Mechanik der Gewalt Wie ein Mob funktioniert

Die randalierenden Jugendlichen in Paris und anderen Städten folgen einer französischen Tradition: dem gewalttätigen Protest. Wissenschaftler erklärten SPIEGEL ONLINE, wie ein randalierender Mob zustande kommt, wie er funktioniert - und was ihn am Leben erhält.

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"Am Nachmittag begannen einige hundert Jugendliche den Kleinkrieg mit den Sicherheitskräften. Auf einen Hagel von Bierdosen und Metallstücken antworteten die Bereitschaftspolizisten mit Tränengas." Dieser Bericht aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung stammt nicht von letzter Woche, sondern aus dem Jahr 1995. Er beschreibt eines von zahlreichen Beispielen für ein Phänomen, das zu Frankreich gehört wie Käse und Rotwein: der chaotische, oft gewalttätige Widerstand gegen Verhältnisse, die als unhaltbar empfunden werden.

Krawalle in Paris: "Diese Wirksamkeit erleben wollen"
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Krawalle in Paris: "Diese Wirksamkeit erleben wollen"

"Die Mobilisierbarkeit für Streiks und andere, direkte Aktionen" sei in der Grande Nation "besonders groß, aber nicht gebunden an formale Mitgliedschaften", erklärt der Soziologe Bernhard Ebbinghaus von der Universität Mannheim. Es gebe "eine größere Bereitschaft, Gewalt einzusetzen" als etwa in Deutschland.

Bauern, die Schnellrestaurants demolieren, LKW-Fahrer, die Autobahnen blockieren, Studenten, die Hörsaalmobiliar verfeuern - in Frankreich macht man seinem Ärger gern handgreiflich und persönlich Luft. "Der gewalttätige Protest hat eine längere Tradition", sagt Ebbinghaus. Insofern leitet sich das, was die Randalierer in Saint-Denis, Toulouse und anderswo Nacht für Nacht tun, gewissermaßen aus dem Gründungsmythos der Republik ab: Der Ausdruck ihrer Wut ist ein historischer Mechanismus der Gesellschaft, gegen die sie sich richtet. Revoltieren gehört in Frankreich zum Selbstverständnis.

Das Recht zur Rebellion ist sogar gesetzlich verbrieft: Während etwa in Deutschland Streiks streng reglementiert und an gewerkschaftliche Organisationen gebunden sind, gibt es in Frankreich ein "individuelles Streikrecht", erklärt Ebbinghaus, "Jeder kann sich mit anderen zusammentun und einen Streik organisieren." Und wenn es dann kracht und Dinge kaputt gehen, ist die Staatsgewalt gemeinhin nachsichtiger als anderswo.

Ziellose Gewalt ist der Protest der Unterschicht

Während es jedoch etwa bei den gewaltigen Protesten von Arbeitslosen und Studenten in den neunziger Jahren, die teilweise sogar auf Deutschland übersprangen, am Ende doch gewerkschaftliche Ansprechpartner für den Staat gab, ist die Krawallbewegung des Jahres 2005 völlig dezentral. Sie basiert auf losen Netzwerken von Freunden und Bekannten, die sich spontan zu größeren Gruppen zusammenfinden. Das sei eine typische Form des Widerstandes aus den ärmeren und wenig gebildeten Schichten, sagt Christian Lahusen, politischer Soziologe an der Universität Siegen.

Zerstörerischer, scheinbar zielloser Protest sei in der Geschichte immer wieder vorgekommen, etwa bei Rassenunruhen und Arbeiteraufständen in Großbritannien. Menschen aus den untersten Gesellschaftsschichten "gründen keine Bürgerinitiativen", sagt Lahusen. Nur gewinnt der dezentrale organisierte Aufstand durch SMS und Internet eine neue Dimension. Plötzlich lassen sich aus kleinen, lose verknüpften Cliquen innerhalb kürzester Zeit schlagkräftige Gruppen zusammenstellen, die für Verwüstung sorgen - und dann wieder verschwinden wie ein Spuk. Dazu sei allerdings notwendig, sagt der Soziologe Hartmut Esser von der Universität Mannheim, dass es vorher schon "gewisse Assoziationen" gegeben habe, "von Freizeitgruppen bis zu ganz anders motivierten kriminellen Gangs."

