Menschwerdung: Streit um Toumaïs Platz im Stammbaum

Von Stefan Schmitt

Der Toumaï-Schädel gilt als Überrest des ältesten menschenartigen Wesens. Forscher aus Frankreich und den USA behaupten nun: Es war ein Affe und ging auf allen Vieren. Der über sechs Millionen Jahre alte Primat erinnert daran, dass der frühe Stammbaum des Menschen eher einem Gebüsch gleicht.

Ein Affe - oder doch der Affe? Der Schädel mit der wenig prätentiösen Registernummer TM 266, versehen mit dem hübschen Spitznamen Toumaï, gilt als ältester Fund eines Vormenschen - jedenfalls in der Lesart seiner Finder. Vor sechs bis sieben Millionen Jahren hat das Wesen gelebt, das Forscher um den Franzosen Michel Brunet vor vier Jahren der Weltöffentlichkeit präsentierten.

Nicht alle Paläoanthropologen - Wissenschaftler, die sich mit der Familiengeschichte der Gattung Mensch beschäftigen - teilen jedoch diese Meinung. Seit der ersten Veröffentlichung des Toumaï- Fundes im Wissenschaftsmagazin "Nature" wird darüber gestritten. Zwischenzeitlich wurde gar sein Gesicht rekonstruiert, da schaute Toumaï nett und beinahe menschlich drein. Jetzt melden sich prominente Skeptiker mit einer anderen Interpretation des Schädels zu Wort.

Er möge ein frühes Mitglied des Gorilla-Stamms gewesen sein, oder eng mit den Schimpansen verwandt oder möglicherweise auch mit dem gemeinsamen Vorfahren von Menschen und Schimpansen - oder aber er gehöre einem ausgestorbenen Verwandtenstamm an. Die letztgenannte Möglichkeit halten Milford Wolpoff von der University of Michigan und seine Mitautoren aus den USA und Frankreich für die "vielleicht wahrscheinlichste".

Der Schädel sei arg zerdrückt gewesen, als Djimboumalbaye Ahounta von der Mission Paléoanthropologique Franco-Tchadienne ihn im Sediment des prähistorischen, heute weitgehend ausgetrockeneten Tschad-Sees gefunden habe. Abrieb an den Eckzähnen deute darauf hin, dass die Zähne ineinander gegriffen hätten, wie bei Affen. Die Form des Hinterkopfes zeige, dass Toumaï sich auf allen Vieren fortbewegt habe, schreiben die Forscher in einem Beitrag für die online erscheinende und von Kollegen begutachtete Fachzeitschrift "PaleoAnthropology".

"Das ist ein maßgeblicher Beitrag", sagte Zeresenay Alemseged, Forscher vom Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie. "Wolpoff und seine Kollegen haben ihre Behauptungen aus dem Jahr 2002 ausgearbeitet." Seit dem Toumaï-Fund im Tschad streiten die Fachleute: Soll man das Wesen wegen seiner primitiven Merkmale zu den Affen zählen? Oder gibt es genügend Hinweise darauf, dass es ein Hominide war - der älteste, der bislang bekannt ist?

In die Ahnengalerie hinein oder heraus?

"Wir sprechen hier von einem Schädel, der über sechs Millionen Jahre alt ist", sagte Alemseged zu SPIEGEL ONLINE. Außerdem hätten Brunet und sein Team eben nur den Schädel und Teile des Kiefers im Sand des Tschad gefunden, aber keine Knochen von den Gliedmaßen des Wesens. Daher müssten die Forscher mit Hilfe des Schädels etwas erkennen, was außerhalb des Schädels liege, sagte der Leipziger Forscher. Bei dieser Spurensuche spielen die Zähne Toumaïs eine Schlüsselrolle - und jenes Loch im Schädelboden, durch das Gehirn und Rückenmark verbunden waren.

Wolpoff und seine Kollegen argumentieren, die Zähne von Toumaï hätten so ineinander gegriffen, wie es von Affen bekannt sei. "Er ist der erste Verwandte, den wir von den frühesten Hominiden haben, oder etwas in der Richtung, aber er ist überhaupt nicht hominid", sagte Wolpoff. Feinheiten beim Fossil machten einen großen Unterschied bei dessen Einordnung.

