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Methoden der alten Ägypter: Mumie aus dem Natronbad

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Wie konnten die alten Ägypter Körper für die Ewigkeit konservieren? Zürcher Forscher haben nach antikem Rezept Gebeine mumifiziert - und dann mit neuester Technik untersucht. Das Gewebe blieb fast perfekt erhalten, viel besser als erwartet.

Methoden der alten Ägypter: Mumie leichtgemacht Fotos
Universität Zürich

Bisher lief Mumienforschung so: Wissenschaftler finden Tausende Jahre alte Leichen aus Ägypten und versuchen, mit modernen Methoden die Einbalsamierungstechniken der Antike zu rekonstruieren. Jetzt macht sich der Mediziner Frank Rühli vom Anatomischen Institut der Universität Zürich auf, eine andere Methode zu probieren. Er hat die Beine einer jüngst verstorbenen Frau mumifiziert - um in der Zukunft an ihnen forschen zu können.

"Das Projekt ist eine sehr reizvolle Mischung", sagt Rühli. Er wendet alte und neue Methoden und Techniken an. Bei der Einbalsamierung hielt er sich zum Beispiel an die 2500 Jahre alte Beschreibung des griechischen Geschichtsschreibers Herodot. Was dabei passierte, "haben wir mit modernster Magnetresonanz- und Computertomografie dokumentiert".

Als Leiter des Swiss Mummy Projects hat Rühli schon viele Mumien untersucht. Vor vier Jahren beriet er das ägyptische Team, das den Pharao Tutanchamun im Computertomografen scannte. Und auch Eismann Ötzi gehörte zu den prominenten Objekten des Zürcher Paläopathologen. Für sein neues Projekt verwendete Rühli die Beine einer anonymen Spenderin, die verfügt hatte, dass nach ihrem Tod ihr Körper für die wissenschaftliche Forschung verwendet werden darf.

"Wir wollten keine komplette Mumie herstellen, sondern eine ganze Reihe von Einzelfragen klären", sagt der Wissenschaftler. "Zum Beispiel, wie sich das Gewebe durch den Mumifizierungsprozess verändert." Die Forscher interessiert, was mit der DNA passiert, dem Erbgut in dem Gewebe. Dabei wollen sie auch neue Scantechnik für die Anwendung in der Paläopathologie und Forensik testen.

Man lege die Leiche 70 Tage in Natron

Herodots Rezept für die Dehydrierung von Verstorbenen liest sich recht simpel: "Dann legten sie die Leiche 70 Tage lang in Natron." Dafür kommen mehrere chemische Verbindungen in Frage; welches Salz Herodot genau meinte, ist nicht überliefert. Rühli verwendete für seine Mumie ein Salzgemisch aus vier Komponenten. 60 Kilo waren notwendig, um eines der Beine vollständig zu bedecken.

Das Natron soll dem Gewebe die Flüssigkeit entziehen und es schließlich austrocknen. Dieser Prozess dauerte länger als 70 Tage: "Selbst nach drei Monaten zeigten die Magnetresonanzaufnahmen, dass im Gewebe immer noch feuchte Bereiche waren", sagt Rühli. Das mag allerdings am feuchten Schweizer Klima gelegen haben: "Die Luftfeuchtigkeit ist hier natürlich viel höher als in der ägyptischen Wüste", sagt Rühli.

Trotz der Wasserreste war das Resultat zufriedenstellend, zumindest äußerlich. Der Altersunterschied zwischen einem der Spenderbeine und denen der ägyptischen Mumien beträgt rund 4000 Jahre - doch ließ er sich optisch und haptisch kaum feststellen. "Das Bein ist ganz steif geworden, besonders am Fuß", sagt Rühli.

Das Erstaunliche war, dass zwar Haut und Muskeln durch die Dehydrierung braun und verschrumpelt aussahen - die Zellstruktur aber kaum gelitten hatte. "Das Gewebe ist fast perfekt erhalten. Viel besser als erwartet."

