Medizin im Netz Nutzer suchen Rat auf menschelnden Seiten

Erst Erfahrungsberichte und der Rat von Betroffenen machen medizinische Internetportale für Nutzer vertrauenswürdig. Vollständige Informationen sind nicht nur weniger wichtig, sie schrecken viele Leser sogar ab, haben britische Forscher herausgefunden.

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Der Klick auf eine Seite muss belohnen: Nicht mit hochqualitativen Analysen, vollständigen Studienergebnissen oder drögen Zahlen. Internet-User wollen bei der Suche nach Antworten auf ihre medizinischen Fragen vor allem eines: menschelnde Geschichten. Das ist zumindest das Ergebnis einer Studie von britischen Psychologen der Northumbria University in Newcastle upon Tyne.

Medizinischer Rat im Internet: Persönliche Geschichten wirken vertrauenswürdig

Medizinischer Rat im Internet: Persönliche Geschichten wirken vertrauenswürdig

Eine Website wird demnach besonders häufig als vertrauenswürdig angesehen, wenn sie Berichte von Gleichgesinnten liefert, Ratschläge verteilt und zudem noch übersichtlich ist. Für ihre Untersuchungen beobachteten die Wissenschaftler um Pamela Briggs zunächst das Leseverhalten von Internet-Usern. Diese gehörten drei Gruppen an: Frauen in den Wechseljahren, die sich über Kosten und Risiken einer Hormonersatz-Therapie informieren wollten, Patienten mit Bluthochdruck, die Angaben zu Ursachen und Therapien sammelten und Gesunde, die ihre Fitness und Ernährung verbessern wollten.

Viermal kontrollierten die Forscher zwei Stunden lang die Recherchen der Probanden im Internet, sie protokollierten die besuchten Seite, filmten und befragten die Teilnehmer. Danach schickten die Wissenschaftler an 2000 andere Nutzer von medizinischen Internetportalen Fragebögen, in denen die Befragten unter anderem Auskunft darüber angeben mussten, welche Seiten sie für vertrauensvoll hielten.

"Leichter Zugang ist extrem wichtig"

Die Verlierer im Minenfeld der Gesundheitsportale waren Pharmafirmen und die Seiten der britischen Gesundheitsbehörde NHS. "Werbung schreckt die Menschen stark ab", erklärte Briggs. "Auf Industrieseiten finden sich zwar oft sehr genaue Angaben, aber die Nutzer hinterfragen vor allem die Hintergedanken der Verfasser. Objektivität ist ein wichtiges Kriterium, um Vertrauen zu bilden."

Auch die NHS-Seiten blieben nie lang auf dem Bildschirm der Probanden. Der Grund: Meist waren die Angaben zu ausführlich und unübersichtlich. "Die Leute haben keine Geduld, lange auf einer Seite nach Informationen zu suchen", sagte Briggs. "Ein leichter Zugang ist extrem wichtig."

Doch selbst auf gut sortierten Portalen verweilten die Teilnehmer nicht besonders lang, wenn nicht persönliche Geschichten darauf zu finden waren. Erst Erfahrungsberichte von Betroffenen in ähnlichen Situationen, die über bekannte Sorgen und Probleme berichteten, machten eine Seite den Analysen der Wissenschaftler zufolge vertrauenswürdig.

Design beeinflusst Verhalten

Das bringe aber auch Gefahren mit sich, argumentieren die Forscher: So könnten sich etwa junge Menschen mit Magersucht und Bulimie über das Internet neue Identifikationsfiguren suchen. So werde das Gegenteil des gewünschten Ziels erreicht. In Deutschland sucht bereits jeder Dritte Rat im Internet bei gesundheitlichen Problemen, wie eine aktuelle Erhebung des europäischen Statistikamtes Eurostat ergab. Dabei geraten die Nutzer allerdings nicht immer an die richtigen Informationen. Vor allem wenn es um online-Bestellungen von Medikamenten geht, rät etwa das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte zu großer Vorsicht, da häufig Plagiate ohne Wirkstoffe oder sogar mit toxischen Substanzen vertrieben werden.

In der dritten Phase der Studie wendeten die Forscher ihre Ergebnisse an. Dafür statteten sie Websites mit Eigenschaften aus, die ihren Untersuchungen zufolge entweder als vertrauenswürdig galten oder die User abgeschreckt hatten. Die Versuchsseiten enthielten Informationen über die Folgen von hohem Alkoholkonsum. 80 Teilnehmer, die entweder mäßig oder viel Alkohol tranken, testeten die angebotenen Informationen und beantworteten anschließend Fragen dazu. Demnach hatten die als möglichst vertrauenswürdig gestalteten Portale einen stärkeren Einfluss auf das Konsumverhalten als die anderen.



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