Geld?

Paredes: Auf keinen Fall, das sind Sachspenden. Wir wollen keinen Anreiz für Raubgräber schaffen.

Zuletzt ist zumindest der massenhafte Handel mit Maya-Artefakten zurückgegangen. Dafür wird heute gezielter gesucht und teilweise auf Bestellung der Sammler. "Die Nachfrage nach bunten Keramiken ist etwas zurückgegangen, Jadestücke sind immer noch hoch im Kurs", sagt der Bonner Maya-Experte Guido Krempel, der den Markt schon länger beobachtet. Doch noch immer werden Maya-Gefäße ins Ausland geschmuggelt, besondere Stücke, auf denen Glyphen eine Geschichte erzählen.

Die Ausfuhr der Raubkunst im großen Stil läuft manchmal über Scheinfirmen. "Doch die Schmuggler gehen auch sehr schlicht vor", sagt Krempel. Er berichtet von alten Gefäßen, die mit einer synthetischen Deckschicht behandelt werden, sodass sie aussehen wie moderne. "Dann kann man sie sogar mit ins Handgepäck eines Linienfluges nehmen, ohne dass es auffällt", sagt er. Der Zoll sei oft nicht geschult, um solche Tricks zu erkennen.

Die Gewinnspannen sind immer noch hoch. Ein Maya-Forscher berichtet, wie ihm in einem Dorf ein Raubgräber einst eine besondere Vase anbot - für umgerechnet 220 Euro. In Europa entdeckte er die auffällige Vase dann zufällig im Verkauf - für knapp 10.000 Euro. Besondere Stücke aus Jade wie reich verzierte Masken kosten sehr viel mehr.

Bei solchen Profiten werden auch die Drogenkartelle neugierig, die den schwer zu kontrollierenden Norden des Landes und die Nähe zur mexikanischen Grenze in der bewaldeten Region seit Jahren schätzen. Vor allem in die USA schmuggeln die Narcos oder stellen dafür ihr bestens ausgebautes Netzwerk zur Verfügung.

Denn lange war es legal und üblich, dass Funde aus offiziellen Grabungen aus Guatemala oder Mexiko aufgeteilt wurden und ausländische Forscher - oft aus den USA oder Europa, von ihren Exkursionen Maya-Kunst mit nach Hause brachten. Nicht jedes Maya-Kunstwerk hierzulande wurde illegal importiert. Und auch Sammler handeln nicht grundsätzlich illegal, wenn sie ihre Maya-Antiquitäten in Auktionshäusern und Galerien kaufen. Immerhin könnte in Deutschland das neue Gesetz zum Schutz von Kulturgütern den Handel ein wenig erschweren. Es soll etwa die Ein- und Ausfuhr stärker reglementieren. Krempel und viele seiner Kollegen aus der Hieroglyphenforschung hoffen, dass ihnen weltweit zumindest Zugang zu den Sammlungen gewährt wird, um den Ursprung der Stücke zu klären.

In Europa wird diese Kunst meist in kleineren Auktionshäusern und Galerien verkauft. Krempel hat etwa den Fall eines mit Hieroglyphen versehenen Steinfragments dokumentiert, das vom Auktionshaus Binoche et Giquello in Paris für 20.000 Euro an einen anonymen Privatsammler verkauft wurde. Das Stück soll sich vor 1970 in Paris befunden haben, heißt es. Weil ein Unesco-Abkommen zur Regelung des Kulturgüterhandels erst später in Kraft trat, ist der Verkauf legal. Dabei zeigen Spuren an den Steinen deutlich: Das Fragment wurde wohl mit einer Motorsäge abgetrennt. So arbeiten nur Huecheros.

Auf der Spur der Raubgräber

Kapitel 5


Viele Bauten der Maya sind noch nicht freigelegt


Im Urwald des Petén hat José, der Raubgräber, inzwischen eine kleine Kammer im Grabhügel freigelegt. Die halb verschüttete Erhöhung hatte er bereits vor Jahren ausgebuddelt, aber hier möchte er noch mal zeigen, wie er arbeitet.

Früher sei er mit einem guten Freund losgezogen, niemals allein, viel zu gefährlich. Einer habe gegraben, der andere den Abraum beiseite geschaufelt. Für einen kleinen Grabhügel wie diesen von zwei, drei Metern Höhe brauchten sie etwa einen Tag. Dass sie fast am Ziel sind, können Raubgräber manchmal hören. Bei einigen gibt es beim Anstich der Kammer ein saugendes Geräusch, erklärt José. Es entsteht, wenn nach Hunderten Jahren wieder Luft hineinströmt.

Wie José waren die meisten Raubgräber früher Chicleros. Auf der Suche nach den Gummibäumen mit dem weißen milchigen Saft durchstreiften sie die Wälder des Petén. Irgendwann kamen Raubgräber aus Mexiko in die Region. "Wir wussten davor kaum etwas über die Maya-Kultur und was sich in den Grabhügeln für Schätze verbergen", sagt José. Viele stiegen in das illegale Geschäft ein - es war die perfekte Gelegenheit, den kargen Lohn aufzubessern. Und keiner kannte die Region und die Lage von Tausenden Maya-Stätten besser als die Chicleros.

Zehn Minuten später will José einen Hundekopf verkaufen

Deshalb waren ihre Dienste bald auch bei Archäologen gefragt. Die Forscher brauchten für ihre Grabungen Leute, die an das karge Leben im Camp gewöhnt waren und nicht meutern, wenn das Trinkwasser nur Regenwasser ist, das wochenlang bei Hitze in einer Blechtonne stand. So landete so mancher Raubgräber in der Archäologie. Doch bei den Ausgrabungen lernten die Männer noch besser, Maya-Gräber aufzuspüren. Waren die Grabungskampagnen dann irgendwann zu Ende, gingen einige wieder auf eigene Faust auf die Suche.

Immer höhere Preise für Maya-Kunst zogen schließlich auch zweifelhafte Geschäftemacher an. Mächtige Hehler bauten professionelle Huechero-Netzwerke auf, für die Dutzende Männer arbeiteten. José berichtet von Don Hector, einem reichen Anwalt, er hatte beste Kontakte zum Militär. Als Belohnung für Funde, die ihm besonders viel Geld einbrachten, verschenkte er Waffen an seine Leute.

Inzwischen ist José zurück in seinem Dorf. Er sitzt auf den Stufen vor einer Hütte und erzählt davon, dass er das Geschäft mit der illegalen Maya-Kunst aufgegeben habe. Doch wenn man ihn fragt, bei wem man am besten ein paar schöne Stücke kaufen könne, dann wird er nervös und dämpft beim Reden die Stimme. Er habe da eine kleine Jademaske, sogar mit einigen Glyphen darauf, sagt er. Zehn Minuten später ist er wieder da. Die Maske ist schon verkauft, er hat dafür einen steinernen Hundekopf dabei - für 150 Quetzales, ein Spottpreis. Das entspricht gerade einmal 17 Euro.

Der Ausverkauf des eigenen kulturellen Erbes hat vor allem die reicher gemacht, die schon vorher genügend Geld und Einfluss besaßen. Die Raubgräber sind arm geblieben.



Auf der Spur der Raubgräber

Impressum


Text: Jörg Römer

Redaktion: Michail Hengstenberg

Bildredaktion: Theresa Lettner

Dokumentation: Almut Cieschinger, Nina Ulrich

Schlussredaktion: Thomas Fuchs

Programmierung und Grafiken: Chris Kurt