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06. April 2008, 10:35 Uhr

Medien im Dreißigjährigen Krieg

Die Macht der Sensation

Von Philipp Berens

Feuerstürme, Vergewaltigungen, Massenmord: Eines der blutigsten Massaker im Dreißigjährigen Krieg war die Eroberung Magdeburgs im Jahr 1631. Die kaiserlich-katholischen Truppen metzelten dabei 20.000 Menschen nieder. Für Verleger und Drucker war die Katastrophe ein glänzendes Geschäft.

Am Morgen des 20. Mai 1631 stürmen mehr als 20.000 Soldaten der kaiserlich-katholischen Truppen Magdeburg. Nach einem halben Jahr Belagerung überlässt Feldherr Johann Tserclaes Graf von Tilly seinen Söldnern die Hochburg der Protestanten nun zur Plünderung. Panisch fliehen die Bewohner in ihre Häuser, suchen Schutz in den Kirchen. Vergebens.

Soldaten schänden Frauen und Mädchen und töten all jene, die Gegenwehr leisten. Bald lodern überall in der Stadt Feuer, säumen Tote die Straßen. Am Ende liegt Magdeburg in Trümmern, nur etwa ein Drittel der ehemals 30.000 Einwohner überlebt. Es ist das gnadenloseste Massaker des Dreißigjährigen Krieges.

Für die Drucker und Verleger des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation hingegen wird der Überfall zu einem einträglichen Geschäft. Bereits wenige Tage später veröffentlichen sie die Nachricht auf Flugblättern und in mehrseitigen Flugschriften, bald darauf auch in Wochenzeitungen. Parteigänger der Protestanten ziehen Vergleiche zum Untergang Trojas oder zur Zerstörung Jerusalems. Magdeburg, dessen Name Zeitgenossen als "Festung der Jungfrau" deuten, sei von Tilly geschändet worden.

Dagegen verkündet eine Flugschrift des kaiserlich-katholischen Lagers: "Vor Jahren hat die alte Magd dem Kaiser einen Tanz versagt. Jetzt tanzt sie mit dem alten Knecht, so geschieht es stolzen Mägden recht." Und die in Köln erscheinenden "Reichs-Zeitungen" verbreiten das Gerücht, die Magdeburger hätten die Stadt selbst in Brand gesteckt.

Der Krieg, der seit 13 Jahren auf dem Boden des Heiligen Römischen Reiches tobt, findet nicht nur auf den Schlachtfeldern statt. Die Parteien bekämpfen sich mit allen Mitteln, auch mit Propagandaschriften. Und die Sensationslust der Menschen, ihre Gier nach Neuigkeiten, garantiert den Verlegern dieser Werke gute Absätze.

Die Post garantiert den Strom von Nachrichten

Seit Johannes Gutenberg um 1450 den Buchdruck mit beweglichen Metalllettern erfunden hat, zirkulieren unüberschaubar viele Druckwerke im Reich. Um 1500 sind bereits etwa 40.000 Buchtitel erschienen, haben sich Städte wie Mainz, Köln oder Augsburg zu Verlegerzentren entwickelt, entstehen allerorten Druckereien. Texte, die Mönche und wenige Gelehrte zuvor mühsam von Hand kopiert haben, können nun massenhaft verbreitet werden.

Bildung vermitteln jetzt nicht mehr allein die Kollegien der Kirchen und Klöster; immer mehr Menschen können und wollen lesen - und nicht nur Bücher, sondern auch Nachrichten. Drucker stillen den Hunger auf Informationen und bringen sie als Verleger selbst unter das Volk. Anfangs mit Flugblättern und Flugschriften, in denen sie politische und religiöse Neuigkeiten verbreiten. Vor allem die durch Martin Luthers Thesen ausgelöste Reformation bringt eine große Menge von Druckerzeugnissen hervor.

Zwei bis vier Kreuzer kostet ein Flugblatt zu Beginn des 17. Jahrhunderts, das entspricht etwa dem Stundenlohn eines Maurers. Fahrende Händler verkaufen die Blätter auf ihren Reisen. In Frankfurt und Leipzig erscheinen zudem während der Buchmessen bis zu 100 Seiten starke Messerelationen mit Berichten vom Geschehen während der vergangenen Monate.

Schreiber lassen sich in den Städten als Korrespondenten nieder, tauschen Texte und Informationen aus. Ihre Meldungen verschicken sie in der Regel über die Kaiserliche Reichspost; die Generalpostmeister überziehen das Reichsgebiet mit einem immer dichteren Netz von Pferde- und Botenstationen.

