Maya-Archäologie Darum verschwanden die Gottkönige

Warum ist die Kultur der Maya untergegangen? Eine Ausstellung in Deutschland liefert eine neue Erklärung - und zeigt faszinierende Bilder der Dschungelkönige.

Historisches Museum der Pfalz/ Carolin Breckle

Aus Speyer berichtet


Ganz sachte schwebt der Kopf des Mannes im Jaguarfell durch die Luft. Schon länger wartet das Hinterteil der riesigen zweigeteilten Stuckfigur auf seinen vorderen. Nun wuchten gleich drei Museumsmitarbeiter den Torso mit einem Flaschenzug an seinen Platz - bald werden ihn Tausende in den Ausstellungsräumen des Museums Speyer bestaunen.

Doch so leicht lässt sich die knapp 2,70 Meter lange Figur nicht zusammensetzen. Mehrmals müssen die Arbeiter neu starten. Millimeter für Millimeter kommen sich die beiden Teile schließlich näher, bis Sofia Paredes Maury Entwarnung gibt. Als das schwere Stuckfragment schließlich auf dem Boden steht, entspannen sich die Gesichtszüge der Archäologin. "Ein wunderschönes Stück", sagt sie mit Blick auf die vollständige Figur. Man erkennt noch die Reste der Bemalung.

Zusammen mit dem Archäologen Daniel Aquino Lara hat sie viele der Exponate aus Guatemala für die Maya-Ausstellung "Das Rätsel der Königsstädte" geliefert, die Anfang Oktober eröffnet. Nun begutachtet Paredes Maury das Auspacken und Aufstellen der wertvollen Stücke.

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Auf der etwa 1000 Quadratmeter großen Flächen soll das Leben der Maya in allen Facetten abgebildet werden. Nicht nur das der opulenten Herrscher, das gerne im Fokus der Forschung steht, auch das der einfachen Bevölkerung. Doch einer Frage widmen sich die Macher besonders, sie gehört zu den größten Mysterien der Archäologie überhaupt:

Warum verschwanden die Gottkönige plötzlich aus ihren riesigen Städten im Regenwald - und mit ihnen die gesamte Bevölkerung?

Ab dem achten Jahrhundert nach Christus setzte plötzlich ein rasanter Niedergang ein, an dessen Ende der Dschungel die verlassenen Städte rasch komplett überwuchert hatte. Was war geschehen?

Experten vermuteten vor allem Klimaveränderungen und Überbevölkerung als entscheidende Ursachen für den Kollaps einer ganzen Reihe von Stadtstaaten. Zudem soll es zu Rodungen der Wälder und zur Erosion der Böden gekommen sein - lange galten die Maya als Beispiel für eine Hochkultur, die sich durch den Raubbau an der Natur selbst zu Grunde gerichtet hatte.

Denn Wasser- und Nahrungsmittelknappheit habe die Könige der Maya-Blütezeit Mitte des ersten Jahrtausends vor unlösbare Probleme gestellt: Wie sollten sie ihren Machtanspruch rechtfertigen, wenn der Draht zum Regengott Chac offenbar gestört war? Es fehlte die Nahrungsgrundlage für Zehntausende Stadtmayas. Das habe schließlich zur Rebellion geführt, glaubten Forscher. Tatsächlich konnten durch geologische Untersuchungen Perioden extremer Trockenheit und auch Bodenerosionen nachgewiesen werden, die die Theorie von der großen Dürre und darauf folgenden Hungersnöten zu stützen schienen. Auch Hinweise auf einen starken Bevölkerungsanstieg fanden die Archäologen.

Doch neuere Thesen sehen andere Gründe für den rätselhaften Untergang. Warum sonst war es ausgerechnet in Städten wie Palenque oder Yaxchilán früher zum Niedergang gekommen als woanders? Palenque, am Rande des Regenwaldes im heutigen mexikanischen Bundesstaat Chiapas gelegen, verfügte über gute Wasserressourcen - sogar ein Kanalsystem unter dem berühmten Tempel der Inschriften wurde kürzlich entdeckt. Und Yaxchilán liegt direkt am mächtigen Rio Usumacinta, heute der Grenzfluss zwischen Guatemala und Mexiko. Zudem begann der Niedergang wohl vor den Dürrephasen. Warum?

