Medienpsychologie Bekenntnisse eines Trump-Süchtigen

Was ist an Donald Trump so faszinierend? Warum wird ein Buch zum Bestseller, in dem Dinge stehen, die man längst wusste? Warum ist jeder Tweet ein Aufreger? Die Medienpsychologie hat Antworten parat.

US-Präsident Donald Trump
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US-Präsident Donald Trump

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"Eine der auffälligsten Eigenschaften der neuen Massenmedien - Radio, Fernsehen und Kino - ist, dass sie die Illusion einer persönlichen Beziehung zum Darsteller erzeugen. Auf den Darsteller wird analog reagiert wie auf jemanden aus der eigenen Bezugsgruppe. Man begegnet den entferntesten und berühmtesten Männern, als entstammten sie dem eigenen Freundeskreis."
Donald Horton und Richard Wohl, " Mass Communication and Parasocial Interaction: Observations on Intimacy at a Distance " (1956)

Ich gebe es zu: Ich konnte es kaum erwarten. Als am 5. Januar Michael Wolffs Buch "Fire and Fury" herauskam, auch als Hörbuch, habe ich es sofort gekauft und heruntergeladen. Mit der Ausrede mir selbst gegenüber, dass Trump versuchen würde, das Buch verbieten zu lassen und es deshalb sinnvoll sein könnte, sich ein Exemplar zu sichern.

In Wahrheit wollte ich es einfach lesen und hören. Und zwar sofort. Ab diesem Freitag, den 5. Januar hat mich die Stimme des Hörbuchsprechers Holter Graham knappe zwölf Stunden durch den Alltag begleitet, in der Bahn, im Auto, abends im Bett. Wolffs Buch ist geschrieben wie ein Roman, und ich konnte nicht aufhören, mir diese eigentlich doch entsetzlichen Geschichten über die Dysfunktionalität des Weißen Hauses unter Trump anzuhören. Obwohl sie mir eigentlich kaum Neues brachten, sondern nur bestätigten, was man längst wusste: Dass Trump ein "narzisstischer, von Faktenwissen unbeleckter Trickbetrüger" ist, wie es in dem anderen dieser Tage erscheinenden Trump-Buch von David Cay Johnston heißt.

Ich kann nicht aufhören, hinzustarren

Dass Trump so ist, konnte man schon vor der Wahl aufgrund seiner zahlreichen öffentlichen Äußerungen vermuten. Das Bild verfestigte sich bei seiner grotesken Rede im CIA-Hauptquartier am Tag nach seiner Amtseinführung. Und dann lieferte der Präsident ein ums andere Mal weiteres Material, in Interviews wie dem mit dem britischen "Economist" etwa und bei nahezu jedem öffentlichen Auftritt.

Eigentlich weiß man längst mehr als genug über den Mann, und nichts davon stimmt einen sonderlich hoffnungsvoll. Der gefühlten Pflicht des demokratischen Bürgers eines europäischen Staates, über den aktuellen US-Präsidenten halbwegs informiert zu sein, haben wir alle längst genüge getan. Noch mehr über die Details der trumpschen Dysfunktionen zu erfahren, hilft nicht weiter, könnte man argumentieren. Es steigert höchstens die Angst vor dem, was er anrichten könnte und kann. Und trotzdem können wir nicht aufhören, hinzustarren. Ich jedenfalls kann es nicht.

Haben Sie schon einmal ihren Fernseher angebrüllt?

Nun könnte man sagen, die Motivation für diese obsessive Beschäftigung mit Trump sei etwa so wie das Verhalten von Gaffern bei Verkehrsunfällen: Es ist schrecklich, aber man kann den Blick nicht abwenden, in der perversen Hoffnung, ein noch schrecklicheres Detail zu erspähen.

Ich glaube aber, die Trump-Besessenheit, die ich meiner Wahrnehmung nach mit vielen anderen Menschen teile, hat noch einen anderen, komplexeren Grund: Trump ist in unserer Wahrnehmung nicht nur ein realer Politiker, sondern auch ein fiktiver. Als Medienfigur, als "Persona", wie das in der Medienpsychologie genannt wird, hat er Wahlkampf gemacht, und als Medienfigur übt er, wenn man das so nennen kann, sein Amt aus. Nach den fiktiven Präsidenten in den TV-Serien "The West Wing" und "House of Cards" sitzt jetzt eine Persona im Oval Office, die es an Unterhaltungswert locker mit den fiktiven Vorgängern aufnehmen kann.