Benötigte ein Kurier für einen Ritt von Hamburg nach Frankfurt zuvor etwa zehn Tage, erreichen die Nachrichten über ein Stafettensystem von planmäßig startenden Reitern den Empfänger nun schon in etwa einem Drittel dieser Zeit. Die Post garantiert den Verlegern einen nie versiegenden Strom von Nachrichten. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts können die Publizisten erstmals sicher sein, halbwegs aktuell und regelmäßig berichten zu können. Und so erscheinen 1605 in Straßburg und 1609 in Wolfenbüttel mit der "Relation" und der "Aviso" allwöchentlich die ersten Zeitungen des Reiches, ja der Welt.

Nach jeder weiteren Sensationsnachricht stehen sich die Gegner unversöhnlicher gegenüber

Zumeist drucken die neuen Blätter Sammelkorrespondenzen ab, die Schreiber aus dem gesamten Reichsgebiet anhand verschiedener Quellen zusammengestellt und den Zeitungsverlegern verkauft haben. Die präzise Herkunft der einzelnen Informationen geht dabei zwar häufig verloren, ihr Wahrheitsgehalt lässt sich also nur schwer überprüfen. Doch die Abnehmer scheint dies nicht zu stören. Sie schätzen den Vorteil, so auf eigene Korrespondenten verzichten zu können. Die Druckhäuser vertreiben die Zeitungen im Jahresabonnement zu rund zwei Gulden an Adelige, Kaufleute, Studenten, Handwerker, Geistliche. Aber auch Schankwirte ordern die neuen Periodika und lassen ihren Kunden daraus vorlesen. Abonnenten reichen die Blätter nach der Lektüre an Nachbarn weiter, um anschließend gemeinsam über das Gelesene zu diskutieren. So erreichen Auflagen von 350 Exemplaren die zehnfache Zahl an Lesern.

In vielen Städten konkurrieren bald mehrere Verleger um die wissenshungrige Kundschaft. Einen Marktvorteil sichert sich, wer vom Kaiser oder Fürsten ein Zeitungsprivileg oder gar ein Zeitungsmonopol verliehen bekommt. Es stellt unerlaubtes Nachdrucken unter Strafe und garantiert damit gewisse Einkünfte. Allerdings dient der Entzug dieses privilegium impressorium auch als Kontrollmittel der Presse, effektiver noch als die eigentliche Zensur.

Die häufig ungemein polemischen Flugblätter erscheinen dagegen zumeist anonym. Seit der Kaiser im Krieg liegt mit den protestantischen Fürsten, gibt es genug Missstände, die sich gewinnbringend anprangern lassen. Allein über die Geldfälscher, die sich seit 1620 verstärkt am Austausch guter gegen minderwertige Münzen bereichern, werden binnen weniger Jahre rund 100 Flugschriften mit einer Gesamtauflage von 125.000 Exemplaren unter das Volk gebracht.

König Gustav Adolf nutzt die Macht der Medien

Niemand nutzt die Macht der Medien konsequenter als der schwedische König Gustav II. Adolf. Mit Aufrufen wie "Wacht auf, wacht auf, ihr lieben Leut, all die ihr noch nicht schwedisch seid!" versucht er, die eher kriegsmüden Reichsstände gegen den Kaiser zu mobilisieren. Andere Flugblätter feiern den König als Retter aus der Not, als Lichtgestalt mit reinem Herzen, dem die Deutschen vertrauen können.

Den Fall Magdeburgs indes verhindert Gustav Adolf nicht. Satirische Kupferstiche der Protestanten zeigen, wie der Schwedenkönig aus der Asche der Stadt und den Tränen der Bürger eine scharfe Lauge rührt und dem Papst damit den Kopf wäscht: "Nun zwick ich dir mit dieser Laugen dein heiligs Haupt und klare Augen, damit du auch fein sauber bist, wann du wirst werden der Antichrist."

Nach dem Inferno beschreiben Publizisten den Krieg noch mehr als zuvor als einen Konflikt der Konfessionen. Mit jeder weiteren Sensationsnachricht stehen sich die gegnerischen Seiten unversöhnlicher gegenüber. Und so entsteht jene sich häufig verstärkende Wechselwirkung zwischen Politik und loyaler Berichterstattung, die aus einem Geschehnis erst ein wirkmächtiges Ereignis werden lässt. Deshalb verspricht das Geschäft mit den Nachrichten beste Umsätze.

Als der große Krieg 1648 zu Ende geht, gibt es im Reichsgebiet schon etwa 50 Zeitungen. Manche erscheinen mehrmals pro Woche, eine bereits täglich. Als Vermittler von Information und Meinungen sind sie nun unverzichtbar.

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