Maya-Grab in Guatemala Rätsel um den roten König

Tief im Urwald von Guatemala haben Forscher ein mysteriöses Maya-Grab gefunden. Die Knochen des Toten sind rot angemalt, genau wie seine königliche Maske aus Jade. Wer war der Mann?

Proyecto Arqueológico Waka/ Ministry of Culture and Sports of Guatemala

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Als Maya-Archäologe hilft es bei Ausgrabungen ohne Zweifel sehr, wenn man weiß, wie die Ureinwohner Mittelamerikas ihre Gebäude errichtet haben: Pyramiden, Tempel oder Paläste wurden in der Regel in mehreren Phasen immer wieder überbaut - manchmal entstanden so Strukturen ähnlich wie bei einer russischen Matrjoschka-Puppe.

Um Boden und Gebäude zu weihen, bestatteten die Maya ihre Gottkönige darin - es lohnt sich also, hier zu graben. Zudem war es üblich, dass spätere Könige die Gräber der Vorfahren zur Ahnenverehrung wieder öffneten - durchaus auch Jahrhunderte nach der Beisetzung. Dabei wendeten sie ein Ritual an, bei dem ein Feuer entzündet wurde und auch mal Menschen geopfert wurden.

Vor einiger Zeit entdeckten die Archäologen um David Freidel und Juan Carlos Pérez in der Mayastadt El Perú-Waka' in Guatemala Spuren eben jenen Rituals - und hinter einer leeren Kammer einen zugeschütteten Tunnel. Hatte in der Akropolis, einem der königlichen Gebäude der Stadt, ein Herrscher nach den Gräbern seiner Vorfahren gesucht?

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Mexiko: Auf der Spur der Zapoteken

Acht Meter folgten die Archäologen dem Tunnel und legten ihn Stück für Stück wieder frei. Bis sie im Sommer 2017 endlich fündig wurden: Plötzlich habe einer der Forscher in einem Grab gestanden, die Gebeine eines Toten direkt vor sich, berichtet Freidel von der Washington University in St. Louis. "Sie lagen auf bunten Keramikschalen." Außerdem fanden die Archäologen Jade-Ornamente und einen Krokodil-Anhänger aus Muscheln. Hier wurde nicht irgendwer bestattet.

Nach dem Fund wurde es hektisch: Bald bewachten Soldaten der guatemaltekischen Armee den Ort unweit des Rio San Pedro - eine übliche Vorsichtsmaßnahme, um Grabräuber fernzuhalten. "So ein Fund ist aufregend, aber auch anstrengend. Die Kollegen haben knapp zehn Zwölfstundentage gearbeitet, um das Grab zu untersuchen und zu dokumentieren", sagt Freidel.

Doch wer war der Tote? Ein Blick auf die Knochen zeigte: Er muss männlich gewesen sein, vielleicht 30 Jahre alt. In der Kammer, bei der ein Teil der Wand bereits eingestürzt war, fanden die Archäologen eine Porträtmaske, vermutlich aus Jade, auch sie war mit roter Farbe bemalt. Auf der Stirn ist eine eckige Ausbuchtung erkennbar, ein Symbol für den Maisgott - Maya-Herrscher wurden oft als personalisierter Erscheinung dieser wichtigen Gottheit dargestellt. Darauf zeichneten sich Spuren des K'an-Kreuzes ab. Dieses Symbol der Kostbarkeit wird ebenfalls mit der Farbe Gelb (Maisgott) assoziiert.

"Diese Maske wurde wahrscheinlich am Gürtel des verstorbenen Herrschers getragen und könnte einen verehrten Vorfahren darstellen", sagt Freidel über den seltenen Fund. "Das ist eine wertvolles Schmuckstück, das den Verstorbenen als König kennzeichnet.

Lageplan von El Perú-Waka' im Departamento Petén
Keith Eppich

Lageplan von El Perú-Waka' im Departamento Petén

Zu den Grabbeigaben gehörten 20 der für die Kultur der Maya typischen rotbraunen Keramikgefäße. Sie wurden allerdings recht schlampig angefertigt, einige der Zeremonialgefäße waren nicht einmal richtig symmetrisch rund. Möglicherweise sei der Tote überraschend verstorben, vermuten die Forscher, das habe die sonst so akribisch arbeitenden Maya-Kunsthandwerker unter Druck gesetzt.

Zudem entdeckten die Archäologen die Spuren eines gruseligen Rituals: Einige der Knochen des Toten waren rot angemalt. Vermutlich wurde diese Art der Ahnenverehrung im Falle des roten Königs von El Perú Hunderte Jahre nach seinem Tod vorgenommen, als das Fleisch an seinen Knochen längst verrottet war. Das Team fand Hinweise, dass das Grab später als 600 nach Christus mindestens einmal geöffnet worden sein muss.

Dass die Knochen von Toten bemalt wurden, war durchaus gängige Praxis - nicht nur in der Maya-Welt, schon im Paläolithikum finden sich Beispiele. Für die rote Farbe verwendeten die Maya üblicherweise Zinnober, der Farbstoff wird aus einem Mineral gewonnen. Die Substanz ist aber giftig, deshalb müssen sich die Archäologen in dem engen Grab bei der Arbeit gut schützen.

Ähnliche Funde wurden schon häufiger gemacht: In der berühmten Maya-Sadt Palenque in Mexiko entdeckten Archäologen das Grab der sogenannten "Roten Königin", die vor mehr als 1300 Jahren bestattet worden war. Auch hier waren die Knochen samt Schädel rot bemalt. Archäologen konnten die Dame 2013 als Tz'ak-b'u Ajaw identifizieren. Sie war die Gattin von König Pakal, dessen üppiges Grab unter dem Tempel der Inschriften zu den berühmtesten Funden der Maya-Kultur gehört.

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Auch eine rote Maske, von der Freidel annimmt, dass sie erst zusammen mit den Knochen bemalt wurde, fanden Archäologen bereits - in den Sechzigerjahren in Tikal. Die einst mächtige Maya-Stadt, um Christi Geburt noch Bündnispartner, später dann Feind und Okkupator, liegt nur etwas mehr als 60 Kilometer weit entfernt von El Perú.

Die Farbe Rot sei nicht zufällig gewählt worden, sagt Freidel. "Sie steht für den Osten, das ist die Himmelsrichtung, in der die Sonne aufgeht. Im Kontext der Vorfahren ist sie deshalb ein Symbol für die Auferstehung."

Pech hatten die Forscher bei Grab 80, wie sie den Fundort nüchtern nennen, aber bei etwas anderem: In seinem Inneren fanden sich keine Inschriften, die den Namen des Bestatteten erwähnen, nicht eine Namensglyphe deutet auf seine Identität hin. Doch die Archäologen haben einen Verdacht: Das Grab wurde über erste, grobe Keramik-Analysen auf die Zeit zwischen 300 und 350 nach Christus datiert. Damit wäre es nicht nur die älteste königliche Bestattung in El Perú sondern auch in der an archäologischen Stätten reichen nordwestlichen Petén-Region von Guatemala.

Aufgrund der Zeitangaben glaubt Freidel, dass es sich bei dem Toten um Te' Chan Ahk handelt - einen König aus der frühen Phase der Wak-Dynastie. Das Adelsgeschlecht schwang sich vom zweiten Jahrhundert an zu einem der mächtigsten der Region auf, wie verschiedene Inschriften verraten. Sie erwähnen auch den Namen Te' Chan Ahk - die Phase seiner Regentschaft fällt genau auf den Zeitraum vor der Datierung des Grabs im frühen vierten Jahrhundert.

Doch ganz sicher sind sich die Archäologen da nicht. Noch stehen verschiedene Ergebnisse aus. Im Frühjahr wollen sie weiter graben in der alten Stadt, die einst an wichtigen Handelsrouten lag. "Wir werden viele Jahre brauchen, um alle Daten aus dem Grab zu analysieren", sagt Freidel. Die Gruft des roten Königs wird also ihr Geheimnis nicht preisgeben. Noch nicht.

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hunactun 16.01.2018
1. David Freidel und die Maya
Lieber Herr Römer - dass Sie über die Grabungen von David Freidel in El Perú in einer Art und Weise berichten, die auf ein auf ein solides, wissenschaftlich fundiertes archäologisches Projekt schließen lassen, stimmt mich - gelinde gesagt - nachdenklich. Ihrer Beschreibung nach, ist Freidel hier seinem bekannten Schema gefolgt, tunneln, tunneln, tunneln, bis er auf ein Grab mit möglichst ansehnlichen Beigaben stößt, dessen Inhalt dann möglichst schnell und publikumswirksam veröffentlichen, um damit die Fortsetzung seines Anstellungsvertrages - an welcher U.S.-Universität auch immer - sicherzustellen. Damit ist dann für Freidel das Projekt erledigt. Genauso ist er auch in Yaxuna verfahren, das etwa 25 km südwestlich von Chich'en Itza' gelegen ist. Als Freidel schließlich auf seine Gräber stieß, hatte er die Ruinenstätte beinahe umgepflügt, und da er keine Anstalten machte, die freigelegten Gebäudereste zu stabilisieren und zu restaurieren, wie das in seinem Vertrag stand, haben ihn die Mexikaner kurzerhand vor die Tür gesetzt. Freidel darf sich seitdem in Yukatan nicht mehr sehen lassen. Es war ein handfester Skandal. Meine Frau hat mir die Geschichte erzählt. Sie hatte im nahegelegenen Yaxcaba ihre erste Stelle als Lehrerin und kannte den Hergang des Eklats aus erster Hand. Was Freidel dann aus den Skeletten der 15 eng zusammenliegenden und vermutlich zusammen gestorbenen und bestatteten Toten in Yaxuna gemacht hat, steht in der New York Times vom 18. Jan. 1994 zu lesen. Er verglich sie mit dem Mord an der Zarenfamilie im Juli 1918, und so schrieb das Blatt in der Rubrik 'Science' denn auch folgerichtig: Tomb suggests a Royal Family Murder. Lieber Herr Römer, sie müssten diese Masche der U.S.-amerikanischen Maya-Forscher eigentlich doch kennen, meine ich. Freidel ist ja nicht der einzige, der so oder doch so ähnlich vorgeht. Und so frage ich mich, warum Sie sich nicht mit den sauber recherchierten, solide aufbereiteten Arbeitsergebnissen deutscher Mayaforscher befassen? Die leisten Hervorragendes, bleiben dabei jedoch stets - wissenschaftlich gesehen - auf dem Teppich. Ich denke da an: Dr. Alexander Voss, der an der Universität von Quintana Roo (Chetumal), Mexiko, lehrt, Dr. Markus Eberl, der an der Vanderbilt University in Nashville Tennessee, USA, tätig ist oder auch an Dr. Sven Gronemeyer, der an der Universtät Bonn forscht. Sie alle haben mindestens ebenso spannende Geschichten zu erzählen wie Dr. David Freidel. Diese haben jedoch den Vorteil, dass sie sich auf Facts gründen. Dr. Hans Juergen Paul Kremer Deutsche Vereinigung für Religionswissenschaft e.V.
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