Medizinische Testergebnisse "Prozentwerte versteht kaum jemand"

Mit Skepsis und Mathematik gegen die Panik: Der Bildungsforscher Gerd Gigerenzer hilft Patienten, medizinische Testergebnisse besser zu verstehen. Im Interview beschreibt er, warum relative Risiken besonders bedrohlich wirken können - und wie man sich vor Fehlalarmen schützt.


Frage: Herr Professor Gigerenzer, wenn ein Arzt von einem 20-prozentigen Risiko für einen Herzinfarkt spricht, wissen die meisten nicht, was das bedeutet. Oft verschreibt er Medikamente, ohne den Patienten diese Prozentzahl zu erklären. Wie sollte er sich ausdrücken, um verstanden zu werden?

Gigerenzer: Er müsste so etwas sagen wie: Von 100 Menschen in Ihrem Alter und mit Ihrem Risiko erleiden in den nächsten zehn Jahren 20 einen Herzinfarkt. Wenn sie diese oder jene Medikamente nehmen, dann sind es 17. Das wäre deutlicher, denn Prozentwerte versteht kaum jemand wirklich.

Frage: Beliebt ist es auch, absolutes und relatives Risiko ins Spiel zu bringen.

Gigerenzer: Das wird in der Krebs-Früherkennung oft gemacht. Beim Mammografie-Screening etwa wird häufig gesagt, es reduziere das Risiko, an Brustkrebs zu sterben, um 25 Prozent. Wenn man sich die Zahlen aber genauer anschaut, dann sieht man, dass von 1000 Frauen ohne Mammografie-Screening innerhalb von zehn Jahren vier an Brustkrebs sterben. Mit Screening sind es drei. Relativ gesehen werden die Todesfälle also um 25 Prozent reduziert, von vier auf drei, aber absolut gesehen handelt es sich um gerade mal eine Frau von 1000. Wenn also jemand von einer Reduzierung des Risikos spricht, sollte man stets fragen, ob er absolutes oder relatives Risiko meint.

Frage: Muss man sich denn immer Sorgen machen, wenn ein Test ein erhöhtes Risiko zeigt?

Gigerenzer: Eines muss man wissen: Die meisten Screening-Verfahren liefern viele falsch positive Ergebnisse, also Fehlalarme. Das zeigt sich wieder am Beispiel des Mammografie-Screenings: Wenn bei zehn Frauen etwas Verdächtiges gesehen wird, stellt sich bei weiteren Untersuchungen heraus, dass gerade mal eine davon tatsächlich Krebs hat. Neun sind gesund und hätten sich eigentlich gar keine Sorgen machen müssen. Daran sieht man, dass Tests Risiken haben können: Sie können auch Menschen verunsichern, die gesund sind.

Frage: Reicht es denn, mathematisch bewandert zu sein? Die Statistik zu verstehen heißt ja noch nicht, dass man sich keine Sorgen macht.

Gigerenzer: Wer ein paar statistische Prinzipien verstanden hat – den Unterschied zwischen relativem und absolutem Risiko, die Deutung von Prozentzahlen –, der kann seine Entscheidungen vernünftig und emotional zugleich treffen. Wenn Sie nicht verstehen, sind Ihre Emotionen manipulierbar. Dann hören Sie "Risiko" und bekommen Angst. Und es kann sein, dass Sie dafür irgendwann einen Preis zahlen, weil Sie sich falsch entscheiden, etwa ein Medikament mit sehr starken Nebenwirkungen zu nehmen, das fast nichts bringt.

Das Interview führte Eva-Maria Schnurr.



Gerd Gigerenzer ist Direktor am Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung und untersucht seit Jahren die Risiko-Kommunikation in der Medizin.



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