Mensch-zu-Mensch-Übertragung: Virologen erwarten neue Schweinegrippe-Infektionen innerhalb Deutschlands

Die Schweinegrippe breitet sich aus: Jetzt wurden die Infektionen 4 und 5 in Deutschland bestätigt. Experten sind besorgt, weil das Virus erstmals hierzulande von Mensch zu Mensch übertragen wurde und mutieren kann - Hoffnung macht ihnen, dass alle Fälle bisher milde verliefen.

Berlin - Deutschland muss sich auf weitere Krankheitsfälle von Schweinegrippe gefasst machen. "Wir rechnen mit weiteren Fällen. Das liegt in der Natur der Sache", sagte der Präsident des Robert Koch-Instituts, Jörg Hacker. "Wir müssen uns sicherlich darauf einstellen, dass weiterhin mit Übertragungen auf Menschen gerechnet werden muss, die nicht in Mexiko waren."

Influenza-Testlabor: Fünf Fälle in Deutschland
DPA

Influenza-Testlabor: Fünf Fälle in Deutschland

Am Vormittag war bekannt geworden, dass eine 42-jährige Krankenschwester aus Niederbayern erstmals in Deutschland von einem anderen Menschen mit Schweinegrippe angesteckt wurde - sie ist der vierte Infektionsfall in Deutschland. "Wir müssen uns darauf einstellen, dass das vorkommen kann", sagte Hacker. "Wir sind nicht überrascht, aber besorgt."

Das Virus habe "das Potential, sich auszubreiten und zu verändern". Hacker zufolge hat das Robert Koch-Institut zwei erfahrene Epidemiologen nach Bayern geschickt, "um eine mögliche weitere Ausbreitung zu verhindern".

Bei den bislang Infizierten hierzulande sei die Krankheit relativ milde verlaufen, sagte der Experte. Zu der Frage, warum die Krankheit hauptsächlich im Herkunftsland Mexiko zu Todesfällen führe und kaum im Ausland, sagte Hacker, dabei könne die allgemeine Konstitution der Infizierten eine Rolle spielen. Parallel grassiere in Mexiko auch die saisonale Influenza. Auch seien unter einer hohen Zahl von Krankheitsfällen statistisch gesehen häufiger schwere Verlaufsformen zu beobachten. Hacker sagte, nach wie vor bestehe die Gefahr einer Pandemie, also einer Ausbreitung über Staatsgrenzen hinweg.

Neben dem Fall der Krankenschwester wurde in Bayern auch Deutschlands fünfter Schweinegrippe-Fall bestätigt. Ein Mann hatte sich laut Landesgesundheitsminister Markus Söder (CDU) auf einer Mexikoreise angesteckt und ist schon wieder gesund. Er lebt in Oberbayern und ist Mitte 20.

Die Krankenschwester aus dem Kreiskrankenhaus Mallersdorf in Niederbayern hatte den ersten deutschen Schweinegrippe-Infizierten behandelt, einen 37-jährigen Heimkehrer von einer Mexikoreise. Offenbar steckte sie sich bei ihm an. Mittlerweile ist auch sie wieder gesund. "Es werden alle Kräfte gebündelt, um in einem solchen Fall dem Patienten mit dieser Infektion zu helfen und den Infektionsweg zu klären", teilte Söders Ministerium mit.

Der 37-Jährige wurde mehrere Tage in Mallersdorf behandelt und am vergangenen Dienstag dann nach Regensburg ins Universitätsklinikum verlegt. Der Vorstandsvorsitzende der Kliniken des Landkreises Straubing-Bogen, Alois Lermer, hatte schon am Donnerstag bestätigt, dass die Schwester aus dem Landkreis Landshut deutliche Symptome zeigte und mit Grippemedikamenten behandelt wurde.

Die Laboruntersuchungen für einen Mallersdorfer Zimmernachbarn des 37-Jährigen liegen noch nicht vor. Er hatte mit dem Infizierten auf der Intensivstation gelegen und sei mit leichtem Fieber in der Klinik isoliert worden, hatte Klinikchef Lermer gesagt. Er soll nicht ganz eindeutige Grippesymptome haben.

Dem 37-Jährigen soll es laut dpa inzwischen besser gehen. Der Mann hat nach Angaben der Ärzte die eigentliche Grippe auskuriert, leidet aber an einer Folgeerkrankung, die mit einer chronischen Grunderkrankung zusammenhängt.

