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Mentales Training: Üben im Kopf verbessert Wahrnehmung

Üben, üben, üben - diese Devise gilt für Sportler, Musiker oder Sprachschüler. Doch in manchen Fällen reicht es auch aus, wenn die Übung bloß im Kopf stattfindet - zumindest wenn es darum geht, die Sinneswahrnehmung zu verbessern.

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DDP

Vorstellungskraft: Mentales Training schärft die Sinne

Cambridge - Viele Sportler nutzen die Kraft der grauen Zellen routinemäßig: Training für den Kopf, wissen Sportpsychologen, ist Training für den Wettkampf. Mentale Arbeit kann helfen, bestimmte Bewegungsabläufe zu automatisieren. Dazu stellt sich der Sportler seine Handlungen wiederholt im Kopf vor, ohne sie tatsächlich auszuüben.

Jetzt haben Schweizer Forscher herausgefunden: Mentales Training hilft nicht nur beim Sport, sondern auch bei der Sinneswahrnehmung. Wer seine Sinne schärfen möchte, kann sich die zu lösende Aufgabe ebenso gut mehrmals vor sein geistiges Auge holen, anstatt sie tatsächlich wiederholt durchzuspielen.

Zugute kommen könnte das Prinzip beispielsweise Radiologen, die meist jahrelang üben müssen, um ungewöhnliche Signale auf Bildern von Röntgengeräten oder Magnetresonanz-Scannern zu erkennen. Sie könnten davon profitieren, sich eine bestimmte Anomalie immer wieder genau vorzustellen, schreiben Elisa Tartaglia von der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Lausanne (EPFL) und ihre Kollegen im Fachmagazin "Current Biology".

Mentales Training kann Hirnzellen vernetzen

Den Wissenschaftlern ging es in ihrer Studie um das sogenannte perzeptuelle Lernen, bei dem die Fähigkeit trainiert wird, geringe Unterschiede in einem Bild oder Abweichungen vom Hintergrund wahrzunehmen. Bisher gingen Psychologen davon aus, dass dazu immer wieder ein und derselbe Sinneseindruck nötig ist: Durch die ständige Wiederholung würden mit der Zeit die Verbindungen zwischen bestimmten Nervenzellen im Gehirn verändert.

Doch offenbar funktioniert das Prinzip auch ohne diesen Sinneseindruck, wie nun die neue Studie zeigt. In einem Experiment sollten die Probanden den Abstand zwischen Linien schätzen. Es galt, auf Abbildungen von drei parallelen Linien zu erkennen, ob die mittlere näher an der rechten oder der linken lag. Dabei sollten die Probanden möglichst schnell auf kleine Veränderungen in einem Strichmuster reagieren.

Die Teilnehmer wurden in zwei Gruppen aufgeteilt: Eine Gruppe sollte mental trainieren. Dazu zeigten ihnen die Wissenschaftler lediglich die beiden äußeren Linien mit der Maßgabe, sich die mittlere vorzustellen. In diesem Test zeigte ein hoher oder ein tiefer Ton an, ob die Linie gedanklich eher nach rechts oder eher nach links verschoben werden sollte. Die andere Gruppe hingegen sah immer wieder ein Bild aus drei Linien, von denen die mittlere mal etwas näher an der rechten und mal etwas näher an der linken auftauchte.

Nach der Trainingsphase überprüften die Wissenschaftler erneut die Fähigkeiten der Probanden. Das Resultat: Beide Gruppen hatten ihre Fähigkeiten ähnlich stark verbessert. Offenbar hatte auch das mentale Üben geholfen, die Wahrnehmungsfähigkeit zu verbessern. Und noch ein weiteres Phänomen zeigte sich bei der Auswertung: In beiden Fällen umfasste der Lerneffekt nicht nur die trainierten senkrechten Linien, sondern auch zuvor nicht getestete waagerechte - ein Effekt, der beim perzeptuellen Lernen gewöhnlich nicht auftritt und den die Wissenschaftler bisher nicht erklären können.

cib/ddp

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