Experimente der Autoindustrie Was steckt hinter den "Menschenversuchen"?

Die Reaktion auf die Abgasexperimente deutscher Autokonzerne war einhellig: "unethisch", "abstoßend", "empörend". Aber ist die Aufregung gerechtfertigt? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Uniklinik der RWTH Aachen
DPA

Uniklinik der RWTH Aachen

Von und


Selbst die Bundeskanzlerin sah sich zu einem Machtwort gezwungen: "Diese Tests an Affen oder sogar Menschen sind ethisch in keiner Weise zu rechtfertigen", sagte ihr Sprecher. "Die Empörung vieler Menschen ist absolut verständlich."

Am Wochenende war bekannt geworden, dass mit Tieren und Menschen Abgas-Experimente durchgeführt worden waren: Affen mussten in den USA vier Stunden lang Dieselabgase einatmen, in Aachen inhalierten 25 Freiwillige drei Stunden geringe Mengen Stickstoffdioxid.

Die von den Konzernen VW, Daimler und BMW gegründete Europäische Forschungsvereinigung für Umwelt und Gesundheit im Transportsektor (EUGT) förderte die Studien; die EUGT wurde 2017 aufgelöst. Die Ergebnisse der Affentests sollten ein positives Licht auf Dieselautos werfen.

Dass solche Tests nicht nur an Affen, sondern auch an Menschen "erwogen oder sogar durchgeführt worden" wären, sei "absurd und widerlich", polterte Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD), der als Vertreter des Landes im VW-Aufsichtsrat sitzt.

Zu kurz gekommen sind in der ersten Aufregung einige wichtige Fragen: Worum ging es in den Tests? Bestand ein Risiko für die Probanden? Und welche Erkenntnisse haben sie gebracht? Die Antworten überraschen etwas in Anbetracht der großen Aufregung.

Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick:

Was wurde in der Studie untersucht?

25 junge, gesunde Freiwillige - 19 Männer, 6 Frauen - wurden drei Stunden lang unterschiedlichen Mengen von Stickstoffdioxid ausgesetzt. Maximal mussten sie eine Konzentration von 1,5 ppm Stickstoffdioxid einatmen (also 1,5 Teilchen pro Millionen Luftteilchen).

Die Studie wurde 2013 - also vor dem VW-Abgasskandal - von Forschern der RWTH Aachen, von der TU München und der LMU München durchgeführt, an renommierten Instituten also.

Die sieben Wissenschaftler wollten nach eigenen Angaben die Folgen des Stickstoffdioxid auf den menschlichen Organismus untersuchen, weil der Stickstoffdioxid-Grenzwert für Arbeitsplätze 2010 verschärft worden war.

Bis 2010 lag der Grenzwert für die dauerhafte Stickstoffdioxid-Konzentration mehr als dreimal höher als in dem Experiment der Forscher, seither bei 0,5 ppm.

Gibt es einen Zusammenhang zum Dieselskandal?

Die Forscher betonen, die Studie sollte die Stickstoffdioxid-Belastung an Arbeitsplätzen untersuchen. An vielen Arbeitsplätze würden erhöhte Stickstoffdioxidwerte gemessen, gerade auch in der Autoindustrie - während Schweißarbeiten beispielsweise.

Stickstoffdioxid ist aber auch in Dieselabgasen enthalten, deren Messwerte von Volkswagen in den USA jahrelang manipuliert worden waren. Doch die Studie beantwortet nicht die Frage, ob Dieselmotoremissionen gefährlich sind oder ungefährlich. Es wurden keine Belastungen mit Dieselmotoremissionen getestet. Ein Zusammenhang kann deswegen nur angenommen, aber nicht eindeutig hergestellt werden.

Was ist das Ergebnis?

Ihr Experiment hätte "keine nennenswerten nachteiligen Reaktionen bei den Probanden gezeigt", berichten die Forscher.