Der trockene Wüstensand dörrte die Gebeine aus

Am zweiten Spenderbein wollte das Team eine weitere Konservierungsmethode testen. Denn was Herodot beschreibt, ist die weiter entwickelte Einbalsamierungskunst etwa 450 vor Christus - die Ägypter hatten sie lange perfektioniert, schon zwischen 2600 und 2500 vor Christus wurden Leichen professionell einbalsamiert. Davor diente eine viel einfachere Methode der Konservierung des Körpers für die Ewigkeit. Man vergrub den Leichnam schlicht im heißen, trockenen Wüstensand, bis alles Wasser aus ihm verdunstet war.

Um diese frühe Form der Mumifizierung zu erforschen, legten Rühli und sein Team das Bein in einen Wärmeschrank. Bei geringer Luftfeuchtigkeit dörrte es darin bei konstanten 40 Grad Celsius. Doch das Ergebnis war weitaus weniger zufriedenstellend als beim ersten Bein. Unter diesen Laborbedingungen ließ sich das natürliche Wüstenklima nicht nachahmen. Das Bein dehydrierte nicht, und nach etwa einer Woche setzte der Verwesungsprozess ein.

Rühli ist nicht der erste Forscher, der eine moderne Mumie schafft. 1994 wurde der komplette Körper eines 70-Jährigen, der an einem Herzinfarkt gestorben war, dieser Prozedur unterzogen. Die Wissenschaftler waren damals Ronald Wade vom Anatomischen Institut der University of Maryland Medical School in Baltimore und der Ägyptologe Bob Brier von der Long Island University. Sie hielten sich so strikt wie möglich an die bekannten altägyptischen Gepflogenheiten. Brier rezitierte bei der Arbeit sogar ägyptische Gebete. Bei der Verpackung der Leiche in neun Kilogramm feinstes Leinen bekam der Tote wie seine ägyptischen Vorgänger Amulette in die Binden mit eingewickelt.

Gebete und Amulette für den Toten

Im Gegensatz zu Rühlis Team waren Wade und Brier mehr an einer möglichst authentischen Mumien-Reproduktion interessiert als an modernen Techniken der Gewebeanalyse. Dafür aber stellten sie ihr Ergebnis bereitwillig anderen Wissenschaftlern zur Verfügung - und so ist ihre Mumie auch heute noch ein begehrtes Forschungsobjekt.

Viele Kollegen bitten darum, an ihr Methoden und Techniken ausprobieren zu dürfen, bevor sie Gewebe von den echten alten Mumien für Untersuchungen entnehmen. So übte Angelique Corthals von der University of Manchester an dieser Leiche, wie man DNA aus Mumiengewebe extrahiert, bevor sie sich an die Überreste der großen Pharaonin Hatschepsut heranwagte.

Auch für Rühli und sein Team beginnt erst der spannende Teil der Arbeit. In Leinen wickeln wollen sie das Bein jedenfalls nicht - "das Einwickeln verbessert nicht die Mumifikation an sich, sondern dient lediglich der Erhaltung dieses Zustandes", sagt der Forscher. "Wir wollen jetzt eher versuchen, das Gewebe wieder zu wässern, um zu sehen, wie viel von der ursprünglichen Morphologie wiederhergestellt werden kann."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 2 Beiträge
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1. Pyramide schon gebaut
Wolfgang Jung 23.10.2009
Zitat von sysopWie konnten die alten Ägypter Körper für die Ewigkeit konservieren? Zürcher Forscher haben nach antikem Rezept Gebeine mumifiziert - und dann mit neuester Technik untersucht. Das Gewebe blieb fast perfekt erhalten, viel besser als erwartet. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,655943,00.html
Habe ganz spontan in meinem Garten eine kleine Pyramide gebaut, bin ja nicht größenwahnsinnig, und werde mich kurz nach meinem Ableben in Zürich mumifizieren lassen. Den neuen Ägyptern traue ich da nicht mehr über den Nil.
2. Vieleicht hätten sie jemanden Fragen sollen
tomu1 24.10.2009
der sich damit auskennt. Die Züricher Forscher hätten vielleicht mal mit dem Metzger ihres Vertrauens reden sollen. Der hätte ihnen ein paar Tipps zum Fleisch einsalzen geben können. Bündner Fleisch ist nichts anderes als durch Salz und Luft dehydriertes Fleisch.
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