Gesellschaftsforschung Menschenopfer helfen den Mächtigen

In vielen Gesellschaften gehörten Menschenopfer zum festen Brauchtum. Eine Analyse zeigt: Die perversen Riten nützen Herrschenden, um die Gemeinschaft zu spalten.

500 Jahre alter Schädel eines Menschenopfers am mexikanischen Templo Mayor
DPA/ MELITON TAPIA/ INAH

500 Jahre alter Schädel eines Menschenopfers am mexikanischen Templo Mayor


Was treibt Menschen dazu, andere in feierlichen Zeremonien hinrichten zu lassen? Eine neue Studie erkennt politische Motivation: Menschenopfer würden Herrschern helfen, andere zu unterdrücken.

Die Analyse von 93 Gesellschaften zwischen Madagaskar und Australien zeige, dass sich in Staaten mit Opferriten eher starre Hierarchien etabliert hätten, berichtet eine Gruppe um den Psychologen Joseph Watts von der neuseeländischen Universität Auckland im Wissenschaftsmagazin "Nature". Die Forscher glauben, dass die Opfer die Spaltung von Gemeinschaften beförderten.

Klassengesellschaften seien meist religiöser, schreiben die Gelehrten. Ihre Vermutung: Herrschende Klassen nutzten religiöse Riten, um ihre Macht abzusichern. Das zeremonielle Ermorden von Menschen sei politisch wirksam: Es habe geholfen, Hierarchien zu festigen, meinen die Forscher.

Rechtfertigungen für das Morden

Eine Besonderheit gab es: Führten egalitäre Gesellschaften Menschenopfer ein, entwickelten sich keine starren Schichten. Die Opferrituale halfen nur, bereits geteilte Gemeinschaften noch stärker zu spalten.

Die Forscher haben in 40 der 93 untersuchten Gesellschaften Zeugnisse von Menschenopfern gefunden - darunter in fünf der 20 egalitären Gemeinschaften, in 17 der 46 gemäßigten und in 18 der 27 stark hierarchisierten Klassengesellschaften.

In den untersuchten Gesellschaften seien unterschiedliche Rechtfertigungen für Menschenopfer bekannt: Strafe für Tabubrüche, die Ernennung eines neuen Chefs oder die Weihe eines neuen Hauses. In der Logik mancher Völker seien Menschenopfer eine Notwendigkeit gewesen, um das Weiterbestehen der Schöpfung zu gewährleisten, erklären Experten.

Geopfert wurden meist Angehörige niedriger Klassen, zum Beispiel Sklaven. Ihre Verurteiler hingegen genossen gewöhnlich hohen Status, sie waren beispielsweise Priester oder Häuptlinge.

Fotostrecke

5  Bilder
Fund in Mexiko: Archäologen entdecken Menschenopfer

boj

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.