Solche Personas, so formulierten es die Schöpfer des Konzeptes, die Psychologen Donald Horton und Richard Wohl, "können buchstäblich mit einer Gruppe von Fremden Intimität erreichen". Die beiden nannten das, was da passiert "parasoziale Interaktion": Obwohl wir genau wissen, dass wir es mit einer Schauspielerin oder einem Nachrichtensprecher zu tun haben, verhalten wir uns so, als fände ein tatsächlicher Austausch zwischen uns, den Zuschauern und der Medienperson statt. Jeder, der schon einmal seinen Fernseher angebrüllt hat, weiß, wovon hier die Rede ist.

Irgendwie redet er doch auch mit uns. Oder?

Auf Donald Trump übertragen bedeutet das: Wir alle haben uns schon so intensiv mit dem Mann auseinandergesetzt, dass wir der Illusion erliegen, tatsächlich eine Beziehung zu ihm zu haben. Das wird durch einen Faktor noch verstärkt, der, als Horton und Wohl ihre Theorie formulierten, noch nicht einmal in Sicht war: die sozialen Medien. Mit jedem Trump-Tweet, den wir nicht ignorieren, obwohl wir das wirklich sollten, vertiefen wir die parasoziale Interaktion mit dem Narzissten im Weißen Haus. Schließlich redet er ja, irgendwie, auch mit uns. Man kann ihm jetzt sogar antworten und wer weiß, vielleicht liest der so von seinem Bild in der Öffentlichkeit Besessene diese Antworten ja sogar. Irgendwas muss er ja machen, während der vielen Stunden, die er im Bett vor seinen Fernsehern verbringt.

Ein weiteres erhellendes Konzept, das dem Verständnis des Phänomens Trump dienen kann, stammt von Dolf Zillmann, einem der renommiertesten Medienpsychologen der Gegenwart. In seinem 1996 erschienenen Text mit dem Titel "Die Psychologie der Spannung in der dramatischen Darstellung" geht es um die Frage, warum wir Spannung in Film und Fernsehen eigentlich mögen - obwohl sie doch auf Unsicherheit basiert, und Unsicherheit doch eigentlich "besonders dann, wenn sie hoch ist, vermutlich keine freudigen Reaktionen hervorruft".

Zillmanns Erklärung für unser Spannungserleben in Bezug auf Unterhaltungsformate lautet, verkürzt: Wir entwickeln gegenüber den Charakteren in solchen Formaten eine "affektive Disposition". Oder einfacher formuliert: Wir mögen Filmfiguren entweder, oder wir können sie nicht leiden. Bei ungeliebten, womöglich verabscheuten Charakteren hoffen wir auf angemessene Bestrafung, für geliebte Figuren wünschen wir uns ein Happy End. Wenn das eintritt, freuen wir uns. Und weder das eine noch das andere hat reale Auswirkungen für uns.

Die schlaueren Medienproduktionen der Gegenwart, von den "Sopranos" bis "Breaking Bad" spielen mit diesem Prinzip, indem sie uns Figuren vorführen, für die wir gleichzeitig Sympathie empfinden, während wir ihre tatsächlichen Handlungen verabscheuen. Hoffnung auf Bestrafung plus Hoffnung auf Rettung = doppeltes Spannungserleben.

Der Gorilla-Sender war erfunden, das mit der "Shark Week" aber wohl nicht

Ich vermute und befürchte, dass zumindest ich selbst auch gegenüber dem leider allzu realen Donald Trump eine solche affektive Disposition entwickelt habe, und zwar eine ziemlich eindeutige: Ich will ihn scheitern sehen, und zwar lieber früher als später. Das hat handfeste politische Gründe, die ich hier jetzt nicht noch mal ausführen muss, seinen Rassismus etwa, seine Haltung zum Klimawandel, seine Wissenschaftsfeindlichkeit, seine Verachtung gegenüber Medien, die ihm nicht zu Willen sind, seine ständigen Lügen und natürlich das Risiko, dass der Mann mit dem großen Atomknopf womöglich doch noch einen nuklearen Krieg auslöst.

Aber meine - und Ihre? - Besessenheit vom Phänomen Trump liegt eben vermutlich auch an etwas anderem: Daran nämlich, dass dieser Präsident, der sich so aberwitzig verhält, dass zwischen Satire - zum Beispiel der Mär vom angeblich für Trump eingerichteten Gorilla-Fernsehsender - und Realität - etwa Trumps dokumentierter Besessenheit vom Thema Haifische - kaum mehr zu unterscheiden ist.

Vermutlich macht das die auch für seine wütendsten Gegner unwiderstehliche Anziehungskraft Donald Trumps aus: Er scheint gleichzeitig real und fiktiv. Es ist zu hoffen, dass US-Wähler sich bei den Midterm-Elections im November trotzdem nicht von ihrem Bedürfnis nach Unterhaltung leiten lassen.

