Medien-Eklat Stammzell-Pionier fordert Schweigepflicht für Journalisten

Der Streit um den Stammzell-Pionier Hans Schöler eskaliert: Ein Zeitungsbericht über seine angeblich bahnbrechende Entdeckung hat andere Forscher gegen ihn aufgebracht. Jetzt will Schöler Journalisten verbieten lassen, von Fachkongressen zu berichten.

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Es war eine Szene, wie man sie selten erlebt auf wissenschaftlichen Tagungen. Hans Schöler, einer der renommiertesten deutschen Stammzellforscher, hält auf dem Internationalen Kongress für Genetik in Berlin einen Vortrag. Der Inhalt ist nicht nur für Insider brisant: Es geht um nichts Geringeres als die Gewinnung wandlungsfähiger Stammzellen -ohne die Zerstörung menschlicher Embryonen.

Biologe Schöler: Forderung nach Schweigepflicht für Journalisten
DPA

Biologe Schöler: Forderung nach Schweigepflicht für Journalisten

Als Schöler an den Punkt kommt, wie dies ohne gentechnische Eingriffe und den Einsatz von Viren gelingen kann, hält er inne. Statt der heiß erwarteten Antwort zeigt er eine Folie mit einem Bericht aus der " Frankfurter Allgemeinen". Er müsse an dieser Stelle abbrechen, sagt Schöler. Seine Begründung: Auf der Konferenz seien Journalisten anwesend. Ende des Vortrags. Kurze Verwunderung im Saal. Dann wird das Programm fortgesetzt.

Was war geschehen? Vor einer Woche hatte die "FAZ" berichtet, dass Schöler bei einem Kongress in Dresden wichtige neue Erkenntnisse vorgestellt hat. Dabei ging es um Keimbahn-Stammzellen, die aus Mäusehoden gewonnen werden und ähnlich wandlungsfähig sind wie die begehrten embryonalen Stammzellen. Schöler wurde in dem Artikel mit der Aussage zitiert, dass es seinem Team damit erstmals gelungen sei, adulte Körperzellen zu pluripotenten Stammzellen umzuprogrammieren, und zwar ohne genetische Eingriffe mit Hilfe von Viren.

Tatsächlich wäre das ein großer Erfolg, denn die Viren-Gen-Methode birgt Risiken. Die reprogrammierten Zellen können Krebs auslösen - für eine Therapie beim Menschen wären sie also ungeeignet. Schölers neue Ergebnisse wecken nun die Hoffnung, ungefährliche pluripotente Stammzellen auf andere Art zu gewinnen als durch die ethisch umstrittene Zerstörung menschlicher Embryonen. Allerdings hat er seine Daten noch nicht in einem Fachmagazin veröffentlicht und damit auch noch nicht der dort üblichen Experten-Prüfung unterworfen.

"Bodenlose Unverschämtheit"

Das zweite Problem: Schon vor zwei Jahren hatten Göttinger Forscher um Gerd Hasenfuß und Wolfgang Engel die Gewinnung pluripotenter Stammzellen aus Hodengewebe gemeldet. Und sie waren über den Inhalt des "FAZ"-Artikels nicht amüsiert.

Denn dort heißt es unter anderem, die Göttinger Zellen seien nur "eingeschränkt wandelbar" und "keineswegs pluripotent". Dass Schöler die Erstentdeckung solcher Zellen nun für sich reklamiere, sei "eine bodenlose Unverschämtheit", schimpfte Engel in der " Süddeutschen Zeitung". Die Wandlungsfähigkeit der Göttinger Hodenzellen sei längst international bestätigt. Schöler diskreditiere die Forschung, "weil er's selbst nicht hinbringt".

