Maya-Pilgerstätte Schatz im Vulkansee

Schon als Kind hörte Roberto Samayoa die Legenden von einer Kirche in einem guatemaltekischen See. Als er dann beim Tauchen tatsächlich Tempel entdeckte, fehlte das Geld für Forschungen. Erst jetzt bestätigen Archäologen: Er hat eine spektakuläre Pilgerstätte der Maya gefunden.

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Guatemala: Hobbytaucher entdeckt spektakuläre Maya-Pilgerstätte
Wie alle Kinder liebte es auch Roberto Samayoa Asmus, die Ferien bei seinen Großeltern zu verbringen. Sein deutschstämmiger Großvater und seine guatemaltekische Großmutter lebten am Ufer des Lago de Atitlán, Guatemalas drittgrößtem See. Jede freie Minute verbrachte Samayoa am und im Wasser. "Daher kommt meine große Liebe für diesen See", sagt Samayoa.

Nie hat diese Liebe nachgelassen. Als Erwachsener begann Samayoa zu tauchen. "Seit vielen Jahren bin ich jedes Wochenende im See", erzählt er. "Insgesamt habe ich über 2000 Stunden unter der Wasseroberfläche verbracht."

Auf einem seiner Tauchgänge fiel Samayoa ein Gebilde auf, das wie eine versunkene Insel aussah. Etwa 500 Meter vom Ufer entfernt erhebt sich ein Buckel vom Seegrund. Die Kuppe liegt nur etwa 15 Meter unter der Wasseroberfläche, obwohl der Grund sonst bis zu 60 Metern tief ist. "Auf dieser 'Insel' fand ich archäologisches Material." Es stamme aus der mittleren und späten präklassischen Periode der Maya, also aus der Zeit zwischen 1200 vor und 250 nach Christus, erzählt Samayoa.

Von Menschenhand geschaffen

Ragte dieser Buckel im See einst so weit aus dem Wasser, dass er für die Maya ein Ausflugsziel, wenn nicht sogar ein Platz zum Siedeln war?

Erst nach und nach entdeckte der Guatemalteke, welches Ausmaß sein Fund hatte. "Es hat lange gedauert, bis ich bemerkte, dass die Steinanordnungen auf der Insel nicht natürlich, sondern von Menschenhand geschaffen waren." Erst als er eine Stele - einen aufrechten Stein mit Zeichen darauf - entdeckte, habe er gewusst, dass die Steine nicht zufällig so angeordnet waren.

Sollte doch etwas dran gewesen sein an den alten Geschichten, die seine Großmutter ihm, als er noch ein Kind war, von einer versunkenen Kirche im See erzählt hatte?

Zunächst interessierte sich niemand für die Entdeckung des Hobbytauchers. Die Leute der Region hatten andere Sorgen. Bis 1996 tobte in Guatemala noch der 36 Jahre währende Bürgerkrieg. In diesem Krieg richteten sich die Übergriffe der Regierung immer wieder vehement gegen die Nachkommen der Maya, weil sie für guerillafreundlich gehalten wurden. In vielen der Dörfer rund um den Lago de Atitlán dominiert noch heute die Maya-Kultur den Alltag, vor allem ethnische Subgruppen wie Tz'utujil und Kaqchikel leben an seinen Ufern. Allein in der Stadt Santiago Atitlán sollen während des Krieges 300 Maya spurlos verschwunden sein. Ein Friedensmarsch zu einer Militärbasis am Rand der Stadt endete 1990 mit einem Massaker, bei dem 13 unbewaffnete Zivilisten erschossen wurden.

Angst vor Plünderern

Während des Bürgerkrieges wäre es Samyoa kaum möglich gewesen, seinen Fund öffentlich zu präsentieren. Deshalb wurde es jetzt nach dem Krieg für ihn umso wichtiger, das kulturelle Selbstbewusstsein der Maya, zu denen er schließlich auch selbst gehört, wieder zu stärken. "Ich habe immer gedacht, dass die Rettung der Maya-Artefakte von der Insel im See helfen kann, die kulturelle Identität der Bewohner des Lago de Atitlán zu bewahren." Deshalb meldete er alle Funde dem Institut für Anthropologie und Geschichte der staatlichen Universidad de San Carlos. Doch weil das Geld für eine nähere Untersuchung der Fundstelle fehlte, geschah erst gar nichts. Zu groß war auch die Angst, dass die Anwesenheit von Archäologen am See bald die Aufmerksamkeit von Plünderern auf sich ziehen könnte.

Im Jahr 2000 schließlich nahm Samayoa die Sache selbst in die Hand: Er gründete das Museo de Arqueología Lacustre del Lago de Atitlán, in dem nun mehr als hundert Fundstücke vom Seegrund aus präklassischer, frühklassischer und spätklassischer Zeit ausgestellt sind. Die Stadt auf dem Seegrund hatte inzwischen auch einen Namen. Samayoa taufte sie Samabaj - nach sich selbst.