Ähnliche Experimente wurden in den vergangenen Jahrzehnten häufig durchgeführt, wobei stets herauskam, dass Stickstoffdioxid-Konzentrationen von bis zu 1,5 ppm für gesunde Menschen unproblematisch sind, sofern sie nicht dauerhaft in solcher Luft leben würden.

Wie häufig werden solche Studie durchgeführt?

In Forschungsdatenbanken finden sich Tausende Studien, mit denen die Wirkung von Gasen auf Menschen getestet wurde. Auch die Bundesregierung beruft sich auf solche Experimente, in Stellungnahmen des Umweltbundesamtes beispielsweise. Tests an Menschen gehören auch in der medizinischen Forschung zum Standard - ohne sie würden viele Medikamente nicht zugelassen.

Was ist Stickstoffdioxid?

Das rotbraune Gas Stickstoffdioxid (NO2) hat einen stechenden Geruch. Es entsteht beispielsweise bei der Energiegewinnung mittels Kohle oder Gas, natürlicherweise im Boden oder bei Gewitter, bei Feuer - und auch in Motoren.

Stickstoffdioxid kann bei höheren Konzentrationen in den Atemwegen zu entzündlichen Reaktionen, zu Kopfschmerzen, Schwindel, Atemnot und Lungenödemen führen. Auch Reizwirkungen auf die Augenschleimhäute bei Konzentrationen höher als 10 ppm sind bekannt.

Aus langfristigen Tierversuchen und kurzen, mehrere Stunden dauernden Tests mit Freiwilligen ergibt sich eine unwirksame Stickstoffdioxid-Konzentration im Bereich von 1,5 ppm, wie sie in den Aachener Experimenten genutzt wurde.

Wurde die Studie genehmigt?

Bei geplanten Studien mit Menschen am Aachener Universitätsklinikum muss stets die Ethikkommission zustimmen. Die Zustimmung sei gut begründet gewesen, erläuterte ein Sprecher des Uni-Klinikums: Probanden hätten einen Stoff in unbedenklicher Dosis für kurze Zeit eingeatmet. Lkw-Fahrer oder Busfahrer wären solcher Belastung alltäglich ausgesetzt, die Belastung der Studien-Probanden insofern nichts Besonderes.

Was hat es mit den Affenversuchen auf sich?

Im Gegensatz zu den Experimenten in Aachen dienten die Affenversuche in den USA nach Angaben von US-Medien tatsächlich dazu, zu beweisen, dass die Diesel-Schadstoffbelastung dank moderner Abgasreinigung abgenommen hat. Dafür seien 2014 zehn Tiere in Albuquerque vier Stunden lang in Räumen mit Auspuffgasen eines VW Beetle eingesperrt gewesen. Laut einem Bericht der "New York Times" soll das Auto, das von VW für den Labortest bereitgestellt wurde, manipuliert gewesen sein und hätte weniger Schadstoffe ausgestoßen als die Straßenmodelle.

"Toxikologische Versuche an Affen sind leider gängig, auch in Deutschland", sagte Corina Gericke, Vizevorsitzende von Ärzte gegen Tierversuche. Im Jahr 2016 seien laut einer Statistik des Landwirtschaftsministeriums in Deutschland 1789 Affen für Versuche mit giftigen Substanzen genutzt wurden. "Typisch sind dabei wiederholte Gaben über 28 Tage hinweg", sagte Gericke, die solche Versuche kritisiert.

Was hat es mit der Autolobby hinter den Studien auf sich?

Eine Einflussnahme durch die Autoindustrie dementiert EUGT-Beiratsvorsitzenden Helmut Greim, emeritierter Professor für Toxikologie an der TU München. Die EUGT - eine von VW , Daimler und BMW finanzierte Lobby-Initiative - hatte die Studien in Auftrag gegeben.

