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16. Juli 2008, 17:48 Uhr

Medien-Eklat

Stammzell-Pionier fordert Schweigepflicht für Journalisten

Von und

Der Streit um den Stammzell-Pionier Hans Schöler eskaliert: Ein Zeitungsbericht über seine angeblich bahnbrechende Entdeckung hat andere Forscher gegen ihn aufgebracht. Jetzt will Schöler Journalisten verbieten lassen, von Fachkongressen zu berichten.

Es war eine Szene, wie man sie selten erlebt auf wissenschaftlichen Tagungen. Hans Schöler, einer der renommiertesten deutschen Stammzellforscher, hält auf dem Internationalen Kongress für Genetik in Berlin einen Vortrag. Der Inhalt ist nicht nur für Insider brisant: Es geht um nichts Geringeres als die Gewinnung wandlungsfähiger Stammzellen -ohne die Zerstörung menschlicher Embryonen.

Biologe Schöler: Forderung nach Schweigepflicht für Journalisten
DPA

Biologe Schöler: Forderung nach Schweigepflicht für Journalisten

Als Schöler an den Punkt kommt, wie dies ohne gentechnische Eingriffe und den Einsatz von Viren gelingen kann, hält er inne. Statt der heiß erwarteten Antwort zeigt er eine Folie mit einem Bericht aus der " Frankfurter Allgemeinen". Er müsse an dieser Stelle abbrechen, sagt Schöler. Seine Begründung: Auf der Konferenz seien Journalisten anwesend. Ende des Vortrags. Kurze Verwunderung im Saal. Dann wird das Programm fortgesetzt.

Was war geschehen? Vor einer Woche hatte die "FAZ" berichtet, dass Schöler bei einem Kongress in Dresden wichtige neue Erkenntnisse vorgestellt hat. Dabei ging es um Keimbahn-Stammzellen, die aus Mäusehoden gewonnen werden und ähnlich wandlungsfähig sind wie die begehrten embryonalen Stammzellen. Schöler wurde in dem Artikel mit der Aussage zitiert, dass es seinem Team damit erstmals gelungen sei, adulte Körperzellen zu pluripotenten Stammzellen umzuprogrammieren, und zwar ohne genetische Eingriffe mit Hilfe von Viren.

Tatsächlich wäre das ein großer Erfolg, denn die Viren-Gen-Methode birgt Risiken. Die reprogrammierten Zellen können Krebs auslösen - für eine Therapie beim Menschen wären sie also ungeeignet. Schölers neue Ergebnisse wecken nun die Hoffnung, ungefährliche pluripotente Stammzellen auf andere Art zu gewinnen als durch die ethisch umstrittene Zerstörung menschlicher Embryonen. Allerdings hat er seine Daten noch nicht in einem Fachmagazin veröffentlicht und damit auch noch nicht der dort üblichen Experten-Prüfung unterworfen.

"Bodenlose Unverschämtheit"

Das zweite Problem: Schon vor zwei Jahren hatten Göttinger Forscher um Gerd Hasenfuß und Wolfgang Engel die Gewinnung pluripotenter Stammzellen aus Hodengewebe gemeldet. Und sie waren über den Inhalt des "FAZ"-Artikels nicht amüsiert.

Denn dort heißt es unter anderem, die Göttinger Zellen seien nur "eingeschränkt wandelbar" und "keineswegs pluripotent". Dass Schöler die Erstentdeckung solcher Zellen nun für sich reklamiere, sei "eine bodenlose Unverschämtheit", schimpfte Engel in der " Süddeutschen Zeitung". Die Wandlungsfähigkeit der Göttinger Hodenzellen sei längst international bestätigt. Schöler diskreditiere die Forschung, "weil er's selbst nicht hinbringt".

