Medikamenten-Skandal Der skrupellose Kampf um die Vioxx-Patienten

Aus dem Desaster des Merck-Schmerzmittels Vioxx versuchen nun die Konkurrenten Gewinn zu schlagen. In Broschüren für die Branche wirbt Pfizer zum Beispiel für die schnelle Umstellung auf seine Produkte. Experten halten die Kampagne für unverantwortlich, da die Vioxx-Risiken auch für die Pfizer-Produkte gelten könnten.

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Schmerzmittel Vioxx: Kampf um den Rezeptblock
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Schmerzmittel Vioxx: Kampf um den Rezeptblock

Besuche von Pharmareferenten gehören für deutsche Hausärzte und Klinikchefs zum Alltag. Fast jeden Tag melden sich die netten Herren und Damen mit ihren bunten Broschüren in deutschen Praxen und Krankenhäusern. Mit kleinen Geschenken an die Ärzte und engelsgleicher Geduld beim Warten auf einen Termin in oder nach der Sprechstunde versuchen die Handelsvertreter in Sachen Gesundheit die Ärzte von den Produkten ihres Auftraggebers zu überzeugen, damit die Mittel möglichst oft verschrieben werden.

Bei den letzten Besuchen von Pfizer-Vertretern wurde so mancher Mediziner stutzig. "Kaum war der Vioxx-Skandal da, standen auch schon die ersten Vertreter bei mir auf der Matte", erinnert sich ein Berliner Arzt. Um was es bei den spontan angesetzten Besuchen ging, wurde recht schnell klar. "Der Vertreter fragte mich sofort, was ich nun mit meinen Vioxx-Patienten machen wolle und empfahl mir eine rasche Umstellung auf die Produkte von Pfizer." So sollten die Patienten doch statt Vioxx ab jetzt die Pfizer-Produkte Celebrex und Bextra gegen ihre Schmerzen nehmen.

Ähnliche Resultate mit anderen Nebenwirkungen?

Nach dem Vioxx-Skandal sollen nun offenbar die Kassen bei Pfizer lauter klingeln als zuvor. Denn Ende September nahm die US-Firma Merck & Co. Inc. ihr Medikament Vioxx überraschend vom Markt, da Studien schwere Nebenwirkungen erwiesen hatten. Seitdem stehen Hunderttausende Schmerzpatienten in Deutschland und weltweit vor der Frage, auf welches Medikament sie umstellen sollen.

Experten sehen derzeit eine regelrechte Überflutung des Marktes mit angeblich neuen und vor allem vermeintlich unschädlichen Produkten. Merck selber wirbt seit der Rücknahme von Vioxx schon mal für sein Nachfolgeprodukt Arcoxia, das keine der jetzt bekannt gewordenen Nebenwirkungen haben soll. Bei einigen Ärzten werden plötzlich Vertreter vorstellig, die für Naturprodukte wie Haifischknorpel oder Muschelmehl werben. Die Lücke von Vioxx scheint die Konkurrenz auf dem hart umkämpften Markt der Schmerzkiller neu belebt zu haben. "Da herrscht eine Mentalität wie beim Leichenfleddern", beschreibt ein Arzt den Kampf um die Rezeptblöcke.

Die Pfizer-Kampagne mit dem Vioxx-Faktor ist hingegen generalstabsmäßig vorbereitet. Kaum war das Medikament vom Markt genommen, schrieben die deutschen Pfizer-Chefs am 7. Oktober Tausende Kunden in der Branche unter der Betreffzeile "Marktrücknahme von Vioxx" an. In dem Brief, der SPIEGEL ONLINE vorliegt, kommen die Verfasser schnell zur Sache. "Celebrex und Bextra sind Therapieoptionen, wenn sie ihre Vioxx-Patienten umstellen müssen", heißt es da.

Pfizer: "Sachlich und informativ" berichtet

Dann erläutern sie ihren potenziellen Neukunden, dass die beiden Pfizer-Produkte keineswegs die Risiken von Vioxx haben. Aktuelle Studien kämen zu dem Ergebnis, dass die Anzahl von Infarkten bei Bextra im Gegensatz zu älteren Wirkstoffen "insgesamt sehr gering war", so das Schreiben. Auf Anfrage erklärte eine Pfizer-Sprecherin, man wolle mit der Kampagne lediglich "sachlich und informativ" über Alternativen zu Vioxx berichten.

Die Direkt-Ansprache ist nur ein Teil der Pfizer-Strategie. Intern verteilte das Unternehmen an seine Referenten ein Memo für die Gespräche mit den Ärzten. In dem elfseitigen Papier, das SPIEGEL ONLINE vorliegt, liefern die Pharmachefs ihren Werbern Fakten, wie sie Ärzte von einem Wechsel zu Pfizer-Pillen überzeugen sollen.

Eindeutig nimmt das Schreiben dabei Bezug auf die Rücknahme von Vioxx, zu der sich die Referenten gegenüber den Ärzten jedoch nicht direkt äußern sollen. Dennoch sollen sie sie anhand der skizzierten Gesprächsabläufe davon überzeugen, dass ein Wechsel zu den Pfizer-Produkten für die Vioxx-Patienten das Beste sei.



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