Rainer Richter, Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK), betrachtet die Ausschreitungen mit Blick auf den Einzelnen: Aggressives Verhalten entstünde "zunächst als Vergeltungsaktion, als Reaktion darauf, dass sich der Jugendliche nicht ernst genommen, vernachlässigt, bedroht und schließlich angegriffen fühlt".

Autos Anzünden steigert das Selbstwertgefühl

Die Randalierer hätten lange Zeit die eigene Situation "als Aggression der Gesellschaft" erlebt, präzisiert Timo Harfst, wissenschaftlicher Referent der BPtK. Käme dann ein Auslöser wie der Unfalltod der beiden Jugendlichen in einem Transformatorenhäuschen hinzu, werde das irrationalerweise als weitere Aggression der Gesellschaft aufgefasst. "Dann wird eine Schwelle überschritten, Regeln und Grenzen verschieben sich sehr schnell". "Opfer-Aggression" werde zu "Täter-Aggression". Und aus einer vorher nur latent vorhandenen "peer group" wird eine verschworene Gemeinschaft, die gemeinsam in die Schlacht zieht. Hartmut Esser spricht von "Initialzündungen" - dazu gehören nach seiner Meinung etwa die abfälligen Äußerungen von Innenminister Nicolas Sarkozy über den "Abschaum" in den Vorstädten.

"Wer es einmal bis zu Straßenkrawallen kommen lässt, hat es mit Reaktionsmustern zu tun, die eine große Eigendynamik entfalten", sagt Richter. Harfst vergleicht das mit dem Verhalten potentieller Selbstmörder: Sei die Schwelle zum Versuch einmal überschritten, werde es viel einfacher, das wieder zu tun.

Wie diese Eigendynamik aussieht, kann man derzeit in ganz Frankreich beobachten: Von einem Ort zum nächsten springen die Proteste über - weil sie funktionieren. "Die Jugendlichen erleben sich selbst als wirksam", sagt Harfst, und Selbstwirksamkeit kennen Psychologen als ein starkes Mittel zur Steigerung des Selbstwertgefühls.

Die Fernsehbilder, die jeder Krawall wieder produziert, heizen das Geschehen weiter an - und schaffen Nachahmer. "Das führt dazu, dass andere Jugendliche, die vielleicht von den Benachteiligungen gar nicht unmittelbar betroffen sind, diese Wirksamkeit auch erleben wollen", sagt Harfst. Man will dazugehören. "Das passiert eher spontan, manche lernen sich erst abends beim Randalieren kennen", sagte ein Jugendlicher einem SPIEGEL-ONLINE-Reporter vor Ort. Und einer versucht den anderen zu übertreffen, angeblich sollen sogar Gruppen aus verschiedenen Stadtteilen wetteifern, wer den größeren Schaden anrichten kann. Hartmut Esser fügt hinzu, all das könne nur passieren, "wenn die Akteure so gut wie nichts zu verlieren haben, und wenn es keine überlappenden Netzwerke zur 'anderen' Seite gibt, also zum französischen Establishment."

So entstehen in kurzer Zeit neue gesellschaftliche Strukturen, mit einem verbindenden, zentralen Thema, einer neuen, aufregenden Triebfeder. "Es ist auch zu erwarten, dass die Rollen innerhalb der Gruppen darüber definiert werden, wer was getan hat, wer sich was getraut, wer was bewirkt hat", erklärt Harfst. Ob diese Krawall-Hierarchien allerdings überdauerten, sei fraglich. "Das wird auch wieder zerfallen", glaubt der Psychotherapeut. Und eben die Angst vor diesem Ende halte die Ausschreitungen möglicherweise am Leben. "Das könnte ein potentieller Motor sein - das Entstandene nicht wieder hergeben wollen."



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