Historisches Museum der Pfalz/Digitale Rekonstruktion: Fritz Göran Vöpel

Nikolai Grube von der Universität Bonn sieht den Auslöser für den Untergang der Städte eher in der Entstehung eines Machtvakuums. Entwickelt hat es sich durch immer brutalere Kriege: Jahrhundertelang hatten sich die beiden mächtigen Stadtstaaten Tikal und Calakmul bekämpft - vom Kampf der Supermächte berichten Hieroglyphenschriften, die Grube und weitere Maya-Forscher inzwischen nahezu vollständig entziffern können.

Opfertod 695 nach Christus

Beide Mächte hatten ein kompliziertes System aus Allianzen und unterjochten Städten geschmiedet. Doch gegen Ende des siebten Jahrhunderts gelang es dem bis dahin eher unterlegenen Tikal plötzlich, mehr und mehr Städte zurückzuerobern.

Schließlich gewann Tikal nicht nur eine weitere Schlacht, sondern den gesamten Krieg. Die Kämpfer konnten den König von Calakmul gefangen nehmen - er starb wohl einen gewaltsamen Opfertod. Von dem Sieg berichtet ein Hieroglyphentext, der in einem Tempel der Stadt gefunden wurde. Auch ein genaues Datum nach dem Maya-Kalender lieferten die Chronisten mit. Es lässt sich auf unseren Kalender übertragen, der Triumph fand im Jahr 695 statt.

Von diesem Schlag konnte sich Calakmul nie mehr erholen. Doch das komplizierte Gefüge der Stadtstaaten geriet durch den Überraschungssieg ins Wanken. Denn nun kämpften etliche kleinere Städtchen um die Hegemonie im Maya-Land.

Doch dass forderte wohl Blut und Leben von Herrschern in vielen Städten - mit verheerenden Folgen: "In dem Augenblick, in dem der König ausgeschaltet war oder seine Macht angezweifelt wurde, brach das gesamte politische System zusammen", erklärt Grube in einem Film zur Ausstellung. Spuren des Niedergangs fanden die Bonner Forscher auch bei ihrer eigenen Grabung in Uxul. Dort wurden in der letzten Besiedlungsphase Brandspuren und Pfeilspitzen im Quartier des Königs gefunden, zudem gab es Hinweise darauf, dass Tote nicht mehr bestattet wurden.

Erst verschwanden die Gottkönige aus ihren höfischen Tempeln in den Städten, ihre Taten wurden nicht mehr in Stein gemeißelt wie noch zur Blütezeit der Kultur. Und schließlich verließ die normale Bevölkerung die Zentren, zog in den Norden der mexikanischen Halbinsel Yucatán oder ins Hochland von Guatemala. Deshalb müsse man eigentlich von zwei Kollapsen reden, so Grube.

Zwar hatten Forscher schon früher Kriege als ein Glied in der langen Kette des Kollapses vermutet, doch dann setzte sich die Dürretheorie durch. Erst neuere Erkenntnisse aus der Archäologie und der Schriftforschung rücken gewaltsame Konflikte wieder stärker in den Fokus.

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Maya-Stadt Palenque: Rakete - oder Eingang zur Unterwelt?

In Speyer hatten die Ausstellungsmacher mit der Darstellung des Niedergangs ein Problem: Wie zeigt man etwas, das eben nichts hinterlassen hat? Man entschied sich dafür, den Besucher durch einen Raum ohne Exponate zu führen. Hier zeugt ein Erklärfilm von den Kriegstheorien.

Die Besucher entschädigen dürften die üppigen Maya-Exponate, die es sonst in der Ausstellung zu sehen gibt. Inzwischen sind viele Teile ausgepackt und stehen auf langen Tischen vor Paredes Maury - alles Originale: Obsidianklingen, Bunte Vasen, winzige Steinfiguren, teilweise unglaublich detailreich gefertigt. Für ein paar kämpfende Zwerge haben die Erschaffer einst sogar kleine Helme gefertigt. Und auch Jade-Artefakte wie Ketten und Ohrpflöcke werden in Speyer gezeigt. Damit haben sich vor über 1000 Jahren die Könige des rätselhaften Volks geschmückt.

Viele Stücke sind nach der Restaurierung in so gutem Zustand, dass man ihnen nicht ansieht, wie lange sie in der Erde gelegen haben oder in einer Grabkammer neben einem toten Herrscher standen. Nun müssen sie nur noch an ihren Platz in den Ausstellungsvitrinen.

