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Mensch und Technologie Das Versprechen ewigen Lebens

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Senioren: Werden wir ewig leben?

2. Teil: Durchschnittliche Lebenserwartung steigt kontinuierlich

Zum anderen stellte sich heraus, dass die wissenschaftliche Gegenwart der sogenannten Life Sciences bereits mehr als erstaunlich ist. Nachdem viele tödliche Infektionskrankheiten besiegt sind, nehmen Molekularbiologie, Nanomedizin und Genomik die heutigen Haupttodesursachen der westlichen Welt in Angriff: Alterskrankheiten wie Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Demenz. Im Rahmen des Humangenomprojekts, das im Jahre 2003 abgeschlossen wurde und eine wissenschaftliche Jahrhundertleistung darstellte, hat die Sequenzierung eines einzigen menschlichen Genoms noch mehrere hundert Millionen Dollar gekostet und dreizehn Jahre gedauert - in wenigen Jahren soll dies innerhalb eines Tages für nur 1000 Dollar möglich sein! Die Ankunft einer personalisierten Medizin, in der Genom und Proteom der Patientin herangezogen werden, um eine molekulare Therapie auf sie maßzuschneidern, steht außer Frage.

Die Stammzellforschung ermöglicht eine regenerative Medizin, die heute schon im Tierversuch geschädigtes Gewebe und komplexe Organe wie die Lunge nachwachsen lässt und Querschnittslähmungen heilt. Sogar das Altern selbst wird ins Visier genommen: Durch Genmanipulation konnte die Lebensspanne von Würmern um das Zehnfache, die von Fliegen um achtzig bis hundert Prozent und die von Mäusen immerhin um bis zu fünfzig Prozent verlängert werden.

Den Alterstod sieht die moderne Evolutionstheorie laut David Gems nur als Nebenprodukt der Evolution an, etwa wie Brustwarzen beim Mann - funktions- und sinnlos. Und die Entwicklung eines Anti-Ageing-Mittels, das das Altern verlangsamt und somit die gesunde Lebensspanne verlängert, hält er in nicht allzu ferner Zukunft für wahrscheinlich. Hirnforschung und Künstliche Intelligenz arbeiten an sensorischen, motorischen und kognitiven Neuroprothesen, um bei Patienten gestörte Funktionen des Nervensystems zu ersetzen. Ein ewiges Leben auf Erden hielten die befragten Wissenschaftler dennoch durchgehend unisono für unwahrscheinlich, und das Hochladen eines menschlichen Bewusstseins auf Computerfestplatten - eine weitere beliebte transhumanistische Vision - für schlichtweg unmöglich.

In den vergangenen 160 Jahren stieg die durchschnittliche Lebenserwartung in den entwickelten Ländern kontinuierlich um 2,5 Jahre pro Dekade und verdoppelte sich von vierzig auf rund achtzig Jahre. Ein Abflachen dieses Anstiegs, der auf den gewachsenen materiellen Wohlstand und den wissenschaftlich-medizinischen Fortschritt zurückzuführen ist, ist nicht auszumachen: Gegenwärtig gewinnen die Bewohner der westlichen Hemisphäre pro Tag immer noch sechs Stunden Lebenszeit hinzu. Und auch die maximale Lebensspanne steigt, der Rekord liegt zurzeit bei 122 Jahren. Entsprechend prognostiziert der Demograf James Vaupel, dass die Mehrheit der heutigen Neugeborenen älter als hundert Jahre werden wird - wobei in seiner Rechnung eine Verlangsamung des Alterns aufgrund etwaiger Erfolge der biomedizinischen Langlebigkeitsforschung, die auch Vaupel durchaus für möglich hält, noch nicht berücksichtigt ist. Was bedeutet diese reale Steigerung der gesunden Lebensspanne für Individuum und Gesellschaft? Was würde eine noch extremere Steigerung um einige hundert Jahre bedeuten? Oder - ein Gedankenexperiment - ein tatsächlich ins Unendliche verlängertes Leben? Wird Überbevölkerung zu einem unlösbaren Problem? Die meisten Menschen, so Vaupel, leben schon heute in Ländern, in denen die Sterberaten über den Geburtsraten liegen, ein Anstieg der Weltbevölkerung über neun bis zehn Milliarden sei unwahrscheinlich, und danach werde man sich eher wegen des Bevölkerungsschwunds sorgen.

Langeweile? Nicht, wenn wir gesund bleiben und lernen, unser Leben mit vielen komplexen und damit interessanten Tätigkeiten zu füllen, meint der Philosoph und Emotionsforscher Aaron Ben-Ze'ev. Zudem erwartet er ein Comeback der Liebe in den Zeiten der Langlebigkeit - denn ein kurzes Leben verbringe man vielleicht noch mit jemandem, den man nicht wirklich liebt, aber wer würde das ein wirklich langes Leben lang tun? Der Technik-Ethiker Bert Gordijn hält die Befreiung und Linderung von Leid für ein Grundprinzip der Ethik. Er sieht aber auch massive Möglichkeiten zur Manipulation der menschlichen Natur auf uns zukommen, eine weit reichende und rasante "Anthropomorphisierung der Technologie und eine Artefaktibilisierung des Menschen", während Gesetzgebung und öffentlicher Diskurs mit den schon voll im Gange befindlichen Entwicklungen in keiner Weise Schritt halten könnten.

