Maya-Ruhestätte entdeckt: Im Grab des geheimnisvollen Herrschers

Von Angelika Franz

1600 Jahre lang lag der Tote unberührt in dem Erdloch: Archäologen haben in Guatemala die Grabkammer eines Maya-Herrschers entdeckt. Die Ruhestätte enthält Knochen von sechs Kindern, die dem König in den Tod folgten, sie ist voller Schätze und Rätsel - und erstaunlich unversehrt.

Guatemala: Das Herrschergrab von El Zotz Fotos
AP

El Zotz ist ein ungemütlicher Ort. Durch den sumpfigen Urwald in der Umgebung schleichen Jaguare und Pumas, gelegentlich kommt ein Beulenkrokodil vorbei. Bricht die Dämmerung herein, schwärmen Tausende Fledermäuse aus, die in den nahen Klippen und in einer Höhle der Maya-Pyramide "El Diablo" leben. Der 45 Meter hohe Bau heißt wie der Teufel, weil seine Wände so steil sind, dass man sie nur unter Lebensgefahr besteigen kann. So viele Fledermäuse verdunkeln am Abend den Himmel, dass die guatemaltekische Ruinenstadt nach ihnen, den "Zotz", benannt wurde.

Erst 1977 hat der Archäologe Marco Antonio Bailey die Ruinen wiederentdeckt - und nun haben hier Ausgräber der Brown University aus dem US-Bundesstaat Rhode Island einen gruseligen Fund gemacht.

"Irgendetwas stimmte nicht mit dem Boden hier unten", sagt Grabungsleiter Stephen Houston. "Wir legten einen Schnitt an und fanden sofort mehrere blutrote Schüsseln mit menschlichen Fingern und Zähnen. Sie waren ursprünglich eingewickelt - die organische Struktur der Wickel hatte sich in die Schüsselwände gedrückt." Vorsichtig gruben die Archäologen tiefer, schabten Schicht um Schicht des Tempelbodens ab. Schließlich bohrten sie einen dünnen Stock an verschiedenen Stellen in die Erde, um nach Hohlräumen zu suchen. "Und dann passierte es", sagt Houston. "Der Stock brach durch ein kleines Loch. Darunter sahen wir nichts als pechschwarze Dunkelheit."

In der Kammer roch es noch nach Verwesung

Die Ausgräber holten eine Glühbirne und ließen sie in die Schwärze hinab. "Plötzlich flammte eine Explosion von Farben in alle Richtungen auf - Rot, Grün, Gelb." Die Forscher waren auf das Grab eines Maya-Herrschers gestoßen.

Seit 1600 Jahren hat der Tote unberührt in dem Loch gelegen, umringt von kostbaren Stoffen, Keramik, Schnitzereien und prächtigen Gemälden auf Holz und Stuck. Der feuchte, feinkörnige Boden hatte kaum Sauerstoff in die Grabkammer gelassen. Derart versiegelt, war das organische Material nicht verrottet, die Farben strahlten frisch. Ein seltener Glücksfall für Archäologen.

"Wir haben noch jede Menge Arbeit vor uns", sagt Houston, der die Entdeckung in der vergangenen Woche in Guatemala City öffentlich gemacht hat. "Königsgräber sind dicht mit Informationen vollgepackt - es braucht viele Jahre, um so ein Grab ganz zu verstehen."

Das Gute an der Ruhestätte in Guatemala: Über Jahrhunderte drang keine Luft nach innen, und es konnte keine nach außen entweichen. "Als ich meinen Kopf durch das Loch steckte, roch ich zu meinem Erstaunen noch die Verwesung. So stark, dass mir ein Schauer den Rücken hinunterlief", sagt Houston. Das Königsgrab ist nur 1,20 Meter breit, dafür 3,60 Meter lang und 1,80 Meter hoch. "Ich könnte mich bequem hineinlegen", sagt Houston. "Aber lange möchte ich da unten lieber nicht bleiben."

War der Tote der Begründer einer Dynastie?

Der Maya-Herrschar war nicht allein in seiner Kammer. Sechs Kinder mussten ihm in den Tod folgen. Die Ausgräber fanden vier kleine Skelette und noch zwei weitere Schädel - ihre Besitzer waren zum Zeitpunkt ihres Todes nicht älter als fünf Jahre.

Der Herrscher selbst war auf eine Liege gebettet, die irgendwann in den Jahrhunderten unter ihm zusammengebrochen war. Seinen Schädel schmückte ein reicher Kopfputz, beschriftet mit winzigen Maya-Schriftzeichen. In den Händen hielt der Tote eine Klinge. So scharf und stabil war sie, dass sie einst mühelos Knochen durchschlagen konnte. Doch blinkend sauber war sie nicht - auf der Schneide klebte eine rote Substanz. Noch haben die Forscher nicht getestet, worum es sich dabei handelt - "aber viel Phantasie braucht man nicht, um sich vorzustellen, dass es wohl Blut sein wird", mutmaßt Houston.

Wer war der geheimnisvolle Tote? Als er zwischen 350 und 400 nach Christus starb, war er schon mehr als 50 Jahre alt - ein stolzes Alter für einen Maya jener Zeit. Es waren bewegte Jahre in El Zotz. Die Stadt lag im ständigen Streit mit Tikal, dem großen Nachbarn rund 20 Kilometer weiter im Osten. Das ist gefährlich nah. Über die Baumwipfel hinweg kann man bei klarem Wetter von der Spitze von El Diablo aus den Tempel IV von Tikal ausmachen.

Die Pyramide in ihrer heutigen Form wurde erst gebaut, als der Maya-König schon tot war. Zu seinen Lebzeiten stand an der Stelle noch ein kleinerer Tempel, dem Sonnengott geweiht. An solch prominenter Stelle konnte nur ein wichtiger Herrscher begraben werden.

"Die Lage des Grabes, die Zeit, die Reichhaltigkeit, der spätere Pyramidenbau genau über seinem Grab - das alles deutet darauf hin, dass der Tote der Begründer einer Dynastie war", sagt Houston. Für die Reise ins Jenseits war er als ritueller Tänzer gekleidet, behängt mit unzähligen kleinen Muschelglöckchen mit Klöppeln aus Hundezähnen.

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Sie sind Legenden - aber ihre Überreste wurden verstreut, verwechselt, manche gingen verloren. Um letzte Ruhestätten großer Forscher ranken sich viele Geschichten, im SPIEGEL-ONLINE-Quiz erfahren Sie die bizarrsten.

Archäologische Methoden der Datierung
Radiokarbondatierung
Das radioaktive Kohlenstoffisotop C-14 wird in der Atmosphäre ständig durch kosmische Strahlung erzeugt und gelangt in Form von Kohlendioxid (CO2) in die Biosphäre. Pflanzen, die CO2 aufnehmen, werden von Tieren und Menschen gegessen. Sie enthalten eine niedrige Aktivität, die überall und über lange Zeiträume gleich ist. Stirbt ein Lebewesen, nimmt es kein C-14 mehr auf und die Aktivität klingt in 5730 Jahren um die Hälfte ab. Je älter ein Fund, desto geringer seine Aktivität. Man kann damit bis zu einem Alter von circa 50.000 Jahren datieren.
Lumineszenzdatierung
Sie beruht auf einem Strahlenschaden durch die fast überall vorhandenen radioaktiven Elemente Uran, Thorium und Kalium. Die Halbwertszeiten der Radionuklide dieser Elemente sind so lang, dass man von einem konstanten Radioaktivitätspegel ausgehen kann. Als Sensoren für die Strahlenschäden verwendet man meist Quarz und Feldspäte, die in Keramik und in Sedimenten immer vorhanden sind. Diese Minerale senden Licht aus, wenn sie erhitzt werden (Thermolumineszenz) oder beleuchtet werden (optisch stimulierte Lumineszenz). Je älter die Keramik, desto stärker das Leuchten.
Stratigraphie
Über die Stratigraphie wird das Alter eines Gegenstands anhand der Erdschicht bestimmt, in der er vorgefunden wurde. Die Schichten (lateinisch Straten) entstehen durch natürliche Ablagerungen und menschliche Aktivitäten. Die Stratigraphie kann deshalb gut mit den anderen Methoden kombiniert werden. Wurde beispielsweise ein Holzstück mit der C-14-Methode präzise datiert, kennt man auch das Alter eines Fundstücks, das in direktem Zusammenhang in derselben Erdschicht lag.