Medizin Forscher vermelden Stammzellfund in Menstruationsblut

US-Mediziner haben im Menstruationsblut von Frauen eine neue Art von Stammzellen entdeckt und daraus angeblich neun verschiedene Gewebearten gezüchtet. Obwohl es Zweifel an der Studie gibt, wird der Ansatz schon kommerziell genutzt: Frauen können ihr Blut für Geld einfrieren lassen.

Von


Für viele Frauen ist die monatliche Blutung ein Ärgernis, mitunter sogar ein äußerst schmerzhaftes. Für die Manager der Firma Cryo-Cell ist sie eine lukrative Sache, mit der sich womöglich eine Menge Geld verdienen lässt. Das Unternehmen mit Sitz in Oldsmar im US-Bundesstaat Florida verkauft allerdings nicht etwa Tampons oder Einlagen, vielmehr will es das Blut aus der Gebärmutterschleimhaut Dutzende Grad unter Null einfrieren. Mindestens 500 US-Dollar kostet die Einlagerung in Spezialkühlschränken - zahlen sollen die Frauen.

Stammzellenbank (in Großbritannien): Neue Quelle für gesuchte Zellen im Blut?
REUTERS

Stammzellenbank (in Großbritannien): Neue Quelle für gesuchte Zellen im Blut?

Was zunächst wie ein absurder Plan klingt, ist ein kalkuliertes Geschäft mit der Hoffnung. Man könnte auch sagen: ein Geschäft mit der Angst. Denn Cryo-Cell behauptet, in dem Menstruationsblut einen "neuen, einzigartigen Typ von Stammzellen" entdeckt zu haben, die eines Tages das Potential haben könnten, Herzkrankheiten, Alzheimer, Diabetes oder Verletzungen am Rückenmark heilen zu können. Lagern Sie Ihr Blut ein, solange Sie noch eine Monatsblutung haben - so in etwa dürfte die Botschaft bei mancher Frau ankommen.

Die Ergebnisse einer anderen Forschergruppe scheinen die bislang in keinem wissenschaftlichen Journal veröffentlichten Cryo-Cell-Aussagen nun zu bestätigen: Man habe eine neue Art Stammzellen in Menstruationsblut gefunden, berichtet ein kanadisch-amerikanisches Team im frei zugänglichen Fachblatt "Journal of Translational Medicine".

Schlagende Herzmuskelzellen

Xiaolong Meng vom Bio-Communications Research Institute in Wichita (US-Staat Kansas) und seine Kollegen schreiben, dass sich die Zellen zu mindestens neun Gewebearten entwickelt hätten. Schon aus fünf Millilitern Blut einer gesunden Frau ließen sich genug Zellen gewinnen, die nach zwei Wochen Zellkultur schlagende Herzmuskelzellen bildeten. Der einfache Zugang zu den neu entdeckten Stammzellen könne die Behandlung von zerstörtem Gewebe erleichtern, erklärten die Wissenschaftler.

Schon seit Jahren fahnden Mediziner nach körpereigenen Stammzellen, aus denen sich alle möglichen Gewebearten züchten lassen. Der Vorteil liegt auf der Hand: Abstoßungsreaktionen sind sehr unwahrscheinlich, die Zellen wären der Ausgangspunkt für ein Ersatzteillager körpereigener Organe. Ein Weg zu solchen Zellen führt über das therapeutische Klonen, das nun immerhin schon bei Rhesusaffen geglückt ist. Das Verfahren ist jedoch kompliziert - womöglich sind Stammzellen aus dem Menstruationsblut unter Umständen ja eine brauchbarere Alternative.

Kaum ein Mediziner bezweifelt, dass Menstruationsblut brauchbare Stammzellen enthält. "Wir denken, dass in der Gebärmutterschleimhaut Stammzellen sind", sagte Andreas Ebert vom Vivantes Humboldt-Klinikum Berlin im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Sie seien in der unteren Schicht, der sogenannten Basalschicht zu finden. Die darüber liegende funktionale Schicht der Haut wird zyklisch ab- und wieder aufgebaut - so entsteht die Blutung. "Bei der Menstruation gelangen Zellen aus der Basalschicht und der funktionalen Schicht ins Blut", glaubt der Gynäkologe, und somit auch Stammzellen.

