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Unglücksflug MH370: Simulationen stellen Suchstrategie infrage

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Seeboden im bisherigen Suchgebiet: "Wahrscheinlich aus dem östlichen äquatorialen Indischen Ozean" Zur Großansicht
AFP / Geoscience Australia

Seeboden im bisherigen Suchgebiet: "Wahrscheinlich aus dem östlichen äquatorialen Indischen Ozean"

Welchen Weg nahmen die Trümmer des Unglücksflugs MH370 über den Indischen Ozean? Deutsche Forscher haben die Drift der Teile simuliert - und stellen erstaunliche Ergebnisse in Aussicht.

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Was ist mit der verschollenen Boeing 777 des Fluges MH370 passiert? Seit dem 8. März 2014 wird die Maschine mit 239 Menschen an Bord vermisst. Als Ende Juli ein Wrackteil am Strand der zu Frankreich gehörenden Insel La Réunion angespült wurde, schöpften Ermittler neue Hoffnung: Womöglich kann die Flügelklappe dabei helfen, das Rätsel doch noch zu lösen - unter anderem weil sich der Weg des Trümmerstücks über den Indischen Ozean nachvollziehen lassen müsste. Und das wiederum sollte zumindest großflächige Hinweise auf den Absturzort liefern.

Computer-Berechnungen deutscher Meeresforscher legen nun nahe, dass bis jetzt womöglich im falschen Gebiet nach der Malaysia-Airlines-Maschine gefahndet wurde. Bisher werde angenommen, MH370 sei auf Höhe des 35. Breitengrades weit südlich des Äquators ins Meer abgestürzt, sagt Andreas Villwock vom Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel. Modellrechnungen von Forschern seines Hauses zeigten hingegen, dass das Wrackteil "wahrscheinlich aus dem östlichen äquatorialen Indischen Ozean stammt". Das liegt weit am nördlichen Ende des aktuellen Suchareals.

Über mehrere Wochen hatten die Kieler Forscher Arne Biastoch und Jonathan Durgadoo am Computer den Weg des Trümmerteils über den Indischen Ozean zurückverfolgt. Ihr Modell nutzte tagesaktuelle Strömungsdaten aus den vergangenen Monaten, die von französischen Kollegen stammen. Die entscheidende Frage: Welchen Weg hat das Trümmerstück über den Indischen Ozean genommen, den Wissenschaftler wegen seiner chaotischen Wirbel und Turbulenzen auch mit dem Inneren eines Flipperautomaten vergleichen?

Eine Rückrechnung mit dem Computer kann keinen präzisen Absturzort liefern, bestenfalls ein sehr großräumiges Gebiet - das hatten die Forscher vor dem Start der Simulationen bereits klargestellt. Am kommenden Dienstag wollen sie auf einer Pressekonferenz in Kiel ihre Erkenntnisse im Detail präsentieren. Doch so viel scheint bereits jetzt klar: Die Ergebnisse der Forscher stehen im Widerspruch zur australischen Suchstrategie.

Die Fahndung konzentriert sich auf Meeresgebiete westlich der australischen Küste - und nicht auf die Äquatorregion, die sich nun offenbar in den Simulationen zeigt.

Insgesamt sollen 120.000 Quadratkilometer abgesucht werden, eine Fläche so groß wie Bayern, Baden-Württemberg und Hessen zusammen. Zwei Schiffe des Geotechnik-Unternehmens Fugro haben die Aufgabe im Auftrag der Regierungen von Australien, Malaysia und China übernommen. Bisher haben sie rund 55.000 Quadratkilometer mit Sonar untersucht - ohne greifbares Ergebnis. Die Simulation scheint nahezulegen, dass große Teile des südlichen Gebiets umsonst durchkämmt wurden.

"Ich bin ziemlich frustriert"

Die angeschwemmte Flügelklappe wird währenddessen weiter in einem Labor bei Toulouse untersucht. Nach malaysischen Angaben gehört das Wrackteil definitiv zu MH370. Französische Ermittler sprachen von einer "sehr starken Vermutung". Australien gibt sich deswegen zuversichtlich, dass das Wrack gefunden wird.

