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Ausgegraben

Mexiko Archaeocopter im Härtetest

Mexiko: Drohnen im Dienst der Archäologie Fotos
Marco Block-Berlitz

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Sie sind klein, wendig und erfassen aus der Luft auch unwegsame Ausgrabungsstätten: Minidrohnen sollen Archäologen in Zukunft viel Arbeit abnehmen. Forscher aus Deutschland haben die Geräte nun im tiefsten Dschungel Mexikos getestet. Die größten Probleme: die Hitze und das Stromnetz.

Der Auslandseinsatz mit mehreren Drohnen im Gepäck begann einfacher als befürchtet: "Ich durfte zwei komplette Fluggeräte inklusive neun Akkus mit ins Flugzeug nehmen", berichtet Marco Block-Berlitz aus Tamtoc im Hinterland des mexikanischen Bundesstaates San Luis Potosí.

Im Handgepäck hatte der Informatiker zwei sogenannte Archaeocopter: mit Kameras bestückte, ferngesteuerte Minidrohnen, die Archäologen einsetzen können, um Monumente und Grabungsareale aus der Luft zu filmen. Aus den Videoaufnahmen entstehen anschließend am Computer eindrucksvolle 3-D-Modelle der gefilmten Objekte.

Erfahrungen hat das Team von Block-Berlitz in Deutschland gesammelt, vier unterschiedliche Drohnen-Modelle sind bereits im Einsatz. Das größte davon trägt drei Kameras, das kleinste und leichteste fliegt regelmäßig über die Ausgrabung der verwinkelten Gewölbe der Galeriestraße in Dresden. Dahinter steht ein Kooperationsprojekt der HTW Dresden und der FU Berlin.

Dschungelkarten statt Pizza-Auslieferung

Block-Berlitz entwickelte den Archaeocopter zusammen mit dem Benjamin Ducke: "Archäologen müssen oft unter Zeitdruck große Flächen dokumentieren - und leiden eigentlich immer unter chronischem Geldmangel", sagt der gelernte Archäologe im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Also setzte man es sich zum Ziel, Archaeocopter zu entwickeln - preiswert, einfach zu handhaben und in der Lage, schnell große Datenmengen aufzunehmen. Dazu werden handelsübliche Modelle mit besonders kompakten und robusten Kameras bestückt.

Nun sollen die Minidrohnen im ungleich härteren Auslandseinsatz erprobt werden. Wie würden sich die Fluggeräte über dem dicht bewachsenen, riesigen Ruinengelände von Tamtoc, einer über tausend Jahre alten Fundstätte mit monumentalen Bauten nahe dem heutigen Tamuín, bewähren?

Für einen deutschen Informatiker sind die entlegenen Gebiete Mexikos ein eher ungewöhnlicher Arbeitsort. Bislang hatte Block-Berlitz sich auch eher mit Geräten für den Einsatz in urbanen Räumen befasst: Er erfand ein Vorlesegerät für Blinde und experimentierte mit dem Einsatz von Drohnen bei der Pizza-Auslieferung.

Nach einer Woche in Mexiko ist Benjamin Ducke begeistert: "Es lief fantastisch!" Vom Befliegen der teils offenen, teils überwucherten Strukturen in Tamtoc hatte sich das Team neue Erkenntnisse im Arbeitsablauf und der späteren Aufbereitung der Daten erhofft. Und das hat funktioniert. Die Wissenschaftler erstellten detaillierte 3-D-Modelle vom Gelände und einzelnen Monumenten.

Hitze, Strom und beißfreudige Insekten

Die Archaeocopter bewährten sich dabei prächtig, doch die Laptops litten unter der Hitze. Also Schichtarbeit: Am Tag kreisten die Archaeocopter über der Fundstelle, in der Kühle der Nacht wurden die Daten verarbeitet. Auch das mexikanische Stromnetz erschwerte die Arbeit. "Dass wir andere Stecker brauchen, daran hatten wir zwar noch gedacht", erzählt Block-Berlitz. "Aber die Stromspannung mit 110 Volt in Mexiko ließ die vielen Akkus deutlich langsamer aufladen."

Ungewohnt war auch die Tierwelt Mexikos, die das Projekt intensiv begleitete, so der Informatiker: "Wir wurden von Myriaden von Moskitos und anderen beißfreudigen Insekten umschwärmt. Und die vielen Geier waren auch ganz angetan von unserem Fluggerät und kamen ihm manchmal gefährlich nahe."

Die technische Entwicklung ist noch lange nicht abgeschlossen. "Wir arbeiten auch daran, 4-D-Modelle von archäologischen Grabungen zu erstellen", verrät Ducke. "Da sich Archäologen sehr systematisch von oben nach unten durch das Sediment arbeiten, lässt sich in regelmäßigen Abständen ein Schnappschuss der Grabungssituation aufnehmen." Übereinandergelegt ergeben diese dann eine vollständige Dokumentation der Entwicklung einer Ausgrabung über die Zeit.

Nächster Auftrag Teotihuacán

In Mexiko jedenfalls stießen die Archaeocopter auf Begeisterung. Nach wenigen Tagen bekamen die Forscher Besuch von der obersten mexikanischen Denkmalbehörde - und eine Einladung für ein größeres Projekt im kommenden Jahr.

Dann sollen Block-Berlitz und Ducke in Teotihuacán ihre Drohnen steigen lassen. Die antike Metropole im Hochland von Mexiko ist berühmt für ihre um das Jahr 100 erbaute Sonnenpyramide, welche mit 65 Metern Höhe und über 220 Metern Seitenlänge die drittgrößte der Welt ist. Ideales Einsatzgebiet also für den Archaeocopter: "Die Pyramide ist so groß, dass sie vom Boden aus gar nicht richtig zu erfassen ist", sagt Block-Berlitz.

8 Leserkommentare Diskutieren Sie mit!
wdiwdi 28.10.2013
elbortius 28.10.2013
mtsrbr 28.10.2013
humbahumba 28.10.2013
Thagdal 29.10.2013
humbahumba 29.10.2013
humbahumba 29.10.2013
humbahumba 29.10.2013

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Zur Autorin
  • Sabine Bungert
    Angelika Franz ist Archäologin. Als freie Autorin schreibt sie meistens über Kriege, Seuchen und alles, was verwest, verrottet und verfallen ist. Trotzdem ist sie keineswegs morbide veranlagt, sondern findet vielmehr, dass Archäologie die praktischen Dinge des Lebens lehrt. Bei Bedarf kann sie ein Skalpell aus Flint schlagen, in einer Erdgrube Bier brauen oder Hühner fachgerecht mumifizieren.
  • Homepage von Angelika Franz

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Über die Stratigraphie wird das Alter eines Gegenstands anhand der Erdschicht bestimmt, in der er vorgefunden wurde. Die Schichten (lateinisch Straten) entstehen durch natürliche Ablagerungen und menschliche Aktivitäten. Die Stratigraphie kann deshalb gut mit den anderen Methoden kombiniert werden. Wurde beispielsweise ein Holzstück mit der C-14-Methode präzise datiert, kennt man auch das Alter eines Fundstücks, das in direktem Zusammenhang in derselben Erdschicht lag.


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