Menschenopfer der Maya Fünf Tode für den Regengott mit dem langen Rüssel

Häuten, köpfen, die Opfer verbrennen oder das schlagende Herz aus dem Leib reißen: Die Maya waren bei ihren Opferungstechniken einfallsreich. Der Archäologe Guillermo de Anda kennt alle grausamen Rituale für den gefräßigen Regengott.

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Das Opfer starb auf dem Altar. Wenn auch das letzte Zucken aufgehört hatte, hoben die Priester den leblosen Körper auf und schwangen ihn über die Kante der Plattform. Mit dumpfen Schlägen rollte der Tote die Treppen hinunter, die ganze Vorderfront der Pyramide herab, bis er unten auf dem harten Boden aufklatschte. Dort nahmen ihn weitere Priester in Empfang und begannen sogleich mit der Arbeit. Mit sicheren Schnitten trennten sie die Haut vom Fleisch, nur Hände und Füße blieben unangetastet. Der Oberpriester, selber nackt, streifte sich die neue Haut über und begann seinen Tanz. Nach und nach kamen alle anderen hinzu und tanzten mit ihm am Fuß der Pyramide, durch den Staub, der rot war vom Blut.

So beschrieb Diego de Landa, Bischof von Yucatán, im 16. Jahrhundert eine religiöse Opferzeremonie der Maya. Über 400 Jahre später hat nun der Archäologe und Höhlentaucher Guillermo de Anda Alanis Knochen untersucht, die genau jene Schilderungen des Katholiken bestätigen. An den Schlüsselbeinen von mindestens drei Kinderskeletten stellte er feine Linien fest. Genau solche, wie ein scharfes Messer sie hinterlässt, wenn man mit ihm die dünne Haut über dem Schlüsselbein auftrennt.

Die Knochen stammen aus den Ruinen der Maya-Stadt Chichén Itzá. Genauer gesagt aus dem Wasserloch, das der Stadt ihren Namen gab. Denn der besteht aus den Maya-Wörtern chi (Mund), chén (Brunnen oder Teich) und itzá (der Name, den die Maya sich selbst gaben): Mund des Brunnens der Itzá. Dieser Mund ist eine so genannte Cenote, ein schachtartiges Loch über einer Kalksteinhöhle. Cenoten entstehen, wenn die Decke einer solchen Höhle einstürzt. Die füllt sich dann mit Regenwasser und dient der Süßwasserversorgung. In so flussarmen Gegenden wie der Halbinsel Yucatán waren die Cenoten überlebensnotwendig.

127 Skelette aus einer alten Sammlung in der Physical Anthropology Sektion des Anthropologischen Museums von Mexico Stadt hat sich de Anda vorgenommen. Sie stammen noch von zwei Tauchgängen in die Cenoten aus den Jahren 1960 und 1967. "Etwa 80 Prozent davon waren Kinder im Alter von drei bis elf Jahren", erklärt der Forscher von der Autonomen Universität von Yucatán SPIEGEL ONLINE. Die Zahl scheint zunächst ein altes Vorurteil zu bestätigen: Die Maya hätten reich geschmückte Jungfrauen geopfert, indem sie die Mädchen lebendig in die Tiefe der Cenoten warfen. Doch tatsächlich räumen die Ergebnisse der neuen Untersuchung mit diesem Mythos auf. Das Geschlecht der Kinder ist zwar nur schwer festzustellen. "Aber von den zwanzig Prozent der Erwachsenen waren rund zwei Drittel Männer. Und die wenigen Frauen unter den Toten hatten zu Lebzeiten ein Alter von 20 bis 35 Jahren erreicht – was nach Maya-Standards bestimmt nicht mehr als zarte Jungfrau durchging. Das waren alte Frauen."

Blutende Geköpfte schmückten das Spielfeld

Aus den Schnitten und Splittern der Knochen liest de Anda die Riten ab, bei denen die Opfer ihr Leben ließen. An den Schädeln ist das besonders schwer. "Die sind mit einer dicken Lackschicht überzogen, mit denen man die Knochen konservieren wollte. Und darunter kann man jetzt kaum noch etwas erkennen.” Trotzdem hat er an einigen der Kinderschädel immer wieder die gleichen Schnitte gefunden: über der Stirn, um die Warzenfortsätze der Schläfenbeine, um die Augenhöhlen und um die Ohren. Doch nicht immer waren die Werkzeuge so fein, dass sie nur dünne Linien hinterließen. Zwei Schädel erzählen von massiven Schlägen auf den Hinterkopf, und bei mindestens drei Kindern der Altersgruppe neun bis zwölf wurde der Unterkiefer gewaltsam vom Kopf entfernt. Bei einem weiteren Kind trennte ein axtartiger Gegenstand den Kopf vom Körper. Diese Praxis zeigen Abbildungen auf den Mauern des Ballspielplatzes von Chichén Itzá. Immer wieder schmücken dort Enthauptete die Spielfeldabgrenzung, aus deren Hals das Blut in Fontänen mit sieben Schlangenköpfen sprudelt. Sie galten bei den Mayas als Symbol der Fruchtbarkeit. Wenn das Blut den Boden berührte, erwuchs daraus der Baum des Lebens, glaubten sie.

Der Ballspielplatz von Chichén Itzá war auch schon in der Vergangenheit weit über die Grenzen der Stadt hinaus berühmt - er ist der größte von mehr als 520 auf der gesamten Halbinsel Yucatán. Bei dem Spiel ging es darum, einen schweren Ball ohne Zuhilfenahme der Hände oder Füße durch einen Steinring zu bugsieren, der in 6,5 Metern Höhe an den Mauern des Platzes befestigt war. Wer verlor, wurde den Göttern geopfert. Die Wände des Platzes sind reich mit Darstellungen dieser Opferzeremonien geschmückt. Neben der Enthauptung zeigen sie noch einen weiteren beliebten Opferritus in Chichén Itzá: das Herausreißen des schlagenden Herzens. Jaguare und Adler halten auf den steinernen Mauern die Herzen derjenigen in ihren Klauen, die einst auf diesem Feld das Spiel um Leben und Tod verloren. Auch hiervon hat de Anda an den Knochen aus der Cenote Spuren gefunden. Zwei der Skelette zeigen die Einschnittstellen von tiefen, V-förmigen Hieben direkt unter dem Rippenbogen.

"Dann gibt es noch die Verletzungen an den Extremitäten", führt de Anda die Liste der Opferpraktiken fort. Die Arme der Kinder blieben zumeist heil, aber an den Beinen von mindestens acht Individuen in der Altersgruppe 6 bis 12 fand der Archäologe Schnitte im Bereich der Kniescheibe. An den Schienbeinen setzen sich die Schnitte als Kratzspuren fort, dort schabte jemand das Fleisch der Beine von den Knochen. Ähnliche Kratzspuren fand de Anda an einem Schulterblatt, genau dort, wo die Rückenmuskulatur ansetzt.



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