Medizin und Medien Wie Oralsex zur Todesgefahr aufgebauscht wird

Oralsex macht Krebs: Diese Schreckensmeldung über eine US-Studie macht derzeit global die Runde. Fellatio und Cunnilingus erhöhen das Risiko für Mund- und Rachenkrebs um ein Vielfaches, wird berichtet. Mit den Tatsachen hat das kaum etwas zu tun.

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Leser ohne Basiswissen über Medizin-Statistiken könnten nach den Meldungen über die kleine US-Studie eine gewisse Unlust verspüren. "Oralsex erhöht Risiko für Krebs", titelte der ORF auf seiner Internetseite. "Studie bringt Oralsex mit Rachenkrebs in Verbindung", meldete "USA Today". "Oralsex verbreitet Virus unter Männern und Frauen", warnte der "Houston Chronicle". "Fox News", der Rechtsausleger unter den US-Massenmedien, spielte gewohntermaßen die Speerspitze der sexuell Rechtschaffenen: Der beim oralen Verkehr übertragene Humane Papillomavirus (HPV) sei nunmehr "bewiesenermaßen einer der führenden Gründe für Rachenkrebs".

Der Grund der aufgeregten Meldungen in aller Welt ist eine Studie des Johns Hopkins Kimmel Cancer Center in den USA. Speichelproben einer (sehr überschaubaren) Gruppe von 100 Mund- und Rachenkrebspatienten wurden mit denen von 200 gesunden Menschen verglichen. Dabei habe sich herausgestellt, dass Oralsex der Hauptauslöser dieser Krebsart sei, schreiben die Forscher um Maura Gillison im Fachblatt "New England Journal of Medicine".

So zumindest interpretieren die Mediziner ihre Daten. Sie hatten die Probanden unter anderem nach deren sexuellen Vorlieben befragt. Wer von mehr als sechs Oralsex-Partnern in seinem Leben berichtete, hatte ein 8,6-mal höheres Risiko für Krebs im Zusammenhang mit einer HPV-Infektion, steht in einer Pressemitteilung der Johns Hopkins Medical Institutions.

"250 Prozent höheres Risiko"

Das britische Magazin "New Scientist" warf prompt mit beeindruckenden Prozentwerten um sich: "Wer während seines Lebens mehr als fünf Oralsex-Partner hatte, trägt ein um 250 Prozent höheres Risiko für Rachenkrebs als Menschen, die keinen Oralsex haben", steht auf der Website des Magazins, das deutsche Nachrichtenagenturen aus rätselhaften Gründen stets wie ein echtes Fachblatt unter Angabe von Ausgabe und Seitenzahl zitieren.

Zur Ehrenrettung des Magazins sei erwähnt, dass auch die Johns-Hopkins-Pressestelle hart am Rande der Seriosität entlangschrammt, indem sie mit sogenannten relativen Risiken operiert, die sich nur auf die Risikosteigerung innerhalb der Gruppe der bereits Erkrankten beziehen.

Nur kurz und ohne Nennung von Zahlen wird erwähnt, dass Mund- und Rachenkrebs an sich sehr selten ist. Das Berliner Robert-Koch-Institut geht davon aus, dass in Deutschland jährlich 13 Neuerkrankungen auf 100.000 Einwohner kommen. Damit liegt das absolute Risiko, überhaupt Mund- und Rachenkrebs zu bekommen, bei 0,013 Prozent.

Frönt man dem Oralsex, steigt die Gefahr der US-Studie zufolge um den Faktor 8,6 - also auf volle 0,11 Prozent. Das klingt deutlich harmloser als der vom "New Scientist" ins Spiel gebrachte 250-Prozent-Unterschied zwischen Oralsex-Freunden und -Abstinenzlern. Doch auch diese 8,6-fache Risikosteigerung dürfte viel zu hoch gegriffen sein. Denn zum einen bezieht sie sich nur auf jene krebskranken Studienteilnehmer, bei denen auch Papillomaviren nachgewiesen wurden - das waren 72 von 100. Zum anderen steht selbst in diesen Fällen keinesfalls fest, ob die Krebserkrankung wirklich durch die Viren oder durch etwas ganz anderes ausgelöst wurde.

Zahlreiche Ansteckungswege möglich

Die Zahlen zur HPV-Verbreitung verstärken diese Unsicherheit. Schätzungen zufolge ist fast ein Viertel aller Frauen unter 25 Jahren infiziert. Nur die wenigsten bekommen allerdings Krebs, der mit den Viren in Zusammenhang gebracht wird, etwa Gebärmutterhalskrebs. Bei den allermeisten bleibt die Ansteckung folgenlos: Schätzungen zufolge waren bis zu 60 Prozent der Gesamtbevölkerung schon einmal mit HPV infiziert und haben Antikörper im Blut.

Papillomaviren nisten sich häufig im Penis- und Scheidengewebe ein und können so beim Oralverkehr übertragen werden, schreiben Gillison und ihre Kollegen. Allerdings räumen sie ein, dass HPV nicht nur beim Oralsex, sondern auch beim vaginalen Verkehr übertragen wird. Und außerdem möglicherweise beim Küssen. Damit steht so ziemlich jeder unter HPV-Verdacht, der jemals einem anderen Menschen nähergekommen ist.

Die 28 Probanden ohne HPV-Infektion jedenfalls haben sich den Mund- und Rachenkrebs auf andere Weise zugezogen, etwa durch Alkohol- und Tabakgenuss, in denen die Mehrheit der Experten nach wie vor die Hauptverantwortlichen sieht. Auch das stellt Gillisons Team nun in Frage: HPV, so glauben die Forscher aus ihren Daten schließen zu können, sei die führende Ursache für Mund- und Rachenkrebs - "unabhängig von Tabak- und Alkoholkonsum". Schon 2004 hatte eine französische Studie einen Zusammenhang zwischen Oralsex und Krebs nahegelegt, Alkohol und Tabak aber weiterhin als Hauptauslöser genannt.

Wie groß der medizinische Erkenntniswert der Studie von Maura Gillison und ihren Kollegen ist, wird im Kommentar der finnischen Medizinerin Stina Syrjänen im "New England Journal of Medicine" deutlich: Man könne nun zumindest "einige Fälle" von Mund- und Rachenkrebs sicher mit einer HPV-Infektion in Verbindung bringen. Und man könne überlegen, ob sich eine Impfung anbiete. Freuen dürften sich darüber vor allem die Hersteller des Impfstoffs Gardasil, der als Wunderwaffe gegen Gebärmutterhalskrebs gefeiert wird.

Ob er auch bei Männern wirkt, ist laut Gillison allerdings ebenso wenig bekannt wie eine mögliche Schutzwirkung gegen Mund- und Rachenkrebs.



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