Mecklenburg-Vorpommern Vogelgrippe-Verdacht bei Nutztier auf Rügen

Auf Rügen könnte das Vogelgrippe-Virus einen Geflügelbestand infiziert haben. Es gebe einen ersten Verdachtsfall bei einer Ente, teilte Mecklenburg-Vorpommerns Landwirtschaftsminister Till Backhaus mit. Die Zahl von toten Wildvögeln mit H5N1 steigt.


Eine infizierte Ente von einem Geflügelhof auf der Insel Rügen ist der erste Verdachtsfall für das Übergreifen der Vogelgrippe auf Nutztiere in Deutschland. Bisher ist bei dem Tier zwar ein Grippevirus, aber noch nicht H5N1 festgestellt worden. Das bestätigte eine Sprecherin des interministeriellen Führungsstabs der Landesregierung von Mecklenburg-Vorpommern gegenüber SPIEGEL ONLINE.

Hausenten: Ein Tier aus einem Rügener Bestand könnte mit H5N1 infiziert sein. Es wäre die erste Ansteckung von Nutztieren in Deutschland
REUTERS

Hausenten: Ein Tier aus einem Rügener Bestand könnte mit H5N1 infiziert sein. Es wäre die erste Ansteckung von Nutztieren in Deutschland

Das infizierte Tier stammt von einem kleinen Geflügelhof aus der Nähe der Stadt Putbus auf Rügen. In dem landwirtschaftlichen Betrieb wurden 106 Enten und Hühner gehalten. Sie seien klinisch gesund gewesen, teilte die Landesregierung in Schwerin mit. Der betroffene landwirtschaftliche Betrieb liegt innerhalb der Vogelgrippe-Schutzzone, weshalb die Tiere untersucht worden seien.

Landwirtschaftsminister Till Backhaus (SPD) lobte den Halter der Tiere, dieser habe selbst die Veterinäre informiert. Alle Tiere des Betriebs wurden vorsorglich getötet.

Bei einer der Enten habe das zuständige Landeslabor einen Grippevirus festgestellt. Diese Diagnose ist unspezifisch und lässt noch nicht zwingend auf den hochgefährlichen Erreger H5N1 schließen.

Eine Bestätigung des Verdachts durch das Referenzlabor des Friedrich-Loeffler-Instituts (FLI) steht aber noch aus. Dort sei die Probe bislang noch nicht eingetroffen, sagte FLI-Sprecherin Christine Klaus zu SPIEGEL ONLINE. Komme die Probe noch im Laufe des Vormittags im Labor auf der Insel Riems an, könne mit einem Ergebnis im Laufe des Nachmittags gerechnet werden. Dies hänge aber von der Qualität der Probe ab.

Eine Sprecherin des Landkreises Rügen teilte unterdessen mit, dass es auch bei Wildvögeln von der Insel Rügen neue Infektionsfälle gibt.

Erst gestern war in Österreich der EU-weit erste Fall einer bestätigten H5N1-Infektion bei Nutztieren aufgetreten. Das Übergreifen des Virus von Wildvögeln auf Enten und Hühner war Resultat regelwidriger Haltung in einem Tierheim. Dort waren Schwäne aus dem Vogelgrippe-Gebiet in der Steiermark zusammen mit gesunden Tieren in einen Stall gesperrt worden und hatten diese angesteckt.

Am Vormittag will Bundesverbraucherschutzminister Horst Seehofer (CSU) zusammen mit dem Präsidenten des FLI, Thomas Mettenleiter, eine Pressekonferenz zur Lage geben.

Die Vogelgrippe
Virus
DDP
Die Vogelgrippe, auch als Aviäre Influenza bekannt, ist eine hochansteckende Viruskrankheit und befällt vor allem Hühner und Puten, aber auch Wildvögel, Fasane und Perlhühner. Der Virusstamm H5N1 ist eine besonders aggressive Variante, die bei 80 bis 100 Prozent der erkrankten Tiere innerhalb weniger Tage zum Tod führt. In seltenen Fällen können sich auch Menschen anstecken. Weltweit wurden bisher über 300 solcher Fälle festgestellt, die meisten in Asien. Fast 200 Menschen starben. Die meisten hatten beruflich mit Geflügel zu tun.

Übertragen wird die Seuche von Tier zu Tier durch direkte Berührung, über Kot, Speichel und Tränenflüssigkeit oder über Kontakt mit infiziertem Material wie Transportkisten oder Eierkartons. Bei starker Staubentwicklung ist auch eine indirekte Ansteckung über die Luft möglich.
Symptome
AP
Die Zeit von der Infektion bis zum Ausbruch der Krankheit beträgt meist 3 bis 14 Tage. Oft treten hohes Fieber, Atemwegsprobleme, Schwarzfärbung von Kamm und Kehllappen, Mattigkeit, Fressunlust, verminderte Legeleistung und Durchfall auf. Die Tiere können aber auch plötzlich tot umfallen oder ersticken.
Gefahr für Menschen
AP
Forscher sind besorgt, dass H5N1 mutieren könnte, bis es von Mensch zu Mensch übertragbar ist. Neuere Forschungsergebnisse bestätigen diese Befürchtung: Der Subtyp H1N1, der von 1918 bis 1920 als Spanische Grippe grassierte und bis zu 50 Millionen Tote forderte, war ein reines Vogelvirus, das sich an den Menschen angepasst hat. Denkbar ist auch eine Doppelinfektion eines Menschen oder eines Schweins mit menschlichen und tierischen Erregern. Dabei könnte sich eine Virus-Variante bilden, die eine verheerende weltweite Seuche - eine sogenannte Pandemie - auslösen könnte.
Behandlung
Zwei Medikamente können Menschen im unwahrscheinlichen Fall einer H5N1-Infektion helfen: Die antiviralen Medikamente Tamiflu (Roche) und Relenza (GlaxoSmithKline). Tamiflu gibt es als Tablette oder Saft, Relenza als Pulver, das inhaliert wird. Sie werden auch Neuraminidase-Hemmer genannt. Neuraminidase ist eine Eiweißstruktur an der Virushülle. Wird diese Struktur von den Medikamenten blockiert, können neu gebildete Influenza-Viren die Wirtszelle nicht mehr verlassen und sich daher nicht weiter im Körper ausbreiten. Die deutschen Bundesländer haben 2006 beschlossen, mehr als acht Millionen Dosen beider Medikamente als Vorsichtsmaßnahme kaufen. Sie sollen die Monate zwischen einem Pandemie-Ausbruch und der Entwicklung eines Impfstoffs überbrücken.

Gestern war die Zahl toter Tiere, bei denen das Vogelgrippevirus gefunden wurde, stabil bei 103 geblieben. Mit den am Morgen gemeldeten Fällen steigt diese Zahl. Nach Angaben des Landkreises, handelt es sich um sechs infizierte Tiere.

Alle Vögel, die bislang in Deutschland eindeutig positiv auf H5N1 getestet wurden, stammen von der Insel Rügen oder aus den benachbarten Landkreisen Ostvorpommern und Nordvorpommern.

Weitere Fälle in europäischen Ländern

In Frankreich ist der zweite Vogelgrippefall bestätigt worden: Eine tote Wildente aus der südöstlichen Region Ain trug H5N1 in sich, das bestätigte das französische Landwirtschaftsministerium in Paris. In derselben Region war Anfang Februar das erste Wildtier mit Vogelgrippe in Frankreich gefunden worden.

Zwei Verdachtsfälle bei Wildvögeln aus der Slowakei müssen noch bestätigt werden.

In der Osttürkei sind sieben Schüler wegen des Verdachts auf Vogelgrippe-Infektion ins Krankenhaus eingewiesen worden. Dies berichtete die Zeitung "Bir Gün". Ob sie tatsächlich mit H5N1 infiziert sind, ist noch nicht bekannt. Seit Januar hatte es in der Türkei keinen Fall von Vogelgrippe beim Menschen mehr gegeben. In der osttürkischen Provinz Van sind Anfang des Jahres vier Kinder nach einer Infektion gestorben.

stx/AFP/AP/dpa/rtr



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