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18. Januar 2013, 13:11 Uhr

Menschen ohne Achselduft

Die Geruchlosen

Man erkennt sie am trockenen Ohrenschmalz: Einige Menschen entwickeln keinen Geruch unter den Achseln. Die meisten Europäer mit dieser Besonderheit nutzen dennoch Deodorant - im Gegensatz zu Geruchlosen in Nordostasien.

Hamburg - Manche Europäer tragen eine kleine Besonderheit im Erbgut, um die sie viele Menschen beneiden dürften: Die Betroffenen produzieren dank eines bestimmten Gens keinen Achselgeruch. Doch anstatt freudig auf Hilfsmittel zu verzichten, rücken sich mehr als drei Viertel der Geruchlosen dennoch mit Chemiewaffen in Form von Deodorants zu Leibe. Das haben britische Forscher in einer Studie mit knapp 6500 Frauen herausgefunden.

Die Probandinnen waren Mütter, die an einer großen Generationen-Langzeitstudie mit dem Namen "Children of the 90s" teilnehmen. Die Forschergruppe um Santiago Rodriguez von der University of Bristol hatte zunächst festgestellt, dass 117 der 6495 Frauen, also etwa zwei Prozent, eine kleine genetische Variation im Erbgut tragen. Dieser sogenannte Einzelnukleotid-Polymorphismus sorgt dafür, dass die Betroffenen keinen unangenehmen Geruch unter den Achseln produzieren.

Eine Befragung zum Gebrauch von Deodorants lieferte interessante Ergebnisse: Während fünf Prozent der Frauen, die Achselgeruch produzierten, kein Deo benutzten, waren es bei der geruchlosen Gruppe gut 20 Prozent (26 von 117), die darauf verzichteten. Trotz der geringen Zahl geruchloser Probandinnen sei dies "ein statistisch sehr signifikanter Unterschied", schreiben die Wissenschaftler im "Journal of Investigative Dermatology". Was sie aber eigentlich überrascht, ist die Tatsache, dass mehr als drei Viertel der Frauen regelmäßig ein Deo benutzen, obwohl sie es eigentlich nicht bräuchten.

Trockener Ohrenschmalz

"Wir glauben, dass diese Menschen schlicht soziokulturellen Normen folgen", sagt Mitautor Ian Day. Die Beobachtung widersprächen der Situation in Nordostasien, wo die meisten Menschen kein Deodorant bräuchten und dies auch nicht benutzen.

Rodriguez sieht in den Befunden ein Potential zur Abstimmung der persönlichen Hygiene auf die Genetik: "Ein einfacher Gentest könnte die Selbstwahrnehmung stärken und Menschen, die keinen Achselgeruch haben, vor unnötigen Anschaffungen und chemischen Einflüssen bewahren." Laut der britischen Marktforschungsfirma Euromonitor wurde 2011 allein in Großbritannien ein Gesamtumsatz von umgerechnet 722 Millionen Euro erzielt. Die Geruchlosen, zwei Prozent der erwachsenen Bevölkerung, könnten so zusammen immerhin 14 Millionen Euro jährlich sparen, wenn sie auf Deos verzichteten.

Vorherige Studien haben den Autoren zufolge gezeigt, dass sich die Genvariante für geruchlose Achseln auch an anderer Stelle auswirkt: Der Ohrenschmalz der Betroffenen ist eher trocken als klebrig. Dies könne als guter Indikator für den Achselschweiß dienen.

twn

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