Medizinischer Sonderfall Normal leben mit einem Zehntel Gehirn

Ein Franzose verblüfft die Ärzte: Er hat nur zehn Prozent der üblichen Hirnmasse - und kann dennoch ein normales Leben führen. Zwar ist sein IQ relativ niedrig, doch der 44-Jährige ist weder geistig zurückgeblieben, noch behindert: Sein Gehirn hat sich der Situation angepasst.


Das Bild erinnert an eine Karikatur von Homer Simpson: Auf dem blauen Röntgenbild hängt ein Spatzenhirn inmitten eines leeren Schädels am Rückenmark. Doch was bei den Fans der Zeichentrick-Serie für einen Running Gag sorgt, kann im realen Leben wirklich vorkommen: Ein 44-jähriger Franzose hat solch ein winziges Gehirn, wie Ärzte im Medizinjournal "Lancet" jetzt berichten. Erstaunlicherweise führe der Patient trotzdem - anders als das Oberhaupt des Simpsons-Clans - ein weitgehend normales Leben.

Mini-Hirn: Verblüffende Aufnahme, anpassungsfähiges Gehirn
REUTERS

Mini-Hirn: Verblüffende Aufnahme, anpassungsfähiges Gehirn

Nur zehn Prozent der üblichen Hirnmasse hat der Mann aus Südfrankreich in seinem Schädel, zeigen Aufnahmen mit Computer- und Kernspintomografen: Das Hirn ist wie eine dünne Schicht Papier an die Schädeldecke gedrückt, hinter dem Auge liegt ein Hirnstück so groß wie ein großes Ei (im Bild grau). In der Mitte des Schädels: Leere. Das schwarze Nichts auf den Bildern zeigt enorm erweiterte Hirnkammern, die mit Nervenwasser gefüllt sind. Normalerweise sind sie nur ein, zwei Zentimeter dick und sollen das Hirn polstern. In diesem Fall lassen sie den Millionen Nervenzellen gar keinen Platz.

Das winzige Hirn wurde eher zufällig entdeckt: Der Mann aus Südfrankreich war wegen einer Schwäche im linken Bein in ein Krankenhaus gegangen. Als der behandelnde Arzt, Lionel Feuillet von der Université de la Mediterranée in Marseille, den Patienten nach seiner Krankengeschichte fragte, stellte sich heraus: Als Baby drohte ihm ein Wasserkopf. Um das überschüssige Nervenwasser aus dem Schädel zu entfernen, bekam er einen Abfluss. Als er 14 Jahre alt war, klagte er über eine Schwäche im linken Bein - der Abfluss wurde verbessert, die Symptome verschwanden.

Die nun angefertigten Tomografie-Aufnahmen bestätigten Feuillets Verdacht: Eine "massive Ausweitung" der seitlichen Hirnkammern diagnostizierte sein Team. "Es ist das erste Mal, dass wir so stark erweiterte Hirnkammern und so wenig Hirnmasse sehen", sagte Feuillet nach Angaben der "Süddeutschen Zeitung". Nach der außergewöhnlichen Diagnose implantierte das Ärzteteam eine neue Drainage. Nach einigen Wochen war der Mann wieder fit. Das Gehirn blieb laut Feuillet jedoch unverändert klein.

Überrascht hat den Arzt und seine Kollegen vor allem: Ihr Patient konnte trotz Mini-Hirn ein völlig normales Leben führen. "Er war ein verheirateter Vater zweier Kinder und arbeitete als Verwaltungsbeamter", schreiben sie. Zudem hätten Intelligenztests einen IQ von 75 gezeigt, sein Sprach-IQ liege sogar bei 84. Auch wenn das weit unter dem Normwert von 100 liegt: Der Mann sei nicht geistig zurückgeblieben oder behindert, schreiben die Ärzte.

"Ich finde es bis heute verblüffend, wie das Gehirn mit etwas klarkommen kann, von dem man denkt, dass es nicht lebensverträglich sein sollte", sagte Max Muenke vom US-amerikanischen National Human Genome Research Institute, als er von dem Fall in Frankreich hörte. "Wenn etwas über einen längeren Zeitraum sehr langsam geschieht, möglicherweise über Jahrzehnte, dann übernehmen verschiedene Teile des Hirns Funktionen, die normalerweise von den Teilen ausgeführt werden, das nun zur Seite gedrückt ist", so der Experte für Hirndefekte bei Kindern.

fba/rtr



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