Medizin Forscher wollen Stammzellen ohne Embryotod gewonnen haben

Wer embryonale Stammzellen herstellen kann, ohne dabei den Embryo zu töten, der hätte die Stammzellforschung von ihrem größten ethischen Dilemma befreit. US-amerikanische Forscher berichten nun, das geschafft zu haben. Allerdings hatten dieselben Wissenschaftler das 2006 schon einmal behauptet.

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Haben sie oder haben sie nicht? Einem Team von Wissenschaftlern der US-Biotechnologie-Firma Advanced Cell Technology (ACT) und der University of California will embryonale Stammzellen gewonnen haben, ohne dabei den Embryo zu beschädigen oder gar zu töten.

Es wäre eine Sensation und ein Befreiungsschlag für einen der hoffnungsträchtigsten Zweige der Medizin, wenn sich die Methode der Wissenschaftler als reproduzierbar und brauchbar erweisen sollte. Denn bislang können die Wissenschaftler die so heiß begehrten Wunderzellen nur unter Verlust des Embryos erzeugen. Die Forschung an diesen Zellen unterliegt daher in vielen Ländern strengen Auflagen - so auch Deutschland, das eines der schärfsten Gesetze hat, was die Forschung an embryonalen Stammzellen angeht.

Ähnlich wie bei Tests für Fehlbildungen bei künstlicher Befruchtung hatten die Wissenschaftler um Robert Lanza einem Embryo eine einzelne Stammzelle entnommen und diese mittels eines Proteins namens Laminin in ihrem pluripotenten Zustand gehalten. Laminin ist ein Bindegewebsprotein, das die Zelle stabilisiert. Der Embryo wurde dabei nach Angaben der Forscher nicht beschädigt und entwickelte sich normal weiter. Die Effizienz war dabei gut, schreiben die Forscher: Aus rund jeder fünften entnommenen Zelle gewannen sie eine Stammzelllinie. Die Ergebnisse ihrer Untersuchungen veröffentlichten die Forscher in dem Fachmagazin "Cell Stem Cell".

Auf embryonalen Stammzellen ruhen enorme Erwartungen: Wissenschaftler hoffen, mit ihnen einmal neue Organe züchten und Krankheiten wie Parkinson und Diabetes heilen zu können. Wenn da nur nicht dieser ethische Makel wäre, der den embryonalen Stammzellen anhaftet. Robert Lanza, Vizepräsident für Forschung und Entwicklung bei ACT, der die neue Methode mitentwickelt hatte, sagte: "Innerhalb der kommenden Monate könnten wir so viele dieser Zellen herstellen, wie wir wollen."

Advanced Cell Technology? Robert Lanza? Das weckt ungute Erinnerungen: Im August 2006 hatte Lanza mit einer Veröffentlichung im Fachmagazin "Nature" für enormen Wirbel gesorgt. Schon damals hatte er berichtet, es sei ihm gelungen, embryonale Stammzellen ohne den Tod des Embryos zu gewinnen. Doch es stellte sich heraus: Bei den Experimenten waren die Embryonen zerstört worden, Lanza hatte seine Ergebnisse zwar nicht gefälscht, aber missverständlich und überzogen dargestellt. "Nature" selbst sah sich daraufhin gezwungen, seine eigenen Pressemitteilungen zu korrigieren. Das Magazin betonte aber, dass die Forscher keinerlei falsche Angaben gemacht hätten.

Stammzellen nach künstlicher Befruchtung

Nun diesmal also wirklich der Durchbruch? Nach Meinung Jürgen Heschelers, der an der Universität Köln an embryonalen Stammzellen forscht, ist an der Arbeit Lanzas und seiner Kollegen fachlich und methodisch nichts auszusetzen. "Sollte sich die Methode als reproduzierbar und praktikabel erweisen, könnte das in der Tat die Lösung der gesamten ethischen Debatte sein", sagte Hescheler im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Er erhofft sich, dass die embryonale Stammzellforschung in Deutschland dann auch wieder an Auftrieb gewinnen wird.

Als einer der ersten Anwendungen dieser Methode sieht Hescheler die Möglichkeit, Familien, die eine künstliche Befruchtung haben vornehmen lassen, anzubieten, vor der Einpflanzung des Embryos in die Gebärmutter Stammzellen für das Kind ableiten und einfrieren zu lassen. "Das wäre wesentlich eleganter als das Einfrieren von Nabelschnurblut", meint Hescheler. Diesen Service bieten Firmen schon jetzt Familien nach der Geburt eines Kindes an - in der Hoffnung, für das Kind irgendwann einmal bei Bedarf aus dem Nabelschnurblut embryonale Stammzellen für therapeutische Zwecke gewinnen zu können.

Embryonale Stammzellen aus Embryonen sind aber nicht der einzige Weg, den Stammzellforscher gehen: Vor kurzem erst war es zwei Teams von Wissenschaftlern gelungen, Stammzellen aus umprogrammierten Hautzellen zu erzeugen.

Mit Material von AFP



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