Hinweise auf den Absturzort könnten nach Ansicht deutscher Wissenschaftler auch sogenannte Entenmuscheln liefern. Diese haben sich auf dem Trümmerstück angesiedelt, während es über den Indischen Ozean trieb. Geologe Hans-Georg Herbig und der Biologe Philipp Schiffer, beide aus Köln, haben die kleinen Krebstiere auf Fotos identifiziert.

Die beiden sind Experten für die mit den Seepocken verwandten Tierchen. Herbig und Schiffer haben für fünf Entenmuschelarten aus verschiedenen Teilen der Weltmeere erstmals genetische Fingerabdrücke erstellt. Dabei haben sie auch herausgefunden, dass die Arten jeweils nur in bestimmten, von der geografischen Breite abhängigen klimatischen Zonen vorkommen.

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Entenmuscheln: Weder Ente noch Muschel
Doch weil die französischen Behörden ihnen bisher kein Probenmaterial der Organismen vom Wrackteil zur Verfügung gestellt haben, können sie ihre Erkenntnisse bisher nicht für die Suche nach dem Absturzort nutzen. "Ich bin ziemlich frustriert, weil sich trotz Anfragen auf verschiedenen Kanälen niemand gemeldet hat", sagt Hans-Georg Herbig im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Wir haben vieles versucht, es ist aber keine Reaktion gekommen."

Zusammengefasst: Offiziell stellen die Forscher vom Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel ihre Untersuchungen erst am kommenden Dienstag vor - doch sie haben bereits einen ersten Hinweis gegeben: Computeranalysen legen demnach nahe, dass ein auf La Réunion angeschwemmtes Trümmerteil des Fluges MH370 aus dem "östlichen äquatorialen Indischen Ozean" stammt. Das liegt weit von dem Gebiet entfernt, in dem derzeit mit zwei Schiffen nach dem Wrack der Malaysia-Airlines-Maschine gesucht wird.

Mit Material von dpa

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 59 Beiträge
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1. Besser wäre,
uherm_ 28.08.2015
die französischen Behörden würden ihren Stolz beiseite stellen und die Entenmuscheln den deutschen Wissenschaftlern überlassen. Wer Genanalysen von bestimmten Muschelarten macht, hat mein Vertrauen.
2.
Volksverretter 28.08.2015
"Ich bin ziemlich frustriert, weil sich trotz Anfragen auf verschiedenen Kanälen niemand gemeldet hat", sagt Hans-Georg Herbig im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Wir haben vieles versucht, es ist aber keine Reaktion gekommen." Das hoert sich sehr interessant an. Die einzige Moeglichkeit, wirklich nahe an den realen Ort des Startpunktes des Treibens dieser Teile im Meerwasser festzustellen, wird nicht zur Verfuegung gestellt. Welches Ergebnis befuerchten die franzoesischen Behoerden? Oder wurde es von ausserhalb verboten, dieses Feststellen zu lassen? Hach, wie schoen. Alle Beteiligten bemuehen sich wirklich. Jede Moeglichkeit, Tatsachen auf den Tisch zu bekommen, wird ausgelassen. Und nachher wieder meckern, weil nicht offizielle VT's gegen die offiziellen VT's, eh, Theorien gestellt werden. Klug geht anders!
3.
Hafturlaub 28.08.2015
Zitat von Volksverretter"Ich bin ziemlich frustriert, weil sich trotz Anfragen auf verschiedenen Kanälen niemand gemeldet hat", sagt Hans-Georg Herbig im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Wir haben vieles versucht, es ist aber keine Reaktion gekommen." Das hoert sich sehr interessant an. Die einzige Moeglichkeit, wirklich nahe an den realen Ort des Startpunktes des Treibens dieser Teile im Meerwasser festzustellen, wird nicht zur Verfuegung gestellt. Welches Ergebnis befuerchten die franzoesischen Behoerden? Oder wurde es von ausserhalb verboten, dieses Feststellen zu lassen? Hach, wie schoen. Alle Beteiligten bemuehen sich wirklich. Jede Moeglichkeit, Tatsachen auf den Tisch zu bekommen, wird ausgelassen. Und nachher wieder meckern, weil nicht offizielle VT's gegen die offiziellen VT's, eh, Theorien gestellt werden. Klug geht anders!
Vermutlich wird den Franzosen herzlich egal sein, welche Theorien irgendwelche Verschwörungsgläubige verzapfen, sie werden es nicht mal mitbekommen. Die werden sicher zuerst versuchen mit ihren eigenen Leuten etwas Licht ins Dunkel zu bringen bevor sie Beweismittel rund um den Globus verteilen.
4. abwarten und Tee trinken
neswlf88 28.08.2015
Bevor es jetzt wieder mit Diego Garcia etc. losgeht, möchte ich gerne darauf hinweisen, dass es sich im Artikel um die Meinung von Kieler Forschern handelt. Es kursieren jede Menge Meinungen anderer Experten, die überzeugt sind dass Australien genau im richtigen Gebiet sucht. Die entscheidende Frage ist: Auf welchen Strömungen basiert denn das Computermodell der Kieler Forscher? Handelt es sich um Oberflächenströmungen, Wind oder was genau? Bis jetzt weiß man doch noch gar nicht, ob die Flügelklappe die ganze Zeit an der Oberfläche schwamm... wieviel Angriffsfläche sie dem Wind bot... oder ob sie nicht weitestgehend IM Wasser schwamm. Solange das nicht geklärt ist, machen all diese Computermodelle gar keinen Sinn. Man sollte die Franzosen ihre Arbeit tun lassen & sich dann einmischen, wenn man die gewünschten Daten zur Verfügung hat. Es waren 4 Franzosen an Bord, deshalb ermittelt die französische Staatsanwaltschaft (mit Hilfe der BEA) in dem Fall. Daran ist gar nichts mysteriös, und es ist auch klar dass Ergebnisse erst mitgeteilt werden, wenn die Untersuchungen abgeschlossen sind. Solange müssen die Medien sich eben gedulden. Die bis jetzt stärksten Hinweise für den Absturzort von MH370 sind nunmal die Inmarsat-Satellitendaten samt dazugehörigen Berechnungen. Und diese deuten eben auf das südliche Gebiet des "7th Arc" hin. Die australische Suchbehörde JACC hat bereits signalisiert, dass man sich nach Abschluss der Untersuchungen der Flügelklappe (womit im September gerechnet wird) mit allen Verantwortlichen zusammensetzen wird & über eine ev. Verlegung des Suchgebiets beraten wird. Fazit: (1) Erst die Franzosen ihre Arbeit machen lassen (2) dann wird beraten (3) und dann eventuell das Suchgebiet verlegt. Zu Punkt (2) dürfen sich die Kieler Forscher dann gerne einmischen, aber erst, wenn alle Untersuchungsergebnisse der Klappe veröffentlicht sind.
5. ok
skygirl 28.08.2015
ok, nun haben wir zwei Spuren, die auf zwei unterschiedliche Suchgebiete hinweisen: Spur 1 - Handshakes mit dem Inmarsat-3 F1 Spur 2 - Rückberechnung des Wegs eines Wrackteils über einen Zeitraum von 16 Monaten (unter der Prämisse, dass es beim Absturz direkt zu Treibgut wurde und sich nicht erst später vom Wrack gelöst hat) durch ein Seegebiet dass nicht systematisch und konstant untersucht wird. Ich stelle mal in Frage, dass die Wissenschaftler (deren Qualifikation ich nicht in Abrede stellen will) ein mathematisch exaktes Modell des Flapperons haben und mich würde darüber hinaus die Qualität der vorhandenen Strömungsdaten der "französischen Kollegen" (wer genau?, woher?, mit welchen Mitteln gewonnen?) interessieren. Die Inmarsat Daten passen zur möglichen Flugzeit bis zum Flameout der Triebwerke - sollte der Flug dann in dem von den Wissenschaftkern vage beschriebenem Gebiet geendet haben, wäre dies nicht mit den Signallaufzeiten der Handshakes vereinbar, aus denen sich der Southern Arc, an dessen Ende gesucht wird errechnet. Vielleicht wissen wir am Dienstag mehr, meine Hoffnungen setze ich aber (bis dahin) auf die Suche vor Australien.
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