Stammzellen - die zellulären Multitalente
Embryonale Stammzellen (ES)
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Sie gelten als die zellulären Alleskönner: Reift eine befruchtete Eizelle zu einer Blastozyste, einem kleinen Zellklumpen, heran, entsteht in deren Inneren eine Masse aus embryonalen Stammzellen. Die noch nicht differenzierten Stammzellen können sich zu jeder Zellart des menschlichen Körpers entwickeln. Voraussetzung ist, dass sie mit den richtigen Wachstumsfaktoren behandelt werden.
Induzierte pluripotente Stammzellen (iPS)
MPI Münster / Jeong Beom Kim
Körperzellen einfach in Stammzellen umprogrammieren - das gelang Forschern durch das Einschleusen ganz bestimmter Steuerungsgene. Aus den dabei entstandenen maßgeschneiderten Stammzellen züchteten sie erfolgreich verschiedene Körperzellen. Diese Methode ist nicht nur elegant, sondern auch ethisch unbedenklich, da dabei kein Embryo hergestellt und zerstört wird. Allerdings birgt die Methode noch Risiken, weil für das Einschleusen der Gene Viren benötigt werden. Die Gene werden vom Virus verstreut im Genom eingebaut, wichtige Gene der Zelle können dabei beschädigt werden, die Zelle kann entarten. Es besteht Krebsgefahr. Zudem bauen auch die Viren ihr Erbgut ein. Forschern gelang jedoch mittlerweile die Reprogrammierung ohne Viren und mit anschließender Entfernung der Gene.
Proteininduzierte pluripotente Stammzellen (piPS)
Zellen reprogrammieren - nur durch Zugabe von Molekülen und ohne Veränderung des Erbgutes. Dies gelang Forschern erstmals im April 2009. Damit räumten sie potentielle Risiken aus, die das Einschleusen der Reprogrammiergene barg.
Keimbahn abgeleitete pluripotente Stammzellen (gPS)
Keimbahn-Stammzellen können normalerweise nur Spermien erzeugen. Aber man kann sie auch in pluripotente Stammzellen verwandeln. Diese germline derived pluripotent stem cells (gPS) bieten ein großes Potential, denn ihr Erbgut ist noch relativ unbeschädigt. Forschern gelang die Verwandlung an Hodenzellen von Mäusen - nur durch ganz bestimmte Zuchtbedingungen.
Adulte Stammzellen
Nicht nur Embryonen sind eine Quelle der Zellen, aus denen sich verschiedene Arten menschlichen Gewebes entwickeln können. In etwa 20 Organen inklusive der Muskeln, der Knochen, der Haut, der Plazenta und des Nervensystems haben Forscher adulte Stammzellen aufgespürt. Sie besitzen zwar nicht die volle Wandlungsfähigkeit der embryonalen Stammzellen, bereiten aber auch keine ethischen Probleme: Einem Erwachsenen werden die adulten Stammzellen einfach entnommen und in Zellkulturen durch Zugabe entsprechender Wachstumsfaktoren so umprogrammiert, dass sie zu den gewünschten Gewebearten heranreifen.
Ethik und Recht
Die Stammzellforschung birgt ethische Konflikte. Embryonale Stammzellen werden aus Embryonen gewonnen, die entweder eigens hergestellt werden oder bei künstlichen Befruchtungen übriggeblieben sind. Dabei wird der Embryo zerstört. Die Argumentation der Befürworter: Die Embryonen würden ohnehin vernichtet. Kritiker sprechen dagegen von der Tötung ungeborenen Lebens.

In Deutschland ist das Herstellen menschlicher Embryonen zur Gewinnung von Stammzellen verboten. In Ausnahmefällen erlaubt das Gesetz aber den Import von Stammzellen, die vor dem 1. Mai 2007 hergestellt wurden. In Großbritannien und Südkorea ist das therapeutische Klonen ausdrücklich erlaubt, ebenso in den USA.

Schöler übte sich daraufhin in Schadensbegrenzung - allerdings auf Kosten anderer. Er sei in der "FAZ" falsch zitiert worden, behauptete Schöler in der "Süddeutschen Zeitung". Die Eigenschaften der Göttinger Zellen habe er nie in Frage gestellt. Auf einer Pressekonferenz nach seinem abrupt beendeten Berliner Vortrag ging Schöler ins Detail: Er habe in Dresden mit Kollegen beim Mittagessen gesessen und über seine Ergebnisse gesprochen. Der "FAZ"-Redakteur habe sich einfach dazugesetzt. Es sei eine informelle Situation gewesen, so Schöler, kein Interview, und somit auch nicht zur Veröffentlichung gedacht.

