Mensch und Technologie Das Versprechen ewigen Lebens

Eine radikale Verlängerung der gesunden Lebensspanne - das könnte eines Tages Realität sein. Doch zu welchem Preis und mit welchen Folgen? Roman Brinzanik und Tobias Hülswitt gehen in ihrem edition-unseld-Essay auf eine interdisziplinäre Reise in die Zukunft der Bio-, Nano-, Info- und Neurowissenschaften.

Senioren: Werden wir ewig leben?
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Senioren: Werden wir ewig leben?


Den Tod und das Vergehen zu besiegen, ist ein uralter Menschheitstraum. Er wirkt nicht nur als eine der Hauptmotivationen für Kulturbildung und die Entwicklung der Naturwissenschaften, sondern fungiert auch als eines der Hauptmotive der Selbsterzählung des Menschen: in seinen Mythen, seinen religiösen Narrationen, seiner Literatur. Während diese Erzählungen in ihrem Kampf gegen das Vergehen nur Glaube und Sprache zur Hand haben, schafft das Verständnis von Naturvorgängen von jeher die Möglichkeit, mittels Technik materielles Geschehen zu beherrschen.

Die gegenwärtigen Fortschritte der Bio-, Nano-, Info- und Neurowissenschaften verhelfen uns zu detaillierten Einsichten in die Mechanismen, mit denen sich Atome und Moleküle selbst organisieren zu Zellen und Organismen, zu neuronalen Netzwerken und Gehirnen, die Verhalten und Kognition steuern und die Herausbildung menschlicher Intelligenz bewirken. Durch neueste Erkenntnisse der Grundlagenforschung werden bisher nicht für möglich gehaltene technologische und medizinische Anwendungen und kontrollierte Eingriffe in die natürlichen Abläufe des menschlichen Körpers und Geistes in greifbare Nähe gerückt - oder werden bereits durchgeführt.

Vor diesem Hintergrund und unter Annahme einer exponentiellen Beschleunigung des wissenschaftlich-technischen Fortschritts entwirft der amerikanische Erfinder, Futurologe und bekennende Transhumanist Ray Kurzweil, geboren 1948, die Vision einer nahen Zukunft, in der Künstliche Intelligenz die menschliche auf allen Gebieten überholt, in der der Mensch mit intelligenter Technologie verschmilzt, Krankheiten und Altern durch den Einsatz von Gentechnik und Nanomedizin bekämpft werden und schließlich niemand mehr eines natürlichen Todes sterben muss:

"Auch wenn die nötigen Mittel noch nicht zur Hand sind, verfügen wir doch über das Wissen, wie wir bis zu dem Zeitpunkt überleben können, an dem sie uns zur Verfügung stehen werden. Schon mit dem heutigen Wissen können selbst Angehörige meiner Generation in fünfzehn Jahren noch bei guter Verfassung sein. Ich nenne das Brücke Eins. Danach wird es möglich werden, unsere Biochemie zu reprogrammieren und unser biologisches Programm durch Biotechnologie zu modifizieren, das ist Brücke Zwei. Dies wird uns wiederum lange genug leben lassen, um Brücke Drei zu erreichen. Und dann werden uns die Nanotechnologie und Nanoroboter in unserem Körper dazu befähigen, ewig zu leben."

Das Ingenieursprinzip

Während solche Thesen in europäischen Ohren gewagt klingen und eine Reihe wissenschaftlicher Zweifel und ethischer Bedenken wecken, scheinen sie in den USA im Kontext einer Kultur der Grenzverschiebungen weniger zu verstören. Hier werden sie in der Wissenschafts- und Technologieszene schon länger ernsthaft diskutiert. Doch nicht nur deswegen ist Kurzweil in den USA ein gefragter Mann. Auch seine Karriere als Erfinder, eine Story, wie Amerika sie liebt, mag ihren Anteil daran haben. Um seine erfolgreichen Erfindungen - etwa ein Text-to-speech-Lesegerät für Blinde, das in einem Mobiltelefon Platz findet - richtig zu timen, beobachtet er die Entwicklungen der Informationstechnologien und formuliert exponentielle Wachstumsgesetze, mit deren Hilfe er vorausberechnet, wann die benötigten technischen Elemente zum richtigen Preis, in der richtigen Größe und mit der richtigen Leistungsstärke zur Verfügung stehen werden.

Im Alter von 35 Jahren erkrankt Kurzweil an Typ-II- Diabetes und überwindet die Krankheit seither nach eigenen Angaben durch die Herangehensweise eines Ingenieurs: Auf wissenschaftliche Erkenntnisse vertrauend, stellt er seinen Lebensstil radikal um und nimmt täglich 200 Nahrungsergänzungsmittel ein. Laut Kurzweil sind Biologie und Medizin spätestens seit der Sequenzierung der menschlichen DNA und dem Aufkommen der Bioinformatik zu Informationswissenschaften geworden, deren Fortschritt damit gleichfalls einer exponentiellen Beschleunigung unterliege - woraus Kurzweil, diese Beschleunigung in die Zukunft rechnend, die Vision vom Menschen entwickelt, der mit intelligenter Technologie verschmilzt und im Prinzip nicht mehr sterben muss.

Auch diese Extrapolationen gegenwärtiger Trends bringen Kurzweil in den USA nicht den Ruf eines Verrückten ein. Im Gegenteil trägt er zahlreiche Ehrendoktortitel und gründete kürzlich mit der Unterstützung von Google und der NASA die Singularity University, ein Studienprogramm, das sich, pragmatisch ausgerichtet, mit der Zukunft des Menschen und des Planeten unter dem Einfluss der sogenannten emergierenden Technologien beschäftigt - wie beispielsweise der Biotechnologie und Bioinformatik, der Neuroprothetik, der Nanotechnologie und der Künstlichen Intelligenz.

Die Kombination aus Utopie, Wissenschaftsgläubigkeit und unternehmerischem Erfolg als Erfinder lässt Kurzweil und seine Thesen wie ein Vexierbild erscheinen, das beständig von Seriosität zu Phantasterei und zurück springt. Was an seiner Verkündigung der radikalen Lebensverlängerung und eines Verschmelzens des Menschen mit Technologie ist Wissenschaft, was religiöses Heilsversprechen, was reine Science-fiction? Wir haben Kurzweils Thesen zum Anlass genommen, den heutigen Stand der Naturwissenschaften, seriöse Zukunftsszenarien und die auf den Menschen zukommenden Herausforderungen auszuloten.

Dazu haben wir eine interdisziplinäre Gesprächsreise unternommen, die uns zunächst zu Naturwissenschaftlern führte: zu dem Nobelpreisträger und Begründer der supramolekularen Chemie Jean-Marie Lehn, dem Zellbiologen und Präsidenten der Max-Planck-Gesellschaft Peter Gruss, dem Stammzellforscher Hans Schöler, dem Biogerontologen David Gems, dem Hirnforscher Wolf Singer, dem Biophysiker und Neuroprothetiker Ad Aertsen und zu Luc Steels, der Künstliche Intelligenz erforscht. Dabei zeigte sich zum einen, dass die Wissenschaftler großartige Geschichtenerzähler sind, Erzähler einer Geschichte des Menschen, die sich auf wissenschaftliche Erkenntnis stützt und dadurch die Autorität einer augenscheinlich nicht-erfundenen Erzählung, einer Real-fiction entfaltet.



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