Langsam erwachte auch das internationale Interesse an der versunkenen Maya-Insel. Vor drei Jahren gelang es Samayoa, finanzielle Unterstützung von der US-amerikanischen Stiftung Reinhardt zu beantragen. Und so wurde es endlich möglich, herauszufinden, was genau im See versunken war. Das Scripps Institution of Oceanography bekam den Auftrag, die Fundstelle zu kartieren. Mit Sonargeräten fertigten die Forscher hochauflösende Aufnahmen der Unterwasserinsel an. Ihren Messungen zufolge ist die Siedlung rund 400 Quadratmeter groß. Wahrscheinlich, mutmaßten die Wissenschaftler, begann vor über 2000 Jahren im Zentrum des Sees ein neuer Vulkan zu wachsen. Diese vulkanische Aktivität ließ den Wasserspiegel sprunghaft ansteigen - und Samabaj versank in den Fluten.

Ein spiritueller Ort?

In diesem Sommer kamen auch Unterwasserarchäologen zur Fundstelle. Ein Team von der Universidad de San Carlos unter der Leitung von Sonia Medrano inspizierte das versunkene Dorf. Sechs religiöse Monumente und vier Altäre fanden die Forscher. "Aber ohne Zweifel liegen da unten noch mehr - was bedeutet, dass dies ein besonders bedeutender spiritueller Ort war", sagt Medrano. Auch Häuserruinen fanden die Archäologen. Sie schätzen, dass insgesamt 150 Menschen auf der Insel gelebt haben. "In den Hütten lag jede Menge religiöser Krimskrams", sagt Medrano. Mehr als sonst bei archäologischen Maya-Stätten üblich.

War Samabaj also eine Art Pilgerinsel? Viele der Gefäße und Figuren waren vollständig erhalten. Das spricht dafür, dass die Einwohner die Stätte fluchtartig verlassen mussten, ohne ihr Hab und Gut mitzunehmen.

Das Rätsel von Samabaj ist noch lange nicht gelöst. "Die Siedlung ist sehr alt", sagt Samayoa. Sie stamme aus der Zeit, als der Maya-Bibel, des Popol Vuh, zufolge die Zivilisation der Maya überhaupt begann. Immer noch fehlen aber die finanziellen Mittel für eine systematische Untersuchung. "Derzeit haben wir eine kurzzeitige Vereinbarung mit einer Institution, die eine Fernsehdokumentation drehen will", sagt Samayoa. "Doch das Geld reicht nur für einen Monat, solange die Filmarbeiten andauern. Danach sind wir wieder Pleite."



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Seite 1
roflem 19.12.2009
1. interessanter
Zitat von sysopSchon als Kind hörte Roberto Samayoa die Legenden von einer Kirche in einem guatemaltekischen See. Als er dann beim Tauchen tatsächlich Tempel entdeckte, fehlte das Geld für Forschungen. Erst jetzt bestätigen Archäologen: Er hat eine spektakuläre Pilgerstätte der Maya gefunden. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,665270,00.html
interessanter fand ich einen kleinen Dokumentarfilm vor kurzem, bei dem es um unter Wasser in Höhlen gefundene Skeletteile ging. Anscheinend waren viele dieser Höhlen vor über 10.000 Jahren trocken und somit konnte man an den Schädeln erkennen, dass vor ca. 12.000 Süd-Asiaten in Mexico ansässig waren und nicht wie bisher angenommen Über die zugefrorene Beringstrasse eingewanderte Vorfahren der Eskimos. Somit könnte der erste Amerikaner ein Inder oder Südchinese sein. Wenn bloss die Spanier vor 500 Jahren nicht so in Südamerka gewütet hätten....
eikfier 19.12.2009
2. kaufenswert
Zitat von sysopSchon als Kind hörte Roberto Samayoa die Legenden von einer Kirche in einem guatemaltekischen See. Als er dann beim Tauchen tatsächlich Tempel entdeckte, fehlte das Geld für Forschungen. Erst jetzt bestätigen Archäologen: Er hat eine spektakuläre Pilgerstätte der Maya gefunden. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,665270,00.html
Kaufenswerter SPON-Artikel von Angelika Franz: Straffe Sachinformation, aber nicht langatmig und trocken präsentiert, Sozialkritik klingt an: widergutmachungspflichtig wären die heutigen Nachfahren der Konquistadoren -- von denen ihrerseits in ca. 2000 Jahren wohl aus heutiger Sicht nicht viel Ausgrabenswertes existieren dürfte, füge ich persönlich an...
Sky 19.12.2009
3. 400m2
Rund 400 Quadratmeter (40m x 10m) ist nicht viel für 150 Menschen... Wahrscheinlich meinte die Autorin 400m x 400m (160000 m2)
newliberal 20.12.2009
4. T
Interessanter Artikel, Mittelamerika steckt immer noch voller Überraschungen. Dass der Lago Atitlan bereits auf die Maja eine geradezu magische Anziehungskraft hatte ist leicht nachzuvollziehen, es ist definitiv einer der schönsten Orte Lateinamerikas.
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