Mediziner-Bewertung Politiker begrüßen Ärzte-TÜV im Internet

Gesundheitspolitiker haben die Initiative der AOK begrüßt, dass Versicherte künftig Ärzte im Internet bewerten können. Sie fordern zugleich Objektivität und "überprüfbare Kriterien" - und zeigen damit, dass sie nicht allzu viel wissen über Bewertungsportale.

Von und Zacharias Zacharakis


Die AOK will den Ärzte-TÜV im Internet: 24 Millionen Versicherte sollen schon bald Leistung und Service der rund 185.000 niedergelassenen Mediziner und Zahnärzte online bewerten. Das Bewertungsportal "AOK-Arzt-Navigator" soll im kommenden Jahr starten und zielt angeblich auf Verbesserungen der Behandlungsqualität ab. Auch die Barmer Ersatzkasse und Techniker Krankenkasse (TK) haben Interesse gezeigt. Mediziner und Standesvertreter warnten hingegen vor einem populistischen Bewertungssystem ohne Aussagekraft. Auch Datenschützer meldeten Bedenken an.

Portal DocInsider: "Das System muss aber objektiv sein"

Portal DocInsider: "Das System muss aber objektiv sein"

Nun schalten sich Gesundheitspolitiker in die Debatte ein: "Wir glauben, dass generell mehr Transparenz und mehr Qualität der richtig Weg ist", sagte eine Sprecherin des Gesundheitsministeriums am Montag in Berlin. "Ein guter Arzt muss die Diskussion über Qualität nicht scheuen." Schließlich werde zurzeit auch über effektivere Bewertungssysteme für Krankenhäuser und Pflegeheime nachgedacht.

Der nordrhein-westfälische Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann erklärte, das Land befürworte Instrumentarien, mit denen Qualität überprüft und mehr Transparenz geschaffen werden solle. "Das System muss aber objektiv sein", forderte der CDU-Politiker in der "Rheinischen Post". Keinesfalls dürfe die Bewertungsliste zu einer "Skandalisierung im Gesundheitswesen" führen, sagte Laumann unter Anspielung auf den Wirbel um das Lehrer-Benotungsportal "Spick-mich".

Ähnliche Einschränkungen machte auch das Bundesgesundheitsministerium. Das Modell der Krankenkasse solle zusammen mit Ärzten entwickelt werden, um Stimmungsmache und Hetze im Internet zu vermeiden. Wenn "überprüfbare Kriterien" einer solchen Bewertungsseite zugrunde lägen, "dann begrüßen wir die Initiative", sagte eine Sprecherin.

Ist Objektivität möglich?

Die Frage ist allerdings, ob überhaupt ein objektives Bewertungsverfahren mit "überprüfbaren Kriterien" möglich ist. Es existieren in Deutschland bereits eine ganze Reihe solcher Ärzte-Portale - etwa Docinsider.de, Helpster.de, Imedo.de und Mein-guter-Arzt.de. Soll jeder Patient, der auf einer dieser Seiten seine Stimme abgibt, noch Zeugen nennen, wenn er angeblich schlecht behandelt wurde? Oder per Gutachten nachweisen, dass er kein Hypochonder ist?

Erst Anfang 2009 hatten Forscher der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg Ärztebewertungsportale untersucht - und waren zu einem ernüchternden Befund gekommen. Keine der Plattformen könne "derzeit höheren Ansprüchen genügen", bilanzierte Projektleiter Martin Emmert. Einige Qualitätskriterien würden von den Portalen "vollkommen vernachlässigt".

Das Grundproblem ist, ob und wie ein medizinischer Laie die Arbeit eines Arztes beurteilen kann. Die meisten Medizinportale versuchen diese Klippe zu umschiffen, indem sie den Nutzer mit einem gezielten Fragenkatalog an die Hand nehmen. Doch das schützt nicht unbedingt vor wüsten Beschimpfungen: Ein Anbieter konnte Tausende Bewertungen erst gar nicht freischalten, weil diese oft nur auf Schmähungen basierten.

Ein weiteres Problem, dass bei praktisch allen Webseiten mit Kommentarfunktion besteht: Patienten können falsche Bewertungen abgeben oder - unter verschiedenen Identitäten - einen Arzt auch mehrmals bewerten.

Natürlich gäbe es Möglichkeiten, eine halbwegs vertrauenswürdige Authentifizierung der Personen vorzunehmen, die ihren Arzt bewerten wollen. Die Frage ist allerdings, ob wie groß dann noch die Bereitschaft der Patienten wäre, ihre Stimme abzugeben - wissend, dass zumindest der Betreiber des Ärzte-TÜVs ihre Identität kennt.



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