Erhöhtes Suchtrisiko Folgenschwere Liaison mit dem Neandertaler

Liebeleien zwischen Mensch und Neandertaler hinterließen Spuren im Erbgut moderner Europäer. Heute macht die Fremd-DNA manchen anfälliger für eine Nikotinsucht oder Depressionen, berichten Forscher.

Neandertaler und Mensch: Gelegentliche Liebschaften wirken bis heute nach
Michael Smeltzer/ Vanderbilt University

Neandertaler und Mensch: Gelegentliche Liebschaften wirken bis heute nach


Viel ist es nicht, was der Neandertaler in unserem Erbgut hinterlassen hat - das wenige aber hat es in sich. Das Risiko, von Nikotin abhängig zu werden, werde ebenso von Neandertaler-Erbgut beeinflusst wie das für Depressionen, berichten Forscher im Fachmagazin "Science".

Corinne Simonti von der Vanderbilt University in Nashville haben Erbgut- und Krankheitsdaten von 28.000 Patienten europäischer Herkunft analysiert, die für das Electronic Medical Records and Genomics (eMERGE) Network in den USA erfasst wurden. Bei jedem einzelnen Patienten untersuchten die Forscher, wie viel und welche Teile seines Erbguts auf Neandertaler-DNA zurückgehen. Anschließend glichen sie ab, welche dieser Abschnitte mit welchen Krankheiten in Verbindung stehen könnten.

Erhöhtes Risiko für Nikotinsucht

"Unsere Haupterkenntnis ist, dass die Neandertaler-DNA klinisch relevante Merkmale des modernen Menschen beeinflusst", erklärt Seniorautor John Capra. Verbindungen seien unter anderem zu Krankheiten von Immunsystem, Haut oder auch Nerven und Gehirn gefunden worden.

Einige Ergebnisse bestätigten vorherige Annahmen - etwa, dass Neandertaler-Erbgut die Haut des Menschen undurchlässiger für UV-Licht und Erreger werden ließ. Die Analyse habe aber auch Überraschungen geliefert, schreiben die Autoren.

So steigere ein bestimmter Schnipsel Neandertaler-Erbgut offenbar das Risiko für eine Nikotinabhängigkeit. Gefunden wurde zudem eine Reihe von Varianten, die das Risiko für Depressionen positiv oder negativ beeinflussen. Insgesamt sei eine überraschend große Zahl der Abschnitte mit psychiatrischen oder neurologischen Effekten verbunden.

Früher ein Vorteil, heute ein Nachteil

Für das Überleben hätten die Abschnitte wahrscheinlich einst Vorteile gebracht und seien darum im Erbgut erhalten geblieben, als der moderne Mensch sich nach dem Verlassen Afrikas vor etwa 50.000 Jahren mit dem weiter nördlich lebenden Neandertaler mischte, erläutern die Forscher. Denkbar seien etwa Anpassungen an die Erreger in den neu besiedelten Gegenden und die andere Sonneneinstrahlung dort. "Eine Nacht mit einem Neandertaler war ein kleiner Preis, um Tausende Jahre Adaption zu gewinnen", kommentiert Capra.

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Blass, blond, blauäugig: Der Neandertaler, ein Proto-Europäer
In der Umwelt heute brächten viele genetische Hinterlassenschaften möglicherweise keine Vorteile mehr, so die Forscher. Als ein Beispiel nennen sie eine vom Neandertaler stammende Erbgutvariante, die zu verstärkter Blutgerinnung führt. Einst habe das vielleicht geholfen, Wunden rascher zu verschließen und so vor dem Eindringen von Erregern zu schützen. Heute aber seien die Folgen eher negativ, da dadurch das Risiko für Schlaganfälle, Embolien und Schwangerschaftskomplikationen erhöht werde.

Anpassung an kühlere Umgebung

"Das sind sehr interessante Ergebnisse", sagt Michael Dannemann vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig, der selbst nicht an der neuen Analyse beteiligt war. Wofür etwa die nun mit Nikotin-Abhängigkeit verbundenen Erbgutschnipsel einst gedient hätten, lasse sich nicht sagen. Interessant wäre aus seiner Sicht ein Vergleich mit Krankheitshäufigkeiten von Menschen ohne Neandertaler-Erbgut - etwa Afrikanern. "Dafür gibt es leider nicht so gute Datensätze wie den für die Studie verwendeten."

Dass der moderne Europäer ein bis vier Prozent seines Erbguts dem Neandertaler verdankt, ist seit einigen Jahren bekannt. Die von Afrika nach Eurasien gezogenen modernen Menschen hatten hin und wieder Liebeleien mit ihren archaischen Verwandten, aus denen Nachwuchs mit gemischtem Erbgut hervorging.

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jme/dpa

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Seite 1
bronstin 12.02.2016
1. Hoffentlich
Na hoffentlich ist es keine Scheinkorrelation, der die Wissenschaftler aufgessen sind... manchmal wird so vorschnell veröffentlicht, das dass Ergebnis schone wenige Jahre später ernsthaft in Zweifel gezogen wurde... ich sag nur Ei und Cholesterien (hat zwar nix mit dem Neanderthaler zu tun aber wer weiss)
westerwäller 12.02.2016
2. Liebeleien in der Neandertalzeit?
Welch ein Euphemismus! Tatsache ist: Frauen waren eine der Kriegsbeuten beim Aufeinandertreffen der beiden Gruppen ... Und als Beute wurden sie auch behandelt ... Merke: Dem Spermium ist es egal, wie es zur Eizelle gelangt. Und Fortpflanzung braucht kein monatelanges Liebeswerben ...
dissidenten 12.02.2016
3.
Gilt dann eigentlich der Neandertaler unter Experten als "ausgestorben"? Im Prinzip ist das doch falsch, da es ihn nicht mehr gibt, er sich aber ins Erbgut des Menschen gemischt hat. Oder wäre nur der Erhalt der Rasse dafür ausschlaggebend?
Georg_Alexander 12.02.2016
4. Kleine Frage
Wenn diese beiden DNA-Linien kompatibel waren, dann müssen die sich doch vorher aus einem gemeinsamen Stamm heraus getrennt haben? So groß kann der Zufall nicht sein, dass sich unabhängig zwei Menschentypen entwickeln, die dann auch noch gemeinsame Nachkommen zeugen können... Die Grafik ist da etwas missverständlich.
NochNeMeinung 12.02.2016
5. Rassismus?
Wenn "moderne" Menschen Liebeleien mit ihren "archaischen" Verwandten haben konnten, aus denen fortpflanzungsfähige Nachkommen entstanden sind, dann handelte es sich eben nicht um zwei verschiedene Arten von Menschen, sondern um Rassen derselben Art. Doch dann ist eine Einstufung in moderne und archaische Menschen, das was man heute Rassismus nennt, weil in unbewiesener Weise eine Rasse als der anderen Rasse höherwertig dargestellt wird.
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