Meeresspiegelanstieg in Deutschland Das droht Deutschlands Küsten

Mehr als drei Millionen Menschen in Deutschland leben in Gebieten, die als überflutungsgefährdet gelten. Das steht in einem unveröffentlichten Bundestagspapier, das dem SPIEGEL vorliegt.

Wellen schlagen in Dagebüll (Schleswig-Holstein) an der Nordsee an den Deich (Archivbild)
DPA

Wellen schlagen in Dagebüll (Schleswig-Holstein) an der Nordsee an den Deich (Archivbild)


Wie stark betrifft der Anstieg des Meeresspiegels die Menschen an den deutschen Küsten? Damit befasst sich eine neue, bisher unveröffentlichte Ausarbeitung des Wissenschaftlichen Diensts des Bundestages. Sie liegt SPIEGEL vor.

In dem 19-seitigen Papier heißt es, dass als potenziell überflutungsgefährdet diejenigen Gebiete an der Nordsee gelten, die nicht höher als fünf Meter über dem Meeresspiegel liegen. An der Ostseeküste wären demnach Bereiche bis drei Meter über dem Meeresspiegel betroffen. In diesen küstennahen Abschnitten leben der Ausarbeitung zufolge etwa 3,2 Millionen Menschen. Wie sich die Küstenlinie je nach Ausmaß des Meeresspiegel-Anstiegs verändert, verrät diese Karte.

Deutschlands Küstenländer haben in den vergangenen Jahren Millionen in den Deichbau investiert. Komplett abgeschlossen sind die Maßnahmen nicht. Und sie sind teuer: Ein Kilometer Erhöhung des Deichbaus kostet laut Angaben aus Schleswig-Holstein zwischen drei und vier Millionen Euro, auch der Unterhalt ist kostspielig.

Die Wahrheit über die Erwärmung

An den Küsten entstehen zum Teil neue "Superdeiche", die über eine deutlich breitere Basis verfügen und eine geringere Neigung an den Seiten verfügen. Sie sollen Wellen besonders effektiv die Kraft nehmen und sich in Zukunft leicht aufstocken lassen, wenn nötig. Um wie viel die Deiche aufgestockt werden, hängt vom Bundesland ab. In Schleswig-Holstein wird so gebaut, dass die Sicherheitsreserve auf einen halben Meter verdoppelt wird. In Hamburg will man die Schutzbauwerke in den kommenden Jahren im Schnitt um 80 Zentimeter erhöhen.

Grundsätzlich neu sind die Zahlen in der Bundestagsausarbeitung nicht, das Papier ist vor allem ein Blick in die existierende Literatur. Es führt die deutsche mit der europäischen und der weltweiten Perspektive zusammen. Global leben dem Bericht zufolge aktuell etwa 200 Millionen Menschen an Küsten, die nur fünf Meter oder weniger über dem Meeresspiegel liegen. Diese Zahl werde bis zum Ende dieses Jahrhunderts auf schätzungsweise 400 bis 500 Millionen Menschen ansteigen.

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Ohne Küstenschutz sind der Ausarbeitung zufolge bei einem globalen Meeresspiegelanstieg von 0,5 bis 2 Metern bis ins Jahr 2100 etwa 72 bis 187 Millionen Menschen von Landverlusten betroffen. Für Europa lautet die Schätzung, dass bei einem Meeresspiegelanstieg von einem Meter etwa 13 Millionen Menschen betroffen wären.

"Die Zahlen sind erschreckend", kommentiert Grünen-Chefin Annalena Baerbock. "Die Klimakrise verschärft sich, und sie ist auch bei uns angekommen. Um unserer Verantwortung gegenüber den zukünftigen Generationen gerecht zu werden, muss sich die Bundesregierung endlich für ambitioniertere Energie- und Klimaziele einsetzen, statt diese auszubremsen."

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chs

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