Doch der EUGT-Vorstand bestand aus Vertretern der Autoindustrie, der dem Forschungsbeirat mit sieben Wissenschaftlern übergeordnet war. Es fiel auf, dass die von der Forschungseinrichtung unterstützten Studien für die Automobilkonzerne erfreuliche Ergebnis lieferten. Greim hatte in der Vergangenheit zudem eine Studie über das Pestizid Glyphosat zusammen mit einem Forscher des Herstellers Monsanto publiziert und war dafür kritisiert worden.



insgesamt 103 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Rubyconacer 30.01.2018
1. Ohje
Es zeigt sich erneut, dass in diesem Falle die deutschen Hersteller gemeinsam und im anderen Falle nahezu alle Hersteller gesammelt EU-Gesetzesvorgaben nicht eingehalten haben. Mir tun die Millionen Mitarbeiter leid, die für die Eskapaden und Unfähigkeiten einiger weniger im Alltag bluten müssen. Dr. Oetker verschlechtert seine Produkte und nimmt mehr Geld dafür. Ferrero rührt noch mehr Palmfett und billige Molke ins Nutella und erhöht die Preise. Die ist Gier, die keine Grenzen mehr kennt.
bstendig 30.01.2018
2. Was sich aus meiner Sicht hier eindeutig zeigt..
ist das Pawlow'sche Beißreflex-Verhalten der Presse und unserer Politiker- man könnte es auch als "Empörungs-Gen" bezeichnen. Das es auch anders geht, zeigt dieser Artikel. Da werden einige Dinge aufgeklärt und dokumentiert. und es wird nicht versucht, eine Wertung vorzunehmen. Respekt dem Autor. Ganz im Gegensatz zu unseren Politikern und den Journalisten, die sich in den letzten Tagen als "Töchter und Söhne der Empörung" positioniert haben. Ich dachte mir: Irgendwo muss eine Wahl anstehen. Tier- und Menschenversuche gibt es mit Verlaub für jeden Sch**ß, Alles genehmigt von der Ethik-Kommission oder von Gesetzen. Warum man dann ausgerechnet, wenn man "Auto" und "Abgas" hört sofort in die Panik verfällt ist mir nicht klar. Für irgendwelche Tierversuche für die Anti-Falten-Plörre der Politikergattin interessiert sich hingegen keine Sau. Aber bitte - es muss nicht alles logisch ablaufen in dieser Welt.
ichliebeuchdochalle 30.01.2018
3. Wenn das stimmt
was in diesem Artikel steht dann ist die ganze Angelegenheit viel wenig Rauch um nichts, leider werden das die meisten Bürger die in den letzten Tagen aufgeschreckt wurden durch Meldungen von höchster Ebene a la "Deutschland vergast wieder" niemals so deutlich erklärt bekommen dass bis 2010 ein dreimsl so hoher Grenzwert wie der im Experiment völlig legal war. Warum deswegen Köpfe rollen mussten bei VW das versteh ich nicht !
WolfThieme 30.01.2018
4. Alles ganz harmlos
Hinterher erklären nützt nix. Mein Vater konnte auch hinterher erklären, warum sein Fußballverein nicht gewinnen konnte. Rechtzeitige Information der Öffentlichkeit durch die Automobilindustrie hätte die Aufregung um Menschenversuche, ein Thema, das man hierzulande etwas subtiler behandeln sollte, sicher gemindert. Aber so ist es eben, wenn die Auto-Fürsten, siehe Diesel-Skandal, vernebeln, abstreiten, lügen. Dann glaubt man ihnen gar nichts mehr.
tuk-tuk 30.01.2018
5. Ich sehe das differenziert
Diese unnötigen Versuche wurden mit Primaten durchgeführt! In der Evolution dem Menschen sehr nah. Die Tiere können sich nicht weigern oder wehren während die humanen Probanden selbst entscheiden konnten und das freiwillig durchgezogen haben. Hier sehe ich den Skandal!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.