"Das Transrationale bleibt auf der Strecke"

Der Künstler Daan Roosegaarde nimmt mit seinen interaktiven Installationen den technologischen Fortschritt vorweg und begleitet ihn kritisch. Gleichzeitig demonstriert er, wie eine technisierte Lebenswelt die menschliche Identität verändert und neue, authentische Erfahrung ermöglicht. Der Schriftsteller Hans-Ulrich Treichel dagegen sähe das Ende der Kunst in einer Welt unsterblicher Menschen, denen die "existenzielle Beunruhigung" fehle, die bohrende Angst, so dass Kunst "nur noch der Dekoration diente und kein Existenzial mehr wäre". Der Jesuit Friedhelm Mennekes warnt vor einer Reduzierung des Menschen auf seine körperlichen und physikalischen Funktionen. "Das Transrationale bleibt dabei auf der Strecke." In einer unwahrscheinlichen Welt unsterblicher Menschen sähe er die Religion nicht funktionslos: "Der biblische Lebensbegriff arbeitet […] mit einem weiteren Verständnis der Überwindung des Todes. Es geht über die Konturen dieses Lebens hinaus."

Die Aussicht auf eine mögliche weitere signifikante Verlängerung der gesunden Lebensspanne des Menschen, die auch seriöse Wissenschaftler nicht ausschließen, steht im Zentrum einer enormen Fülle von Entwicklungen auf vielen verschiedenen Gebieten und verdeutlicht vielleicht am drastischsten die gegenwärtige Veränderung der conditio humana. Nun haben die Naturwissenschaften schon von jeher nicht nur unser Menschenbild, sondern auch den Menschen selbst verändert. Die emergierenden Technologien, die unter den Stichwörtern Bio, Nano, Info und Neuro zusammengefasst werden (für Biologie, Nanotechnologie und -medizin, Informationstechnologie und Neurowissenschaften, also Hirnforschung und Neuroprothetik), sind zugleich merging technologies, die immer enger zusammenrücken. Sie könnten den Menschen in nicht allzu ferner Zukunft in einem nie zuvor erlebten Ausmaß verändern, wodurch sich die Frage nach seiner Natur auf dringliche Weise neu stellt. Und wie kann die zunehmende Beherrschung der Natur des Menschen zur Ausweitung seiner Selbstbestimmung genutzt, wie kann seine Selbstinstrumentalisierung verhindert werden?

Der Literaturnobelpreisträger Elias Canetti etwa sah den Menschen als "Verwandlungswesen" und hielt den Tod für die größte Ungerechtigkeit. Er stellte sich ein Leben, das 200 oder 300 Jahre dauert, "unvergleichlich voller und reicher vor, als es heute möglich ist". Canetti war sich sicher, dass es aufgrund des Fortschritts der Biowissenschaften "in absehbarer Zeit" dazu kommen wird. Die Frage ist allerdings, ob die "Artefaktibilisierung" des Menschen, die mit seiner Umrüstung zunehmen wird, nicht in einen Teufelskreis führt, in dem innere Erfüllung wegen übergroßer Entfremdung von unserer dinglichen und lebendigen Umwelt und damit auch von uns selbst immer weniger möglich wird. Eine solche Erfüllung aber wäre Voraussetzung, in Frieden sterben zu können. Fehlt sie, muss immer mehr Lebensdauer, immer mehr Macht und Geld angehäuft werden, um die statistische Chance, die Erfüllung eines Tages doch noch zu finden, zu erhöhen - während dieselbe Akkumulation die Entfremdung nur steigert.

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Die Naturwissenschaft prägt das Weltbild in den westlichen Staaten. Hat Gott ausgedient? Kommt die Wissensgesellschaft vom Weg ab? Wie findet das Individuum seinen Platz in einer immer schnelleren und komplexeren Welt? In der "edition unseld" des Suhrkamp-Verlags definieren Forscher und Schriftsteller das Verhältnis zwischen Mensch und Forschung. Exklusiv für SPIEGEL ONLINE haben die Autoren ihre Bände, die im Buchhandel erhältlich sind, zu Essays verdichtet.

Editorial von Ulla Unseld-Berkéwicz

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Zur Person

Roman Brinzanik, 1969 in der Tschechoslowakei geboren, studierte Physik und Philosophie in Frankfurt am Main und Berlin. Nach seiner Doktorarbeit auf dem Gebiet komplexer Systeme und der Nanophysik wechselte er zur Computational Biology und arbeitete am Weizmann Institute of Science in Israel. Heute ist er Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für molekulare Genetik in Berlin.

Tobias Hülswitt, 1973 in Hannover geboren, ist freier Autor. Er veröffentlichte mehrere Romane und ein Kinderbuch. Er arbeitete als Dozent an der Universität der Künste Berlin, an der Akademie der Künste München und als Gastprofessor am Deutschen Literaturinstitut Leipzig.


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