Schöler übte sich daraufhin in Schadensbegrenzung - allerdings auf Kosten anderer. Er sei in der "FAZ" falsch zitiert worden, behauptete Schöler in der "Süddeutschen Zeitung". Die Eigenschaften der Göttinger Zellen habe er nie in Frage gestellt. Auf einer Pressekonferenz nach seinem abrupt beendeten Berliner Vortrag ging Schöler ins Detail: Er habe in Dresden mit Kollegen beim Mittagessen gesessen und über seine Ergebnisse gesprochen. Der "FAZ"-Redakteur habe sich einfach dazugesetzt. Es sei eine informelle Situation gewesen, so Schöler, kein Interview, und somit auch nicht zur Veröffentlichung gedacht.

Dem widerspricht Joachim Müller-Jung, der Autor des "FAZ"-Artikels, energisch. Er habe das Interview mit Schöler vorab mit dessen Pressesprecherin vereinbart. "Und ich habe ihm während des Gesprächs eindeutig klar gemacht, dass ich zu dem Kongress gekommen bin, um zu berichten", sagte Müller-Jung zu SPIEGEL ONLINE. Schöler habe seine Zweifel an den Fähigkeiten der Göttinger Stammzellen zwar nicht in seinem Vortrag erwähnt, sehr wohl aber in dem Interview. Zeugen könnten das bestätigen.

Journalisten sollen Schweigeverpflichtung abgeben

Schöler aber insistiert. Seine Aussagen in Dresden seien verzerrt dargestellt worden. Dabei sei der Kongress eigentlich gar nicht für Journalisten gedacht gewesen, sondern nur für Wissenschaftler. Deswegen, so Schöler, wolle er künftig auf Kongressen nur noch dann über nicht publizierte Ergebnisse berichten, wenn die dort anwesenden Journalisten vorab eine Verschwiegenheitserklärung unterzeichneten.

Im Endeffekt käme die Einführung einer solchen Erklärung freilich einem Verbot der unabhängigen Berichterstattung gleich. Denn Journalisten, die ihre Unterschrift verweigern, dürften kaum noch zu solchen Tagungen zugelassen werden.

Hintergrund ist die Angst der Forscher, ihre Ergebnisse nicht mehr in renommierten Fachmagazinen unterbringen zu können, wenn sie zuvor in Massenmedien thematisiert wurden. Denn Fachblätter wie "Nature" und "Science" haben nicht nur hohe Ansprüche an den Stellenwert der Entdeckungen, sondern sie wollen sie auch exklusiv und als Erste veröffentlichen.

Das, so klagen viele Wissenschaftler, behindere mittlerweile den für die Forschung so wichtigen Austausch von Wissen. Denn bis ein Artikel bei einem Fachblatt von unabhängigen Experten geprüft, für gut befunden und veröffentlicht wird, vergehen nicht selten Monate. In dieser Zeit versuchen Forscher mitunter alles, um die Ergebnisse ihrer Arbeit geheim zu halten - aus Furcht, dass aus der prestigeträchtigen und karriereförderlichen Publikation sonst nichts mehr wird.

Angst vor Kontrollverlust

Ein Maulkorb für Journalisten, wie Schöler ihn verlangt, dürfte diese Zustände eher zementieren als verändern. Als eine anwesende Journalistin den Vorschlag als "Nonsens" bezeichnete, verwies Schöler auf die USA: Dort gebe es Kongresse, wo dies Gang und Gäbe sei. Der ebenfalls bei der Pressekonferenz anwesende, in den USA tätige Stammzellforscher Rudolf Jaenisch bestätigte das.

Er habe ja Verständnis dafür, dass Wissenschaftsjournalisten über viele verschiedene schwierige Themen schreiben müssten, sagte Schöler. Es sei jedoch ihre Aufgabe, die Fakten prüfen zu lassen - von den Wissenschaftlern.

Übrigens: Erst vergangene Woche veröffentlichte ein Jülicher Team in "Science" die Ergebnisse einer Studie, laut der 60 Prozent der deutschen Wissenschaftler zufrieden sind mit der Berichterstattung über ihre Arbeit. Allerdings gab es auch eine andere Erkenntnis: "Die Forscher", sagt Hans Peter Peters vom Forschungszentrum Jülich, "fürchten, dass sie die Kontrolle über ihr Wissen verlieren."

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