Ebert macht diese Zellen sogar indirekt verantwortlich für besonders schwere Menstruationsschmerzen, auch Endometriose genannt. Die Stammzellen würden mit dem Blut aus der Gebärmutter verschleppt. Im Bauchraum, etwa an den Eierstöcken wachse so neue Gebärmutterschleimhaut - die dann wiederum monatlich blute. Die Folge seien Krämpfe und Schmerzen.

Nach Aussagen des kanadisch-amerikanischen Teams verliefen Experimente mit den Stammzellen aus der Gebärmutterwand vielversprechend. Sie teilten sich im Labor mehr als 68 Mal und vermehrten sich dabei sehr viel schneller als etwa Stammzellen aus der Nabelschnur, berichten sie. Die neu entdeckten Stammzellen differenzierten sich unter anderem in Leber-, Fett- und Bauchspeicheldrüsenzellen sowie knochenbildende Zellen.

Zweifel an Aussagen der Forscher

Jürgen Hescheler, Stammzellexperte an der Universität Köln, hält die Studie von Mengs Team jedoch für "nicht ausreichend", um die Behauptung aufzustellen, die Zellen hätten sich in verschiedene Gewebearten differenziert. "Man hat jeweils nur ein bestimmtes Eiweiß der Zellart nachgewiesen", sagte er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Das sei kein Beweis dafür, dass es sich tatsächlich um Nerven- oder Herzmuskelzellen handelt. "Die verwendete Methodik ist einfach nicht scharf genug".

Nachgewiesen worden sei ein spezifisches Eiweiß, eine Herzzelle werde aber erst durch Tausende Eiweiße zu einer funktionierenden Herzzelle. Bei der angeblich schlagenden Herzmuskelzelle könne es sich genauso gut um eine defekte Zelle handeln oder eine Skelettmuskelzelle, erklärte Hescheler. Bei den Nervenzellen hätte man beispielsweise funktionelle Eigenschaften zeigen müssen. Der Mediziner wertet die Arbeit lediglich als "ersten Hinweis darauf, dass die Zellen interessant sein können".

"Wenn man Stammzellen aus dem Menstruationsblut gewinnen könnte, dann wäre das eine Gelddruckmaschine", sagte der Berliner Gynäkologe Ebert. So ähnlich sehen das die Entdecker der Menstruations-Stammzellen offenbar auch: Drei der Autoren sind Mitinhaber der Firma Medistem Laboratories, welche ihre Forschungsarbeit auch finanziert und die Ergebnisse kommerziell verwerten soll.

Bei der Firma Cryo-Cell, die eine kommerzieller Blutblank betreibt, hofft man gleichwohl schon jetzt auf große Geschäfte. Auf der Webseite celle.com werden die Möglichkeiten und Chancen des Einfrierens von Menstruationsblut ausführlich beschrieben, und natürlich das Verfahren, mit dem das Menstruationsblut in die Spezialkühlschränke verfrachtet werden soll. Nach der Bestellung bekomme man per Kurierpost ein "attraktives, diskretes Sammelkit" einschließlich eines Gutscheins für die Rücksendung ins Labor.

500 Dollar kostet das Einfrieren einer Blutration im ersten Jahr, danach jährlich 100 Dollar. Wer Blut aus vier verschiedenen Zyklen einlagern möchte, muss einmalig 1600 Dollar und danach pro Jahr 200 Dollar zahlen. "Selbst ein einziger Zyklus hat das Potential für Millionen von Stammzellen", sagte Stephen Noga vom Sinai Hospital of Baltimore, der auch für Cryo-Cell tätig ist.

Peter Baude, Gynäkologie-Professor vom Londoner Kings College, hält jedoch nicht allzu viel von dem Einfrierangebot seiner US-Kollegen: "Das ist alles hypothetisch" sagte er der Webseite BBC News. "Ich sehe keinen Grund, warum man Menstruationsblut sammeln sollte." Besonders ärgere den Forscher, dass die Unsicherheit der Menschen zu Geld gemacht werden solle. Mercedes Walton, Chef von Cryo-Cell, wies diesen Vorwurf zurück: "Das ist kein Geschäft mit der Angst. Stammzellforschung ist real".



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.