Medizin Kurzatmigkeit und Bauchfett zeigen Herztod-Gefahr

Mediziner glauben, dass weltweit dreimal mehr Menschen vom Herzinfarkt bedroht sind als bisher vermutet - weil ein falsches Maß für die Körperfülle benutzt werde. In einer weiteren Studie stellte sich heraus, dass auch Kurzatmigkeit den Herztod ankündigen kann.


London/Los Angeles - Der Body Mass Index, kurz BMI, galt bisher als bestes Maß, um die Folgen der Körperfülle für die Gesundheit einzuschätzen. US-Forscher stellen den Glauben an den BMI nun allerdings in Frage, zumindest was seine Aussagekraft über das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen angeht.

Übergewichtiger Mann: Das Herz mag kein Bauchfett
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Übergewichtiger Mann: Das Herz mag kein Bauchfett

Mediziner sind sich weitgehend einig darüber, dass Fettleibigkeit das Risiko von Herzkrankheiten steigert. Allerdings stammen entsprechende klinische Studien vor allem aus Europa und Nordamerika. Salim Yusuf von der kanadischen McMaster University und seine Kollegen aber wollten testen, ob bei anderen Völkern andere Größen ein besseres Maß für das Herzinfarktrisiko sind als der BMI.

Das Ergebnis: Das Herzinfarktrisiko durch Übergewicht lässt sich am besten am Umfang von Taille und Hüfte ablesen, schreiben die Wissenschaftler im Fachblatt "The Lancet" (Bd. 366, S. 1640). Das führe dazu, dass rund drei Mal so viele Menschen als herzinfarktgefährdet eingestuft werden müssten wie bisher auf Basis des BMI. Der Body-Mass-Index berechnet sich aus dem Körpergewicht in Kilogramm, geteilt durch die Körpergröße in Metern zum Quadrat. Als normal gilt ein BMI zwischen 18,5 und 25.

Die Forscher untersuchten den BMI sowie den Taillen- und Hüftumfang bei mehr als 27.000 Probanden aus 52 Ländern. Die Hälfte der Teilnehmer hatte zuvor einen Herzinfarkt, die andere Hälfte nicht, war aber in Alter und Geschlecht vergleichbar. Die Wissenschaftler stellten fest, dass der BMI bei den Herzinfarkt-Patienten im Mittel nur leicht höher war als in der Kontrollgruppe. Gar keinen Unterschied gab es im Mittleren Osten und in Südasien.

Die Herzinfarktpatienten hatten jedoch unabhängig von anderen Risikofaktoren ein auffallend höheres Verhältnis von Taillen- zu Hüftumfang. Diese Beobachtung gilt für Männer und Frauen, für alle Altersgruppen und in allen untersuchten Regionen. Ein großer Taillenumfang deute auf viel gesundheitsgefährdendes Bauchfett, erläutern die Forscher. Ein größerer Hüftumfang sei dagegen ein Hinweis auf tiefer liegende Muskeln und wirke schützend.

"Unsere Ergebnisse weisen darauf hin, dass eine umfangreiche Neubewertung bei der Bedeutung der Fettleibigkeit für Herz-Kreislauf-Erkrankungen in vielen Regionen der Welt nötig ist", meint Yusuf.

Kurzatmigkeit weist auf drohenden Herztod hin

In einer weiteren Studie stellte sich heraus, dass auch Kurzatmigkeit ein Indikator für ein erhöhtes Risiko von Herzkrankheiten sein kann. Wissenschaftler vom Cedars-Sinai Medical Center in Los Angeles schreiben in der aktuellen Ausgabe des "New England Journal of Medicine", dass Kurzatmigkeit sogar auf eine höhere Gefahr hinweisen kann als die für Herzleiden typischen Schmerzen.

Daniel Berman und seine Kollegen haben die Krankenakten von 18.000 Patienten ausgewertet, die auf Herz-Kreislauf-Symptome untersucht worden waren. Dabei fanden die Forscher heraus, dass Probanden, die zwar kurzatmig waren, aber keine weiteren Anzeichen eines Herzleidens zeigten, ein viermal höheres Herztod-Risiko hatten als beschwerdefreie Patienten. Selbst gegenüber Menschen, die über Brustschmerzen klagten, war das Herztod-Risiko der Kurzatmigen noch doppelt so hoch.

"Patienten nehmen Kurzatmigkeit nicht als ernstes Symptom war", erklärt Berman. Aber insbesondere bei Herz-Kreislauf-Risikopatienten, die keine Lungenkrankheit haben, könnte Kurzatmigkeit das einzige Zeichen einer ernsthaften Erkrankung der Herzkranzgefäße sein.

"Ein Grund für diese Ergebnisse könnte sein, dass Ärzte Patienten mit Brustschmerzen eher zur Bypassoperation oder Gefäßdarstellung schicken als kurzatmige Patienten", meint Berman. Welcher Mechanismus das höhere Herztod-Risiko mit Kurzatmigkeit in Zusammenhang bringe, sei aber noch ungeklärt.

Studie: Medikamenten-Mix könnte Tausende Leben retten

Andere Forscher überbringen dagegen eine gute Nachricht: Eine Mischung aus Aspirin und einem Blutgerinnungshemmer könnte jährlich Tausenden Herzinfarktpatienten das Leben retten, schreiben Zhengming Chen von der britischen Oxford University und seine Kollegen ebenfalls im "Lancet" (Bd. 366, S. 1607). Die Kombination von Aspirin mit dem Wirkstoff Clopidogrel löse die gefährlichen Arterienverstopfungen bei einem Infarkt besser auf und sollte daher als Routinebehandlung erwogen werden. Clopidogrel ist auch in Deutschland zugelassen.

Chen und Kollegen haben 45.800 Herzinfarktpatienten aus 1250 Krankenhäusern in China untersucht. Zusätzlich zur täglichen Dosis Aspirin bekam die eine Hälfte der Probanden bis zu vier Wochen lang 75 Milligramm Clopidogrel am Tag, die andere Hälfte ein wirkstoffloses Scheinmedikament. Dabei zeigte sich, dass Clopidogrel die Zahl erneuter Infarkte und Schlaganfälle um neun Prozent reduzierte.

Sieben Prozent aller Todesfälle ließen sich so vermeiden, glauben die Mediziner. Eine Zunahme lebensgefährlicher Blutungen - eine der möglichen Nebenwirkungen - sei aber nicht beobachtet worden.

"Würde die frühzeitige Clopidogrel-Therapie in den Kliniken nur einer Million der jährlich zehn Millionen Herzinfarktpatienten verabreicht, würde das nach derzeitigen Erkenntnissen etwa 5000 Todesfälle sowie 5000 nicht tödliche neue Infarkte und Schlaganfälle verhindern", meint Chen.

Möglicherweise ließen sich diese Zahlen durch eine Langzeitbehandlung sogar noch steigern. Allerdings müssten Nutzen und Risiken einer solchen Langzeittherapie erst erforscht werden. Clopidogrel hatte sich bereits bei einer bestimmten Form von Herzinfarkten, die bei den untersuchten Patienten in China etwa sieben Prozent der Fälle ausmachte, als hilfreich erwiesen.



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