Per Polizeieskorte zum Flughafen

Seit 2011 arbeitet das Team in Speyer zusammen mit dem Maya-Forscher Grube am Konzept der Ausstellung. Aus einer eigens erstellten Datenbank von 1600 Exponaten konnten die Experten 250 aus Sammlungen aus Mittelamerika und Europa zusammentragen. Etwa 1,7 Millionen Euro Kosten fallen für die Ausstellung an. Nun hofft man auf mindestens 80.000 Besucher.

Für die Ausleihe von Exponaten gelten aufwendige Standards - die verleihenden Museen stellen unterschiedliche Bedingungen. "Bei besonders wertvollen Stücken werden schon mal für den Transport zum Flughafen Polizeieskorten gefordert", sagt Kurator Lars Börner. Das passiere vor allem in Ländern mit instabiler Sicherheitslage. Für die Ausstellung in Speyer mussten knapp 9,5 Tonnen Luftfracht in die Pfalz bewegt werden.

Derzeit befinden sich die Macher im Endspurt. Doch alleine für das Aufstellen einer riesigen Stele haben sie vor einigen Tagen knapp vier Stunden gebraucht. Schließlich darf nicht ein Staubkorn von den schweren steinernen Zeugen abfallen, die neben Darstellungen von Königen und wichtigen Zeremonien auch oft Hieroglyphentexte zeigen - eine der wichtigsten Quellen für die Entschlüsselung der Kultur.

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Konrad_L 29.09.2016
1. Vertraut
Soso. Nach langer Konfrontation zwischen zwei Supermächten verliert die eine schließlich an Bedeutung, doch die siegreiche Macht kann den selbstgesetzten Anspruch auf Hegemonie im gesamten Einflussbereich nicht erfüllen, so dass es zu Rivalitäten und Auflösungserscheinungen an den Rändern kommt. Verflixt, woran erinnert mich das bloß?
Emderfriese 29.09.2016
2. Fels
"...Als das schwere Stuckfragment schließlich auf dem Boden steht, entspannen sich die Gesichtszüge der Archäologin. ..." Stuck? Haben die Maya als Stukkateure gearbeitet oder doch eher ihre Skulpturen aus Stein gehauen?
cindy2009 29.09.2016
3. mal so, mal so
Zitat von Emderfriese"...Als das schwere Stuckfragment schließlich auf dem Boden steht, entspannen sich die Gesichtszüge der Archäologin. ..." Stuck? Haben die Maya als Stukkateure gearbeitet oder doch eher ihre Skulpturen aus Stein gehauen?
"[...]Die Maya erfanden eine Form des Betons und entwickelten einen Schalenbau, indem doppelte Mauern aus behauenem Stein ausgegossen und verfüllt wurden.[17] Als Baustoff diente vor allem gestampfte Erde, der reichlich vorhandene Naturstein und auch eine Form von Stuck. Der für den Maya-Beton und -Stuck notwendige Kalk wurde in einfachen Schichtöfen gebrannt.[...]" Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Maya
Tiananmen 29.09.2016
4.
Zitat von cindy2009"[...]Die Maya erfanden eine Form des Betons und entwickelten einen Schalenbau, indem doppelte Mauern aus behauenem Stein ausgegossen und verfüllt wurden.[17] Als Baustoff diente vor allem gestampfte Erde, der reichlich vorhandene Naturstein und auch eine Form von Stuck. Der für den Maya-Beton und -Stuck notwendige Kalk wurde in einfachen Schichtöfen gebrannt.[...]" Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Maya
Seltsame Methode um Skulpturen zu erstellen, die Sie da aus Wikipedia herausgelesen haben. Für Mauern sicher brauchbar. Hatten die Römer ein paar Monate vorher schon in Gebrauch. Für Skulpturen eher unbrauchbar. Skulpturen aus Gips/Stuck waren wohl schon früh gebräuchlich. Die berühmteste ist die der Nofretete.
mic123 29.09.2016
5.
Zitat von Emderfriese"...Als das schwere Stuckfragment schließlich auf dem Boden steht, entspannen sich die Gesichtszüge der Archäologin. ..." Stuck? Haben die Maya als Stukkateure gearbeitet oder doch eher ihre Skulpturen aus Stein gehauen?
https://de.wikipedia.org/wiki/Stuck#Maya-Kunst
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