Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Mensch-Tier-Chimären: Briten fordern klare Regeln für Mischwesen

Tiere mit menschlichen Zellen oder Genen leben in vielen Laboren. Mit dem Fortschritt der Wissenschaft können die Grenzen zwischen den Arten immer weiter verschwimmen. Britische Forscher schlagen vor, wie diese Experimente künftig besser überwacht werden sollen.

Transgene Mäuse: Kein menschliches, sondern ein Quallen-Gen lässt diese Nager leuchten Zur Großansicht
AFP

Transgene Mäuse: Kein menschliches, sondern ein Quallen-Gen lässt diese Nager leuchten

Hamburg - In Laborexperimenten kratzen Forscher an der Grenze zwischen Mensch und Tier. Mäuse, die menschliche Zellen enthalten, kommen in der Forschung sogar seit Jahren zum Einsatz. Nager mit menschlichen Tumorzellen ermöglichen die Erforschung verschiedenster Krebsarten. An Mäusen mit bestimmten menschlichen Genen werden Herzerkrankungen oder neurologische Störungen untersucht. Und Ziegen, in deren Erbgut ein menschliches Gen eingeschleust wurde, produzieren ein Eiweiß, das zur Therapie von Blutkrankheiten benötigt wird.

Mit dem Fortschreiten der Wissenschaft werden jedoch neue Mischwesen denkbar - eine Vorstellung, die manches Unbehagen auslösen kann. Chinesische Wissenschaftler haben bereits menschliche Stammzellen in Ziegen-Föten injiziert. Und US-Forscher haben zumindest angedacht, Mäuse zu erzeugen, die teilweise über menschliche Hirnzellen verfügen. "Jeder lacht über die Idee von sprechenden Erdmännchen oder Katzen mit Daumen. Aber wenn wir dies tatsächlich im Labor umsetzen würden, wären die Menschen sicher nicht begeistert", sagt Robin Lovell-Badge vom National Institute for Medical Research gegenüber der BBC.

Die britische Academy of Medical Sciences fordert daher in einem jetzt veröffentlichten Bericht klare Regelungen bei der Arbeit mit Tieren, die menschliches Material - Zellen oder einzelne Gene - enthalten.

Die Forscher haben drei Bereiche definiert, in denen die Vermischung von Mensch und Tier besonders viel Unbehagen auslöst. Um diese zu ermitteln, wurden zahlreiche Gespräche und öffentliche Diskussionen geführt - mit insgesamt mehr als tausend Teilnehmern, wie Martin Bobrow, leitender Autor des Berichts, im Fachmagazin "Nature" schreibt.

Diese drei sensiblen Bereiche sind folgende:

  • Veränderungen am Gehirn eines Tieres, die wahrscheinlich zu einer der Menschen ähnelnden Hirnfunktion führen.
  • Experimente, die zu funktionsfähigen menschlichen Keimzellen in Tieren führen, insbesondere, wenn diese Keimzellen befruchtet werden könnten.
  • Veränderungen an einem Tier, die ihm als typisch menschlich empfundene Eigenschaften verleihen, wie eine entsprechende Gesichtsform, Hautstruktur oder auch Sprache.

Bobrow beschreibt, wie Tier-Mensch-Experimente in Zukunft gehandhabt werden könnten. Demnach sollte die Mehrzahl der Versuche, die unumstritten sind, standardmäßig von einer Ethikkommission begutachtet werden. Angedachte Experimente, welche in einen der drei sensiblen Bereiche fallen, sollte ein nationales Gremium eingehend prüfen. Ein kleiner Teil von Versuchen sollte derzeit schlicht nicht durchgeführt werden, weil die ethischen Bedenken zu groß seien oder die wissenschaftliche Notwendigkeit dafür nicht gegeben sei.

wbr

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 53 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Rechtsfragen
chelai 22.07.2011
Es gibt ja auch rechtliche Probleme. Ab wann ist ein Lebewesen ein Mensch? Ab wann gelten die Menschenrechte? Eine Chimäre ist jedenfalls kein Tier mehr.
2. Befürchte die Diskussion ist überflüssig …
wika 22.07.2011
… denn meine Vorstellungskraft sagt mir, dass der Reiz die Grenzen zu überschreiten so groß ist, dass es mit Sicherheit im Geheimen praktiziert werden wird, wie viele andere Dinge auch (Militärkomplex) … halt an der Öffentlichkeit vorbei. Halte ich daher schon mehr oder minder für nachgewiesene und traurige Realität …
3. Menschenrecht auch bald für Tiere?
merapi22 22.07.2011
Zitat von chelaiEs gibt ja auch rechtliche Probleme. Ab wann ist ein Lebewesen ein Mensch? Ab wann gelten die Menschenrechte? Eine Chimäre ist jedenfalls kein Tier mehr.
Wenn wir und in den Genen von Schimpansen nur im Prozentbereich unterscheiden und ebenso bei den meisten Tieren, ist es nur eine Frege der Zeit bis alle Tiere Menschenrecht erhalten! Das die Wissenschaft fortschreitet und wir durch Gen- und Nanotechnologie wie Perry Rhodan, relative Unsterblichkeit erlangen, ist heute im Bereich des möglichen gerückt. Die Frage ist dann: Wer profitiert von dieser neuen Technik - nur die Supperreichen?
4. Die Tiere von heute
genesys, 22.07.2011
Die Tiere von heute könnten also die Sklaven von morgen werden. Ein interessantes Bild: Eine ganze Rotte Erdmännchen - ausgestattet mit der Intelligenz des Menschen und den kleinen Händen einer zierlichen Hausfrau - wuselt durchs Haus und macht alles schön sauber. Die perfekten Sklaven also. Da Sklaven schon mal dazu neigen, sich gegen ihre Halter aufzulehnen könnte wir so vielleicht auch das "Problem Mensch" an sich lösen. Übrig bleibt dann "der bessere Mensch", also der "Homo suricata superior supremus". Schöne neue Welt.
5. Recht
whitemouse 22.07.2011
Zitat von chelaiEs gibt ja auch rechtliche Probleme. Ab wann ist ein Lebewesen ein Mensch? Ab wann gelten die Menschenrechte? Eine Chimäre ist jedenfalls kein Tier mehr.
Die Eindeutigkeit gibt es nicht. Ist ein künstlich (z.B.durch Befruchtung der Eizelle im Labor) erzeugter Mensch wirklich ein Mensch? Wenn man als Kriterium die natürliche Zeugung nimmt, natürlich nicht; nur nehmen wir dies nicht als Kriterium. Was aber ist das Kriterium? Können es die Gene sein? Wo ist dann das DIN-Gen, das der Maßstab ist, und welches Maß an Abweichung ist im Toleranzbereich Mensch?
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: