Methodenkritik Forscher halten Städterankings für untauglich

Spieglein, Spieglein an der Wand: Welche Stadt ist die schönste im Land? Unzählige Rankings sortieren Orte nach Wirtschaftskraft und Wohlfühlfaktor. Doch Forscher halten deren Aussagekraft für gering. Sie fordern neue Kriterien, um die Metropolen richtig zu bewerten.

Frankfurt am Main: Rankings beurteilen die Stadt als besonders zukunftsfähig
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Frankfurt am Main: Rankings beurteilen die Stadt als besonders zukunftsfähig

Von Magdalena Hamm


Hamburg ist die beliebteste Stadt der Deutschen, am besten leben und arbeiten lässt es sich in München, die größte wirtschaftliche Zukunft hat Frankfurt am Main. So lauten die Ergebnisse der neuesten Städterankings, die in schöner Regelmäßigkeit herausgegeben werden, meist von Unternehmensberatungen oder privaten Wirtschaftsinstituten. Die Bürgermeister der drei Städte freuen sich vermutlich - doch tatsächlich sagen die meisten Rankings nur wenig über die Qualität der Städte aus.

Zu diesem Ergebnis kommt eine Forschergruppe aus den USA. Nach ihren Erkenntnissen berücksichtigen die Erhebungsmethoden weder die Größe der Stadt, noch deren lokale Besonderheiten. In ihrer Studie, die im Fachblatt "Plos One"erschienen ist, fordern die Wissenschaftler deshalb neue Bewertungskriterien.

Zielgruppe der meisten Rankings sind Investoren und Kreative, sie sollen in die Städte gelockt werden und Geld oder Ideen mitbringen. Oder sie richten sich an Politiker, die an den Hebeln der Stadt- und Raumentwicklung sitzen. Doch um abzuschätzen, welche Stadt die produktivste, die wohlhabendste oder die kriminellste ist, sind bisher simple Pro-Kopf-Berechnungen üblich.

Untersucht werden oft nur lineare Zusammenhänge

Produktivität errechnet sich zum Beispiel aus dem Bruttoinlandsprodukt pro erwerbstätigem Einwohner einer Stadt. Wohlstand ist gleichzusetzen mit dem durchschnittlichen Einkommen, Kriminalität entspricht der Anzahl der Straftaten pro tausend Bürger.

Bei diesen Messgrößen handelt es sich also durchweg um lineare Zusammenhänge. Wenn in München in einem Jahr mehr Straftaten begangen (beziehungsweise von der Polizei aufgedeckt) werden, steigt bei gleichbleibender Bevölkerung die Kriminalitätsrate. Umgekehrt bewirkt ein Bevölkerungszuwachs eine schwindende Kriminalitätsrate, wenn die Gesamtzahl der Straftaten gleich bleibt. Nimmt beides in gleichem Maße zu oder ab, verändert sich die Rate nicht.

Die meisten Rankings fassen eine Vielzahl solcher linearer Faktoren zusammen. Das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut beispielsweise will mit seinem Ranking die Zukunftsfähigkeit der 30 größten Städte Deutschlands abbilden. Die Kriterien sind unter anderem Bildung, Internationalität, Bevölkerungswachstum, Entwicklung des Arbeitsmarktes und Produktivität. Internationalität setzt sich wiederum zusammen aus dem Anteil ausländischer Erwerbstätiger und ausländischer Studenten an der Gesamtbevölkerung, sowie den Übernachtungen ausländischer Touristen. Aus der Summe all dieser Faktoren errechnete das private Institut den ersten Platz für Frankfurt am Main, dicht gefolgt von München und Düsseldorf, den letzten Platz belegt Chemnitz.

Großstädte haben einen statistischen Vorteil

Hier setzt die Kritik von Luis Bettencourt an: "Städte sind mehr als die Summe ihrer individuellen Teile." Der Physiker vom Santa Fe Institut in New Mexico hält es für wenig sinnvoll, nur anhand einfacher Pro-Kopf-Messungen zu entscheiden, welche Stadt besser oder schlechter als eine andere ist. "Es gibt zwei Faktoren, die eine Stadt ausmachen: Ihre Größe und ihren ganz spezifischen Charakter", erklärt Bettencourt.

Großstädte hätten einen statistischen Vorteil gegenüber kleineren Städten. Denn dort, wo sich in kurzer Zeit viele Menschen ansiedeln, in sogenannten Agglomerationen, sei natürlicherweise die Infrastruktur besser, die Effizienz höher und neue Entwicklungen könnten sich schneller durchsetzen. Bettencourt konnte zeigen, dass viele Messfaktoren wie Kriminalität, Wohlstand oder Produktivität eben nicht linear mit einem Bevölkerungswachstum zunehmen: Jede Verdopplung der Einwohnerzahl steigert die Produktivität pro Kopf um etwa 15 Prozent, jeder Bewohner verdient im Schnitt rund 15 Prozent mehr Geld, ist zu 15 Prozent innovativer, hat aber auch eine 15 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit, Opfer eines Verbrechens zu werden.

In ihrer Studie erklären die Forscher diesen Agglomerationseffekt am Beispiel amerikanischer Städte, "er ist aber völlig unabhängig von der Geografie, wir konnten den Effekt auch für China, Japan oder Deutschland bestätigen", so Bettencourt. Interessant seien nun Städte, die von dieser 15-Prozent-Regel abweichen - also entweder darüber oder darunter liegen. "Diese Abweichungen lassen sich meist nur mit den ganz individuellen Charaktereigenschaften einer Stadt erklären, etwa ihrer Geschichte oder der Industrie, die sich einmal dort angesiedelt hat."

Städte machen etwas einzigartig richtig - oder falsch

Ein Beispiel: Berlin hat ungefähr doppelt so viele Einwohner wie Hamburg, nach der Regel des Agglomerationseffekts müsste das Bruttoinlandsprodukt eines Berliners also etwa 15 Prozent höher liegen als das eines Hamburgers. De facto liegt es aber fast 19 Prozent unter dem Wert, der für eine Stadt dieser Größe zu erwarten wäre. Nachdem die Stadt lange Zeit in Ost und West geteilt war, ist diese Abweichung aber nicht verwunderlich.

In Hannover liegt die Produktivität pro Kopf dagegen rund 18 Prozent höher als man es für die Größe der Stadt annehmen würde. "Interessant ist, dass solche Abweichungen sehr langfristig sind, teilweise kann man sie für Jahrzehnte nachweisen", sagt Bettencourt. Er schließt daraus, dass es strukturelle Vor- und Nachteile gibt, die auch bestehen bleiben, wenn eine Stadt mit der Zeit wächst oder sich die Bevölkerungsstruktur völlig verändert. "Diese Städte machen etwas einzigartig richtig oder falsch. Wenn wir das verstehen, bekommen wir wichtige Hinweise dafür, wie sich eine Stadt verbessern oder ihren Erfolg halten kann." Es sei an der Politik, sich genau darauf zu konzentrieren.

Was bedeuten diese Ergebnisse nun für die Städterankings? Ganz einfach: Wenn man die Agglomerationseffekte auf deutsche Städte anwendet, erhält man eine andere Reihenfolge als durch bloße Pro-Kopf-Vergleiche. Man ordnet sie dann nicht nach der tatsächlichen Produktivität pro Kopf, sondern danach, wie weit die jeweilige Stadt von dem Wert abweicht, der für ihre Größe erwartbar ist.

"Damit wird abgebildet, welche Stadt wirklich außergewöhnlich ist", so Bettencourt, "auch Effekte, die mit der jeweiligen Geschichte, Politik und Lokalcouleur der Stadt zusammenhängen, werden so quantitativ erfasst." Die Forscher hoffen, dass ihre Methode sich bald durchsetzt, um aussagekräftigere Rankings zu erstellen.



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