Dem widerspricht Joachim Müller-Jung, der Autor des "FAZ"-Artikels, energisch. Er habe das Interview mit Schöler vorab mit dessen Pressesprecherin vereinbart. "Und ich habe ihm während des Gesprächs eindeutig klar gemacht, dass ich zu dem Kongress gekommen bin, um zu berichten", sagte Müller-Jung zu SPIEGEL ONLINE. Schöler habe seine Zweifel an den Fähigkeiten der Göttinger Stammzellen zwar nicht in seinem Vortrag erwähnt, sehr wohl aber in dem Interview. Zeugen könnten das bestätigen.

Journalisten sollen Schweigeverpflichtung abgeben

Schöler aber insistiert. Seine Aussagen in Dresden seien verzerrt dargestellt worden. Dabei sei der Kongress eigentlich gar nicht für Journalisten gedacht gewesen, sondern nur für Wissenschaftler. Deswegen, so Schöler, wolle er künftig auf Kongressen nur noch dann über nicht publizierte Ergebnisse berichten, wenn die dort anwesenden Journalisten vorab eine Verschwiegenheitserklärung unterzeichneten.

Im Endeffekt käme die Einführung einer solchen Erklärung freilich einem Verbot der unabhängigen Berichterstattung gleich. Denn Journalisten, die ihre Unterschrift verweigern, dürften kaum noch zu solchen Tagungen zugelassen werden.

Hintergrund ist die Angst der Forscher, ihre Ergebnisse nicht mehr in renommierten Fachmagazinen unterbringen zu können, wenn sie zuvor in Massenmedien thematisiert wurden. Denn Fachblätter wie "Nature" und "Science" haben nicht nur hohe Ansprüche an den Stellenwert der Entdeckungen, sondern sie wollen sie auch exklusiv und als Erste veröffentlichen.

Das, so klagen viele Wissenschaftler, behindere mittlerweile den für die Forschung so wichtigen Austausch von Wissen. Denn bis ein Artikel bei einem Fachblatt von unabhängigen Experten geprüft, für gut befunden und veröffentlicht wird, vergehen nicht selten Monate. In dieser Zeit versuchen Forscher mitunter alles, um die Ergebnisse ihrer Arbeit geheim zu halten - aus Furcht, dass aus der prestigeträchtigen und karriereförderlichen Publikation sonst nichts mehr wird.

Angst vor Kontrollverlust

Ein Maulkorb für Journalisten, wie Schöler ihn verlangt, dürfte diese Zustände eher zementieren als verändern. Als eine anwesende Journalistin den Vorschlag als "Nonsens" bezeichnete, verwies Schöler auf die USA: Dort gebe es Kongresse, wo dies Gang und Gäbe sei. Der ebenfalls bei der Pressekonferenz anwesende, in den USA tätige Stammzellforscher Rudolf Jaenisch bestätigte das.

Er habe ja Verständnis dafür, dass Wissenschaftsjournalisten über viele verschiedene schwierige Themen schreiben müssten, sagte Schöler. Es sei jedoch ihre Aufgabe, die Fakten prüfen zu lassen - von den Wissenschaftlern.

Übrigens: Erst vergangene Woche veröffentlichte ein Jülicher Team in "Science" die Ergebnisse einer Studie, laut der 60 Prozent der deutschen Wissenschaftler zufrieden sind mit der Berichterstattung über ihre Arbeit. Allerdings gab es auch eine andere Erkenntnis: "Die Forscher", sagt Hans Peter Peters vom Forschungszentrum Jülich, "fürchten, dass sie die Kontrolle über ihr Wissen verlieren."