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insgesamt 52 Beiträge
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hausierer 21.01.2018
1. Das dumme Volk läßt sich aufwiegeln....
und merkt nicht, dass hier zwei elitäre " Strömungen " gegeneinander kämpfen wobei sich allerdings die Anti Trump Hexenjäger dadurch auszeichnen, dass sie die Medien voll im Griff haben und somit gezielt und organisiert permanent gegen Trump hetzen...diese Fraktion hält sich für den besseren Teil der Menschheit, unterscheidet sich aber im eingeschränkten Denken kaum von Trump und Co....das hat es in dieser Form noch nie gegeben, dass sich sogar deutsche Medien trauen gegen einen amerikanischen Präsidenten zu schießen... Aber die Hexenjagd ist eingeläutet, da wird aus einem Islam Kritiker ein Islam " Hasser " formuliert und alle " Andersdenkenden " als rechtslastig verunglimpft...Salem liegt in den USA und die damligen Vorkomnisse könnten sich schnell wiederholen, wenn es so weitergeht, liebe Journalisten...
keine-#-ahnung 21.01.2018
2. Ich kenne einige Leute ...
"Ich gebe es zu: Ich konnte es kaum erwarten. Als am 5. Januar Michael Wolffs Buch "Fire and Fury" herauskam, auch als Hörbuch, habe ich es sofort gekauft und heruntergeladen. Mit der Ausrede mir selbst gegenüber, dass Trump versuchen würde, das Buch verbieten zu lassen und es deshalb sinnvoll sein könnte, sich ein Exemplar zu sichern. In Wahrheit wollte ich es einfach lesen und hören. Und zwar sofort." ... denen es beim Erscheinen bspw. eines Harry-Potter-Romans ähnlich ging. Verstanden habe ich das nie ... liegt vermutlich daran, dass ich nie einen Harry-Potter-Roman gelesen habe. "Wolffs Buch ist geschrieben wie ein Roman, und ich konnte nicht aufhören, mir diese eigentlich doch entsetzlichen Geschichten über die Dysfunktionalität des Weißen Hauses unter Trump anzuhören. Obwohl sie mir eigentlich kaum Neues brachten, sondern nur bestätigten, was man längst wusste" Allerdings kenne ich Niemanden, der die Muggels als wirklich existent betrachtet hat. Hier scheint die Entwicklung ins Mystische weiter gegangen zu sein ... höchste Zeit für die Therapeutencouch!
wolfgang4430 21.01.2018
3. Es ist hauptsächlich eine Frage..
der Intelligenz der Waehler. Der durchschnittliche Amerikaner ist nicht interessiert welchen Einfluss die Politik im Ausland aufgenommen wird, ist nicht interessiert ob die USA am Klimaakkord teilnimmt, oder ob die Einwanderungsgesetze geaendert werden - kurz Politik ist fuer diese Gruppe ein Fremdwort. Trump spricht die Sprache der Massen - man kann ihn verstehen. Obama mit seinen wohl gewählten Worten war fuer die Masse zu artikuliert - man verstand ihn nicht. Das Phänomen Trump liegt in der Einfachheit oder besser Einfältigkeit und Massenpsychose. In meiner Firma habe ich Leute interviewed die nicht wussten wo Deutschland auf einer Landkarte zu finden ist - dies ist symptomatisch fuer den Durchnittamerikaner. Es ist traurig aber wahr!
alexlen 21.01.2018
4. Hilfe, ich bin auch süchtig
Vielen Dank für diesen lustigen Kommentar. Ja, ich bekenne es: Ich gehöre auch zu den Süchtigen. Manchmal spiele ich sogar mit dem Gedanken, einen Entzug zu machen. Aber dann merke ich, dass mein Tag total langweilig wird, wenn ich nicht mindestens einmal am Tag mit Hilfe von New York Times oder Washington Post (an ganz schlimmen Tagen sogar mit dem @RealDonaldTrump-Twitter-Account) meinen Puls in die Höhe getrieben habe. Es ist ähnlich, wie die große Opium-Krise in den USA, nur dass es halt die große DonaldTrump-Krise ist, und dass es sich vermutlich um ein weltweites Phänomen mit Milliarden von Abhängigen handelt. Wie soll das nur weitergehen? ... Morgen fange ich mit einem ernsthaften Entzug an. Oder übermorgen.
hardeenetwork 21.01.2018
5. Trump kann Trump
Trump kann Trump sein. Kann doof sein, ungebildet, neurotisch, egozentrisch, rassistisch etc. Aber er darf KEIN Präsident sein.
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