"Diese Details sind wichtig, weil sie Auswirkungen auf das Verhalten haben", erklärt Alemseged. Mit den körperlichen Merkmalen hätte sich auch das Benehmen Toumaïs verändert: "Wie wir ja wissen, blecken Affen ihre Zähne, nutzen sie zur Zurschaustellung, zum Kämpfen und so weiter - Hominiden tun das nicht."

Noch zentraler für die Unterscheidung ist der zweibeinige Gang. Je näher das Loch im Schädelboden an der Mitte sitzt, desto wahrscheinlicher konnte der Kopf auf dem Rückgrat balanciert werden, das zeigt die Körperphysik. Für Wolpoff und seine Kollegen zeigt aber die Position des Lochs im Schädel, dass der Kopf von starken Muskelsträngen am hinteren Ende gehalten wurde. Keine aufrechte Balance also, sondern der Kopf als vorderes Ende eines gebeugten Rückens - das würde Toumaï zum Vierfüßer degradieren. Zweibeinigkeit jedoch ist das hervorstechende Merkmal, das Hominiden von allen anderen Spezies unterscheidet.

Stammgebüsch statt Stammbaum

"Die eigentliche Debatte jedoch", sagte Alemseged, "dreht sich nicht nur um die Annahmen von Brunet und Wolpoff. Sie ist philosophisch und hat weitreichende Folgen dafür, wie wir frühe Menschenartige definieren." Schon länger setzt sich in der Erforschung der Menschwerdung die Ansicht durch, dass es nicht bloß die eine, klare Entwicklungslinie gab.

Einzelne Merkmale könnten sich mehrfach und unabhängig voneinander entwickelt haben, wieder verschwunden sein und viel später andernorts wieder aufgetaucht sein. In den neunziger Jahren hat der Südafrikaner Phillip Tomas etwa das Modell von einer Evolution im Mosaik beschrieben - nachdem er einen versteinerten Fuß fand, dessen Zehen sehr nach Affen-, andere Teile arg nach Menschen-artigen Merkmalen aussahen.

Mit Toumaïs taxonomischer Bezeichnung, Sahelanthropus tchadensis, haben die Entdecker ihn in die Ahnengalerie des Menschen eingereiht. "Er würde ein Mitglied dieser Familie darstellen - just nach der Trennung von Affen und Hominiden", sagte Alemseged. Toumaï als aufrecht dahinschreitendes Proto-Menschlein, lange bevor die nächsten Menschenartigen ihr Haupt in den afrikanischen Himmel reckten?

Wolpoff und sein Team lehnen diese Einordnung ab, und stufen Toumaï schlicht als "irgendeine Sorte Affe" ein - unterschiedliche Auslegungen derselben Daten. Er hoffe, dass diese andere Interpretation "nun auch in die hochdotierten Journals gelange", sagte ein anderer renommierter Paläoanthropologe zu SPIEGEL ONLINE, denn eindeutig seien die Befunde im Fall Toumaï nicht. Er wies auf frühere Fehl-Einordnungen von Fossilfunden hin.

Erbgut als Schiedsrichter

Im Streitfall Toumaï könnte die Paläogenetik weiterhelfen. Im Mai stellten Genforscher um Nick Patterson vom Broad-Institute der Harvard University und des MIT die Ergebnisse eines Vergleichs der DNA von modernen Menschen und Schimpansen vor. Sie deutet darauf hin, dass die beiden Arten sich erst vor 6,3 Millionen Jahren getrennt haben - oder sogar später.

"Wenn diese Zahl von 6,3 Millionen Jahren zuverlässig ist und wenn das Alter Toumaïs von 6,5 bis 7 Millionen Jahren ebenfalls zuverlässig ist, würde das automatisch bedeuten, dass Toumaï ein Affe war, der vor der Artentrennung gelebt hat", sagte Alemseged.

Wichtiger als die Unterscheidung Affe-Hominid ist für die Wissenschaft indes das Studium einzelner Merkmale. Die einzige Möglichkeit, die Debatte über Toumaïs aufrechten Gang zu schließen, sieht der Leipziger Forscher in weiteren Knochenfunden. "Vorzugsweise ein Hüftknochen oder ein unteres Stück vom Bein", sagte Alemseged, "das würde eindeutig zeigen, ob Toumaï nun aufrecht ging oder nicht."

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