Menschliche Vorfahren Kratzspuren belegen frühe Fleischesslust

Schlemmen in der Savanne: Schon vor 3,4 Millionen Jahren ließen sich unsere Ahnen das Fleisch von Tieren schmecken. Darauf deuten Schnittspuren an alten Knochen hin. Damit scheint auch klar, dass die menschlichen Vorfahren weit früher als bisher bekannt auf Werkzeuge zurückgriffen.

Dikika Forschungsprojekt

London - Die Vorfahren des Menschen haben bereits vor 3,4 Millionen Jahren Werkzeuge benutzt - und zwar um Fleisch von Tierknochen zu schaben. Das glaubt ein internationales Forscherteam nach einem spektakulären Fund in Äthiopien. Die Wissenschaftler hatten Knochen ausgegraben, die Schnitt- und Schlagspuren von Steinwerkzeugen aufweisen. Vermutlich haben Vormenschen damit Fleisch von Knochen abgetrennt oder den Knochen geöffnet, um ans Knochenmark zu gelangen, etwa 800.000 Jahre vor der bisher vermuteten ersten Werkzeugnutzung.

Die Funde werfen ein neues Licht auf die Art Australopithecus afarensis, zu der auch das berühmte Fossil "Lucy" gehört. "Die Entdeckungen geben Einblick in die Evolution und die Anfangsphase der Verwendung von Steinwerkzeugen", berichten die Wissenschaftler um Shannon McPherron vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig im Fachmagazin "Nature".

Die Knochen seien "der erste Beweis für ein neues Jagd- und Essverhalten von Australopithecus afarensis", so die Forscher. Diese Entdeckung verschiebe den bislang bekannten Zeitrahmen für die Verhaltensänderung des Vormenschen "grundlegend".

Schnitt-, Schab- und Schlagspuren

Bisher galten Funde aus Äthiopien und Kenia als früheste Spuren der Werkzeugnutzung durch Frühmenschen. Auf den dort ausgegrabenen Knochen gibt es charakteristische Schnittspuren - ein eindeutiges Zeichen für den Gebrauch von Steinwerkzeug. Sie sind zwischen 2,5 und 2,6 Millionen Jahre alt. Anthropologen haben aber keine Fossilien der Werkzeughersteller entdeckt.

Im nahegelegenen Hadar haben sie lediglich einen 2,4 Millionen Jahre alten Oberkiefer eines frühen Vertreters der Gattung Homo gefunden. Die Wissenschaftler glaubten deswegen, dass diese Hominiden die ersten Vorfahren der Menschen waren, die Werkzeuge selbst herstellten und verwendeten.

Doch die neuen Grabungen in der sogenannten Hadar-Formation im äthiopischen Dikika haben nun die mehr als 800.000 Jahre älteren Fossilien ans Licht gebracht. Die beiden auf ein Alter von 3,4 Millionen Jahre datierten Tierknochen weisen Schnitt-, Schab- und Schlagspuren auf und stammen von zwei Tieren, die etwa die Größe einer Ziege und einer Kuh besaßen. Außerdem fanden die Forscher in unmittelbarer Nähe ein fast komplettes Skelett eines jungen Australopithecus afarensis.

Die menschlichen Vorfahren übten sich zu dieser Zeit gerade im aufrechten Gang. Das bekannteste Fossil aus dieser Zeit ist "Lucy": Ihr Skelett zählt zu den besterhaltenen der frühen Vorfahren des Menschen - es ist nur 105 Zentimeter groß und wurde 1974 nicht weit von der jetzigen Fundstelle entdeckt. In der Fachliteratur wird "Lucy" als erwachsene Frau von 25 Jahren beschrieben, die vor ungefähr 3,2 Millionen Jahren gelebt hat. Ebenfalls nicht weit entfernt haben Wissenschaftler auch ein Fossil gefunden, das "Lucys Baby" oder "Selam" genannt wird. Es handelte sich um ein Australopithecus-Mädchen, das vor etwa 3,3 Millionen Jahren lebte.

Jäger oder Aasfresser?

"Wenn wir uns 'Lucy' beim Durchstreifen der ostafrikanischen Landschaft auf der Suche nach Nahrung vorstellen, sehen wir sie nun erstmals mit einem Steinwerkzeug in der Hand auf Fleischsuche", sagte Archäologe McPherron. Mit mikroskopischen Analysen haben die Wissenschaftler nämlich gezeigt, dass die verräterischen Spuren vor dem Fossilisieren der Knochen entstanden.

Einer der Schnitte enthielt sogar noch einen winzigen Steinrest. "Die Spuren lassen zweifelsfrei darauf schließen, dass sie von Steinwerkzeugen verursacht wurden", sagt der Archäologe Curtis Marean von der Arizona State University, der die Tierknochen untersucht hat. Die Forscher wissen aber nicht, ob die Australopithecinen aus Dikika ihre Beutetiere selbst jagten oder eher auf Aas spezialisiert waren.

Ebenfalls keine Antwort haben die Wissenschaftler auf die Frage, ob die Hominiden Steine mit bereits scharfen Kanten als Werkzeuge verwendeten, oder ob sie sie vielleicht sogar selbst anfertigten. Die Anthropologen haben in der Nähe aber keine entsprechenden Hinweise gefunden. "Ob Australopithecus afarensis in der Lage war, derartige Werkzeuge selbst herzustellen, müssen wir erst noch herausfinden", sagt McPherron.

Eines scheint jedoch klar: Die Steine in den Ablagerungen an der Fundstelle sind für die Werkzeugherstellung fast alle zu klein. "Die an diesem Ort lebenden Hominiden trugen also wahrscheinlich Steinwerkzeuge bei sich, die aus besserem Rohmaterial von einem anderen Ort stammten", glauben die Forscher.

chs/ddp/dpa/apn/afp



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