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
ariston 16.07.2008
1. Leider hat Schöler Recht!
Zitat von sysopDer Streit um den Stammzell-Pionier Hans Schöler eskaliert: Ein Zeitungsbericht über seine angeblich bahnbrechende Entdeckung hat andere Forscher gegen ihn aufgebracht. Jetzt will Schöler Journalisten verbieten lassen, von Fachkongressen zu berichten. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,566255,00.html
Zumindest sollte man eine Mindestqualifikation von Journalisten verlangen, Verständnis für wissenschaftliche Zusammenhänge aufzubringen! Die meisten sind nicht in Lage dazu und schreiben eben gefährlichen Schwachsinn! Darum kann ich den Ärger Schölers über derartige Dummköpfe verstehen!
Newspeak, 16.07.2008
2. ...
Schöler hat Recht. Es gibt durchaus Konferenzen, bei denen man sich als Teilnehmer verpflichten muß, alles, was man an Informationen mitnimmt, vertraulich zu behandeln. Insbesondere sind dann auch Fotos und Filmaufnahmen oder Tonbandmitschnitte der Vorträge untersagt. Auf diese Weise sollen eben gerade die aktuellsten Forschungsergebnisse präsentiert werden können. Und ich habe es selbst schon erlebt, daß ansonsten auch mal Ergebnisse von anderen Gruppen übernommen werden und als eigene Leistung verkauft werden. Ich bin zwar ansonsten sehr für Transparenz, aber noch nicht veröffentlichte wissenschaftliche Ergebnisse verdienen einen besonderen Schutz. Es handelt sich eben auch um intellektuelles Eigentum, das zudem häufig genug mit sehr viel Geld erarbeitet wurde und manchmal sogar sehr viel Potential in der Anwendung besitzt. Anderenfalls muß man akzeptieren, daß vieles erst gar nicht bekannt wird. Es gibt so viele Erkenntnisse, die, weil nicht veröffentlicht und nie vorgetragen, einfach wieder vergessen werden. Jahrelange Forschung völlig umsonst. Und noch eins: Schöler geniesst auch deshalb mein Verständnis, weil es vollkommen üblich ist, im informellen Kreis sehr flapsig über Ergebnisse anderer zu reden. In vielen Fällen geht es darum, einen ersten Eindruck von den Forschungen anderer zu gewinnen. Und dazu ist es üblich, mit seiner Meinung, auch wenn sie überspitzt ist, nicht hinter dem Berg zu halten. So wird aus einem Verfahren, das vielleicht ganz gutes Potential hat, aber noch lange nicht ausgereift ist, eben auch mal totaler Schwachsinn. Viel zu häufig sind die Autoren sogar selbst daran Schuld, weil sie, um ihre Arbeit besser verkaufen zu können, vor allem die Vorzüge darstellen und weniger die Mankos. Das man von beiden Seiten verärgert ist, wenn solche informellen Gespräche so publiziert werden, als wenn es sich um überdachte und gefestigte wissenschaftliche Meinungen handelt, ist wohl verständlich.
Meisterbrau 16.07.2008
3. Aussage gegen Aussage?
Zitat von aristonZumindest sollte man eine Mindestqualifikation von Journalisten verlangen, Verständnis für wissenschaftliche Zusammenhänge aufzubringen! Die meisten sind nicht in Lage dazu und schreiben eben gefährlichen Schwachsinn! Darum kann ich den Ärger Schölers über derartige Dummköpfe verstehen!
Fast wie wen Spiegel Netzwelt über Anonymous schreibt, aber egal. zum thema: ich kann das grundlegende Argument sehr gut verstehen, wissenschaftliche Ergebnisse und Forschung sind intellektuelles Eigentum und müssen geschützt werden. Aber im konkreten Fall steht bisher Aussagen gegen Aussage - der Wahrheitsgehalt beider Seiten bleibt abzuwarten..
zedvaint, 16.07.2008
4. Nö
Zunächst einmal: So etwas wie intellektuelles Eigentum gibt es nicht. Sie meinen vielleicht geistiges Eigentum, aber das ist etwas völlig anderes. Vor allem aber: Diese Forschungen sind praktisch ausschließlich von der Gesellschaft bezahlt - vor allem wenn man Vorarbeiten, Ausbildung, Ausstattung, Gehälter, etc. mit einbezieht - und von daher besteht nicht nur die Möglichkeit sondern vielmehr die knallharte Pflicht des Wissenschaftlers über seine Arbeit und die Ergebnisse allgemeinverständlich zu informieren.
mr_supersonic 16.07.2008
5. seltsam
Ich wundere mich dass überhaupt Journalisten von "Nicht-Fachzeitungen" zu den Tagungen zugelassen werden. Ich bin auf der Seite der Wissenschaftler, denn ansonsten wäre das ja so als würden Bild-Mitarbeiter in der Vorstandssitzung von Siemens sitzen und darüber schreiben. Irgendwo gibt es auch Grenzen.
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