Spurensuche Welche Seuche dezimierte die Urbevölkerung Mexikos?

Nach Ankunft der Spanier in Mittelamerika raffte eine mysteriöse Krankheit Millionen Menschen dahin. Jetzt liefern Genanalysen erstmals einen Hinweis auf den möglichen Erreger.

Christina Warinner

Forscher haben erstmals einen direkten Hinweis auf die Ursache einer der verheerendsten Epidemien nach der Eroberung Amerikas gefunden. Demnach wurde die Cocolitzli-Seuche, die Mitte des 16. Jahrhunderts vor allem in Mexiko Millionen Menschen dahinraffte, durch einen Paratyphus-Erreger zumindest mitverursacht.

Das schließt das internationale Team um Alexander Herbig vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena aus Analysen von Opfern der Epidemie. Die Paratyphus-Symptome - unter anderem hohes Fieber, Durchfall und Hautausschlag -, sind mit denen von Typhus vergleichbar.

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Mexiko: Suche nach dem tödlichen Cocolitzli-Erreger

Nach Ankunft der Europäer in Amerika starben große Teile der Urbevölkerung durch eingeschleppte Infektionskrankheiten wie Pocken, Masern, Mumps oder Grippe. Mancherorts kamen bis zu 95 Prozent der Menschen an solchen Krankheiten um, die bis dahin auf dem Kontinent unbekannt waren. Manche Historiker gehen davon aus, dass dieser drastische Bevölkerungseinbruch die Eroberung Amerikas begünstigte.

Vage Zeugnisse

"Allerdings sind die Krankheiten, die für viele Epidemien in der Neuen Welt während der frühen Kontaktphase verantwortlich waren, unbekannt und seit mehr als einem Jahrhundert Gegenstand wissenschaftlicher Debatten", schreibt das Team um Herbig im Fachblatt "Nature Ecology and Evolution". Zwar beschrieben zeitgenössische Chronisten die Symptome, aber die Berichte sind meist so vage, dass sie sich keiner Krankheit eindeutig zuordnen lassen.

Zu den schlimmsten Epidemien zählt die Cocolitzli-Seuche, die von 1545 bis 1550 weite Teile Mexikos und Guatemalas erfasste und sich möglicherweise sogar bis nach Peru ausbreitete. Vor einigen Jahren schätzten Forscher, dass damals 80 Prozent der mexikanischen Urbevölkerung starben.

Cocolitzli bedeutet in der Aztekensprache Nahuatl "Seuche". Die Menschen erbrachen sich, hatten rote Flecken auf der Haut und bluteten aus Körperöffnungen. Als Ursache diskutierten Wissenschaftler bisher Masern, hämorrhagisches Fieber oder Lungenpest.

Unberührter Friedhof

Das Team untersuchte nun in Teposcolula-Yucundaa im südmexikanischen Bundesstaat Oaxaca Gräber, die auf die Epidemie zurückgehen. Die Stadt wurde nach der Seuche von einer Bergspitze ins benachbarte Tal verlegt, der Friedhof blieb seitdem nahezu unberührt. "Das ist der einzige bekannte Friedhof, der historisch mit der Cocolitzli-Epidemie verbunden ist", schreibt das Team.

Die Forscher nahmen von 29 bestatteten Menschen Zahnproben und untersuchten diese mit einem neuen Verfahren auf Erbgut von Bakterien. Bei zehn Menschen fanden sie genetische Überbleibsel von S. enterica der Variante enterica serovar Paratyphi C. Dieser Erreger von Paratyphus wird durch Fäkalien verbreitet und über kontaminiertes Essen und Wasser aufgenommen.

Da alle Proben aus der Pulpakammer der Zähne stammen, gehen die Forscher davon aus, dass der Erreger zum Todeszeitpunkt in der Blutbahn dieser Menschen zirkulierte. Möglicherweise seien neben diesem Keim noch andere Erreger an der Epidemie beteiligt gewesen.

Allerdings steht nicht fest, dass diese Bakterien tatsächlich von den Europäern nach Amerika gebracht wurden. Als sicher gilt, dass die gefundene Variante schon 1200 in Norwegen zirkulierte - also schon im Mittelalter in der Alten Welt heimisch war.

Da nicht alle Infizierten erkranken, halten es die Forscher für möglich, dass asymptomatische Träger den Erreger von Europa nach Amerika brachten. Eventuell habe es das Bakterium aber auch schon vorher in Amerika gegeben. Bei der Epidemie starben zeitgenössischen Berichten zufolge sowohl amerikanische Ureinwohner als auch Europäer.

Heute ist die Paratyphus-Variante vor allem in Afrika und Asien verbreitet. In Deutschland wurden 2016 laut Robert Koch-Institut 36 Erkrankungen registriert. Sie wurden alle von Reisenden importiert, die meisten davon aus Indien.

Walter Willems, dpa/brt

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