Insgesamt handelt es sich bei dem Fall der Krankenschwester um die vierte bestätigte Schweinegrippe-Infektion in Deutschland - drei in Bayern und einer in Hamburg.

Die Frage, wie einfach es bei der Schweinegrippe zu Mensch-zu-Mensch-Übertragungen kommt, ist für Experten besonders wichtig, um die Virulenz des neuen Erregers besser zu verstehen. Unter anderem macht die Weltgesundheitsorganisation WHO ihre Risikostufe davon abhängig, in wie vielen Regionen es Mensch-zu-Mensch-Übertragungen eines Erregers gibt. In Nordamerika ist dies bereits der Fall, ebenso in Mexiko. Derzeit gilt die zweithöchste Pandemie-Warnstufe 5; sie bedeutet, dass Übertragungen von Mensch zu Mensch noch örtlich begrenzt sind und die Staaten der Welt ihre Vorbereitungen auf den Ausbruch einer globalen Seuche abschließen sollen.

Eine baldige Erhöhung auf Stufe 6 wird nicht ausgeschlossen. Sie bezeichnet die Pandemiephase, in der die Infektionen weiter zunehmen und die gesamte Bevölkerung betroffen ist.

Elf Länder haben nach Angaben der WHO bislang Fälle von Schweinegrippe gemeldet. Dazu zählen neben Mexiko die USA, Deutschland, Österreich, Schweiz, Spanien, Holland, Großbritannien, Israel, Neuseeland und Kanada.

Die Zahl der Personen, die sich in Mexiko nachweislich mit dem Schweinegrippe-Virus A/H1N1 infiziert haben, liegt nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Mexiko-Stadt bei 300, zwölf Menschen seien gestorben. Verdachtsfälle gebe es derzeit 679. Ausländer seien nicht darunter, teilte die Behörde mit.

Um eine weitere Ausbreitung zu verhindern, hat die mexikanische Regierung angeordnet, dass über die verlängerten Mai-Feiertage alle öffentlichen Veranstaltungen eingestellt werden. Präsident Felipe Calderón forderte seine Landsleute auf, bis zum kommenden Dienstag zu Hause zu bleiben. In Mexiko-Stadt sind zudem alle Gaststätten, Bars und Restaurants geschlossen. Geschäfte, Supermärkte, Lebensmittelmärkte und Apotheken sind aber weiter geöffnet.

Das Schweinegrippe-Virus
Der Erreger
Es handelt sich um ein Influenza-A-Virus mit der Bezeichnung H1N1, das sich von Mensch zu Mensch übertragen kann - vor allem durch Händeschütteln, Niesen und Husten. Ein H1N1-Virus war auch der Auslöser der Spanischen Grippe, die zwischen 1918 und 1920 weltweit mindestens 25 Millionen Menschen getötet hat.
Die Symptome
Die Schweinegrippe bewirkt ähnliche Symptome wie eine normale Grippe: plötzliches Fieber, Muskelschmerzen, trockener Husten und ein trockener Hals. Allerdings sind der einhergehende Durchfall und die Übelkeit stärker ausgeprägt.
Die Gefahr
Neue Virenstämme können sich rasch ausbreiten, weil es keine natürliche Immunität gibt und es Monate dauert, bis ein aktueller Impfstoff entwickelt und produziert ist. Der neue Stamm des Schweinegrippe-Virus unterscheidet sich vom älteren H1N1-Virus, gegen das die aktuellen Grippeimpfstoffe schützen. Die gewöhnliche Grippe tötet jedes Jahr 250.000 bis 500.000 Menschen, vor allem ältere Menschen. Die meisten sterben an Lungenentzündung. Auch gesunde Menschen können tödlich erkranken.
Antivirale Mittel
Nach derzeitigem Wissensstand bieten die Wirkstoffe Oseltamivir (Handelsname Tamiflu) und Zanamivir (Handelsname Relenza) Schutz gegen das Schweinegrippen-Virus. Diese Wirkstoffe behindern unspezifisch die Vermehrung von Influenza-A- und Influenza-B-Viren im Körper.
Wandlungsfähigkeit von Grippeviren
Grippeviren gehören zu den wandlungsfähigsten Erregern, die bekannt sind. Die Entwicklung gänzlich neuer Typen ist zwar selten, aber extrem gefährlich. Meist springen dabei irgendwo in der Welt Viren von Vögeln oder Schweinen auf den Menschen über. Wenn sie in dessen Körperzellen auf andere, ältere Grippeviren treffen, kann sich die Erbinformationen vermischen und neue Erreger hervorbringen.

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